Samstag, 25. Mai 2002

Fidel Castro im Protestakt gegen die Blockade, die Verleumdungen und Drohungen der Regierung der Vereinigten Staaten gegen Kuba

Ansprache des Präsidenten der Republik Kuba, Fidel Castro Ruz, auf der Offenen Tribüne der Revolution, im Protestakt gegen die Blockade, die Verleumdungen und Drohungen der Regierung der Vereinigten Staaten gegen Kuba auf dem Plaza Los Olivos, Sancti Spiritus, am 25. Mai 2002

Liebe Mitbürger!

Nur ein paar Minuten, um Euch alle zu begrüßen und einige wenige Worte auszusprechen, die zu diesem Anlaß in erster Linie an das nordamerikanische Volk gerichtet sind.

Unser Kampf ist und wird niemals gegen das Volk der Vereinigten Staaten sein. Vielleicht empfängt man in keinem anderen Land mit soviel Respekt und Gastfreundschaft nordamerikanische Bürger wie man dies in Kuba tut.

Wir sind Menschen mit Ideen und nicht eine Gemeinschaft von Fanatikern. In Kuba hat man nie das Volk der Vereinigten Staaten für die Aggressionen verantwortlich gemacht, die wir durch seine Regierungen erlitten und auch nicht Haß gegen es verbreitet. Das wäre gegen unsere politischen Doktrinen und unser internationalistisches Gewissen, das sich über viele Jahre bewährt hat und sehr in unserer Denkweise verwurzelt ist.

Wenn das Vaterland die Menschheit ist, wie José Martí urteilte, dann sind wir Bürger der Welt und Brüder aller Völker des Planeten. Seine Kinder, seine Jugendlichen, seine älteren Leute, seine Männer und Frauen sind auch unsere, unabhängig der ökonomischen, politischen, religiösen und kulturellen Ideen jedes Einzelnen.

Die Beziehungen zwischen den Völkern Kubas und der Vereinigten Staaten haben sich von Tag zu Tag gebessert, und dies obwohl sie jahrzehntelang von einer Sintflut von verleumderischer Propaganda und manipulierter Information sehr beeinflußt worden waren. Diese Verbesserung besteht besonders, seitdem 80% der Bürger der Vereinigten Staaten die Rückgabe des seiner Familie und seinem Vaterland entführten Jungen unterstützten.

Ich habe immer gedacht, ausgehend von meinen Überlegungen über die neueste Geschichte dieses Landes, daß zwar das nordamerikanische Volk ein böses Anliegen unterstützen kann- und das hat es nicht wenige Male getan -, aber dazu muß man es erst betrügen. Wenn auch beim Vietnams Krieg die schmerzhaften Bilder junger leblos zurückkehrender Nordamerikaner, die es täglich beobachten mußte, dazu beitrugen, ein Bewußtsein über das Sterile, Ungerechte und Absurde jenes Krieges zu schaffen, geschah im Falle des Jungen nichts Ähnliches. Als es die grausame Ungerechtigkeit mit diesem Kind durch die eigenen Massenmedien erfuhr, zögerte das nordamerikanische Volk nicht, sich an die Seite der Gerechtigkeit zu stellen. Das wird Kuba nie vergessen!

Es tut uns im Innersten weh, daß man versucht, dieses Volk von noblem Wesen mit der diabolischen Erfindung anzuführen, daß man in den Labors, wo unsere selbstlosen Wissenschaftler Impfstoffe, Arzneien und Therapiemittel entdecken, produzieren und entwickeln, die Krankheiten vorbeugen oder heilen, Leiden ersparen und unzählbare Leben retten, Programme zur Entwicklung und Produktion von biologischen Waffen durchführt.

Abwechselnd spricht man von der Fähigkeit sie zu produzieren. Im Laufe der Geschichte hat jegliche technisch-wissenschaftliche Erkenntnis zum Guten oder Schlechten gedient. In unserem Land haben wir nie daran gedacht, solche Waffen zu produzieren. Unsere Wissenschaftler wurden in der heiligen Mission erzogen, das Leben zu schützen und nicht es zu zerstören.

Kuba hat die doppelte Anzahl von Ärzten pro Kopf im Vergleich zu alle entwickelten Ländern zusammen. Kein Land leistete oder leistet mehr unentgeltlich den Einrichtungen des Gesundheitswesens anderer Völker Hilfe, oder hat mehr Leben gerettet. Ein Volk das so handelt, hat nicht und kann auch nicht die Neigung eines Fabrikanten für biologische Waffen haben.

Wichtiger als die Kenntnisse sind die Gefühle. Und über alles muß die Wahrheit heilig sein.

Zwei Wochen nach der niederträchtigen Verleumdung erfolgte die arbiträre Einbeziehung Kubas in eine Liste der Länder, die den Terrorismus fördern.

Mehr als die Sorge um den moralischen und politischen Schaden, der sich von solchen gaunerhaften Beschuldigungen ableiten kann, schmerzt uns die Idee, daß auch nur einer der Nordamerikaner dahin kommen würde zu glauben, daß ihm, seiner Familie und seinem Volk von Kuba aus irgend ein Schaden verursacht werden könnte.

In 43 Jahren unserer Revolution wurde in den Vereinigten Staaten weder ein einziger Bluttropfen vergossen, noch ein Atom des Reichtums verloren, die auf einen von Kuba ausgehenden Terrorakt zurückzuführen wären. Umgekehrt sind es Tausende von verlorenen Leben und astronomische Ziffern von materiellen Schäden die unserem Vaterland von nordamerikanischem Territorium aus zugefügt wurden. Das ist etwas , worüber das Volk der Vereinigten Staaten informiert werden muß, anstelle es mit Verleumdungen und Lügen zu übersättigen.

Die einzige Wahrheit , die hervorgehen sollte, ist, daß das Volk der Vereinigten Staaten Impfstoffe, Arzneien und medizinische Verfahren erhalten könnte, die mit Sicherheit viele Leben retten, oder nützlich sein könnten, um das Wohlgefühl und die Gesundheit wiederzuerlangen, wenn das absurde Verbot des Handelsaustausches aufgehoben würde. Wenn diese bescheidene Kooperation möglich ist, dann Dank dessen, daß es seit langem kein Analphabetentum mehr in unserem Land gibt, ein hohes Bildungsniveau erreicht wurde und Kuba sich jedes Mal mehr in ein Land mit nicht nur großen artistischen und intellektuellen Talenten, sondern auch von Pädagogen, Wissenschaftlern und Hunderttausenden von Bürgern, die in der Lage sind Reichtümer mit Hilfe ihrer ausgebildeten Intelligenzen zu schaffen, umwandelt. Dies ist ein Beweis dessen, was man trotz der ererbten Unterentwicklung und der längsten ökonomischen und finanziellen Blockade, die je ein Volk erleiden mußte, erreichen kann.

Es schmerzt uns auch zu sehen, wie das US-amerikanische Volk von einer Atmosphäre des Terrors umgeben ist, die sein Leben in Unordnung bringt, seine schöpferischen Fähigkeiten beschränkt, seine normalen Aktivitäten beeinträchtigt und seine Wirtschaft in Mitleidenschaft zieht.

Ich will diesen Augenblick nicht benutzen, um das zu kritisieren, was man hätte machen können und nicht machte, um das schreckliche Verbrechen des 11. September zu verhindern; ich verfüge nicht über genügend Anhaltspunkte.

Als Führungspersönlichkeit eines Landes, das sich über mehr als vier Jahrzehnte hinweg vor Tausenden von terroristischen Aktionen verteidigen mußte, kann ich bekräftigen, daß das unaufhörliche Säen von Panik nicht der korrekte Weg ist; das kann der Bevölkerung psychologisch Schaden zufügen und das Leben in diesem riesigen Land in eine unerträgliche Hölle verwandeln. Die Risiken von schwerwiegenden terroristischen Aktionen existierten und existieren weiterhin in den Vereinigen Staaten genauso wie an jedem anderen Ort der Welt, und zwar vor und nach dem 11. September. Solche Terroranschläge können sogar von geistig verwirrten Personen verübt werden, die von dem herrschenden Klima in Erregung versetzt wurden. Die Führungspersönlichkeiten eines Landes können sich nicht durch die Furcht vor den Realitäten zu Fehlern hinreißen lassen; es sind viele und sehr unterschiedliche Realitäten, die zur Zeit eine Bedrohung für die menschliche Gesellschaft darstellen.

Von allen Präventivmaßnahmen, die gegen den Terrorismus ergriffen werden können, gibt es einige grundsätzliche, nämlich das Volk zu bilden, es über diese Realitäten und Gefahren zu informieren, ihm Ernsthaftigkeit, Vertrauen und die erforderlichen Kenntnisse zu vermitteln, um von ihm die größte und wirksamste Zusammenarbeit in diesem Kampf zu erhalten.

Wir Kubaner, die wir daran gewöhnt sind, zusammen mit dem Volk Schlachten zu schlagen, können uns keinen Sieg ohne die Beteiligung und die Unterstützung des Volkes vorstellen.

Es ist eine elementare Pflicht der mit Arbeit überhäuften Führungspersönlichkeiten unserer komplexen Welt, neben vielen anderen Verpflichtungen – und ohne den Hunger, die Armut, die Unterentwicklung, die ganze Regionen dezimierenden Krankheiten, die Klimaveränderungen und andere Mißstände zu vergessen – über die Ursachen und Wurzeln nachzudenken, die zu der gefährlichen Seuche des Terrorismus geführt haben, und wirklich effiziente Methoden zu dessen Bekämpfung anzuwenden.

Bei seinen derzeitigen Schwierigkeiten und bei dem Kampf gegen die Geißel des Terrorismus kann das Volk der Vereinigten Staaten auf dieses freundschaftliche, solidarische und großzügige Volk zählen.

Es lebe das politische und wirtschaftliche System, das Kuba zu einem Vorbild an Gerechtigkeit, voller Souveränität, wahrer Freiheit, Würde und Heldentum gemacht hat!

Es lebe das patriotische, vereinte und gebildete Volk, das keine Macht auf dieser Erde jemals in die Knie zwingen kann!

Wir werden siegen!

Montag, 22. April 2002

Politische Erklärung des Vorsitzenden des Staatsrates der Republik Kuba

Meine Weigerung, die Beweise zu den Ereignissen in Monterrey beizubringen, die mich zwangen, mich noch am selben Tag meiner Rede auf dem Gipfeltreffen zurückzuziehen, war darauf zurückzuführen, daß Herr Castañeda in seinem dreisten Wagnis den Präsidenten Vicente Fox mit hineingezogen hatte. Ich konnte sie nicht vorbringen, ohne dabei den mexikanischen Staatschef mit darin zu verwickeln.



Die gegenwärtige Genfer Konspiration gegen Kuba war von Herrn Castañeda in Washington eingefädelt worden. Die tschechische Regierung hatte ihre teure und zum Verruf gereichende Söldnerrolle satt. Nach der in Genf gewaltsam gegen Kuba erzwungenen Resolution war der Regierung der Vereinigten Staaten durch geheime Abstimmung im Wirtschafts- und Sozialrat (ECOSOC) die Mitgliedschaft in der Kommission für Menschenrechte entzogen worden. Es war dies die beschämendste Niederlage seit der Gründung dieses Organs im Jahr 1945.



Nun bietet sich der mexikanische Außenminister Jorge Castañeda an, dieser neuen und listigen Machenschaft lateinamerikanisches Gepräge zu geben. Ein schamloser, geschickter und betrügerischer Vorschlag sollte in der Menschenrechtskommission von lateinamerikanischen Delegationen lanciert werden. Dem widmete er sich für den Rest des Jahres 2001. Das gab Veranlassung zu wiederholten Zwischenfällen mit Kuba, die Gegenstand zahlreicher Kritiken seitens politischer Persönlichkeiten und Mitglieder des Abgeordnetenhauses und des Senats Mexikos waren.



Bereits am 20. April 2001, also am Folgetag der Abstimmung über die Resolution gegen Kuba, bei der sich Mexiko der Stimme enthielt, erklärte Genosse Felipe Pérez Roque, Minister für Auswärtige Angelegenheiten unseres Landes, daß der mexikanische Außenminister Jorge Castañeda alles nur Mögliche getan habe, um zu erreichen, daß Mexiko seine Position ändert und Kuba verurteilt wird. Im Verlaufe des gesamten vergangenen Jahres befaßte sich Herr Castañeda damit, in dieser Richtung zu intrigieren und zu konspirieren.



Anfang dieses Jahres kommt es auf Initiative Mexikos unter dem Vorwand der Verbesserung der Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu einem Besuch einer hochrangigen Delegation in Kuba mit Fox an der Spitze. Man näherte sich der Konferenz in Monterrey. Wie bereits Reagan kurz vor dem im Oktober 1981 in Mexiko stattfindenden Nord-Süd-Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs verfuhr, drohte auch Bush mit Abwesenheit für den Fall der Teilnahme Kubas. Die Ehre und Pflichten der Regierung Mexikos gerieten erneut in Widerspruch zu ihren Interessen. Man verstehe wohl: der Regierung Mexikos. Ich spreche bei weitem nicht vom mexikanischen Brudervolk. Der Besuch von Fox und Castañeda in Kuba, wo sie am 3. Februar um 10.30 Uhr eintrafen, war auf das Sorgfältigste bedacht worden. In allem war Falschheit und Berechnung präsent. Wir wußten recht wohl, daß eines der Ziele darin bestand, uns darum zu bitten, von unserer Teilnahme Abstand zu nehmen. Sie wagten es nicht. Die erste Stunde des um 11.14 Uhr einsetzenden Gespräches genügte. Fast genügten die ersten Minuten. Ich kam ihnen zuvor, indem ich ihnen die Einladung ins Gedächtnis brachte, die unser Land zur Teilnahme an diesem Gipfeltreffen von den Vereinten Nationen erhalten hatte. Danach unterzog ich die ganze Heuchelei und Tücke der gegen Kuba in Genf betriebenen Machenschaften einer eingehenden Prüfung.



Der Austausch mit Fox und anderen Mitgliedern der Delegation zu verschiedenen Aspekten verlief ernst und produktiv. Castañeda rückte nervös und unruhig hin und her – man soll nicht denken, ich hätte etwas gegen ihn. Nach Abschluß des ersten Gespräches ein leichtes Mittagessen mit Fox und seiner Delegation. Kranzniederlegung am Martí-Denkmal. Ausgiebige programmierte Rundfahrt, auf der ich ihn die ganze Zeit begleitete. Während der Fahrt sprachen wir mit ziemlicher Ernsthaftigkeit und Vertrautheit über mehrere Themen. Wir besuchten Habana Vieja, ein mit Begleitgas des Erdöls mittels der Technologie des kombinierten Zyklus betriebenes Elektrizitätswerk im Osten der Hauptstadt; auf meine Anregung hin das Haus des frisch von Fox mit einem Orden ausgezeichneten Stadtchronisten Eusebio Leal, um dessen Mutter zu begrüßen, die sich von einer Krankheit erholte.



Die Rundfahrt endete im Internationalen Zentrum für Neurologie, wo viele Mexikaner mit Erfolg eine Behandlung erfahren.



An jenem Nachmittag fand um 16.00 Uhr ein Gespräch zwischen unserem Minister für Auswärtige Angelegenheiten und Herrn Castañeda statt. Jener wagte nicht einmal, mit Felipe das Vorfeld des Genfer Antikubaprojektes zu diskutieren. Das Gipfeltreffen von Monterrey erwähnt er nicht und verspricht, in Genf keinerlei Antrag gegen Kuba weder zu fördern, noch zu unterstützen.



Um 20.00 Uhr Staatsempfang im Palast der Revolution; 20.53 Uhr Privatgespräch mit Präsidenten Fox in meinem Amtsraum. Als wir nach mehreren anderen Bemerkungen das Thema Genf ansprachen, versicherte er mir wörtlich, Mexiko werde nie etwas tun, was Kuba zum Schaden gereichen könne, denn es bestünden langjährige Beziehungen, die man keinesfalls beeinträchtigen wolle. Später dann das vorgesehene Abendessen, das in freundschaftlicher Atmosphäre verläuft. Der Besuch hinterläßt bei uns einen positiven Eindruck. Es waren viele Stunden des respektvollen und dem Anschein nach offenen Austauschs.



Doch dieser angenehme Eindruck hielt nicht lange an. Castañeda gab sich rätselhaften und seltsamen Erklärungen hin: „Die Beziehungen Mexikos zur kubanischen Revolution gibt es nicht mehr; jetzt sind es die Beziehungen zur Republik Kuba...“; „die mexikanische Haltung von heute ist nicht die Haltung der Vergangenheit“ usw. Wenig später reist er nach Miami, um am 26. Februar ein mexikanisches Kulturinstitut einzuweihen. Gäste dort sind eine sehenswerte Fauna von Terroristen und Konterrevolutionären kubanischer Herkunft, die mit Kultur bislang noch nie etwas zu tun hatten. Erneut bringt er seine in geistiger Nachtarbeit gezimmerte Theorie über die Beziehungen Mexikos zur Revolution oder zur Republik zur Sprache und bedenkt seine „auserlesene“ Zuhörerschaft mit versüßenden Worten. Er erklärt: „Die Tür der Botschaft Mexikos in Havanna ist, wie auch Mexiko selbst, allen kubanischen Bürgern offen. Redakteure des subversiven und irreführend als Radio Martí bezeichneten Rundfunksenders manipulieren seine Worte und wiederholten während des ganzen Folgetages, es sei zum Bruch der Beziehungen zwischen Mexiko und Kuba gekommen und die Türen der Botschaft jenes Landes in Havanna seien für alle offen.



In den Nachtstunden jenes Tages kommt es zu einem schweren Zwischenfall, der nur beigelegt werden konnte durch die von der mexikanischen Regierung erbetene ernste und effiziente Kooperation Kubas in den frühen Morgenstunden des 1. März, ohne den Eindringlingen (in die Botschaft) auch nur einen Kratzer zuzufügen. Lügen und plumpe Verleumdungen werden verbreitet. Es wird sogar behauptet, dies alles sei auf eine Provokation Kubas zurückzuführen gewesen. Der März hatte begonnen. Das Gipfeltreffen von Monterrey war in nächste Nähe gerückt.



Meine Entscheidung, ob ich an Treffen dieser Art teilnehmen werde oder nicht, gebe ich niemals bekannt. Die Gründe liegen auf der Hand. Habe ich die Entscheidung getroffen, benachrichtige ich erst in letzter Minute die dafür zuständigen Personen. Es gibt sie sogar, die ohne jegliche Vorabinformation erscheinen und nie Schwierigkeiten mit den Gastgebern hatten. Dieses Mal, nachdem die Entscheidung annähernd drei Tage vorher getroffen worden war, informierte ich meine Ankunft 24 Stunden im voraus, am 19. März. Ich hatte zwei Gründe: Weder Bush noch Fox selbst wünschten meine Anwesenheit. Andererseits wünschte ich keine lange Diskussion mit Fox und Castañeda, die versuchen würden, mich zu überzeugen und mich inständig bitten würden, nicht zu erscheinen. Als Präsident Reagan drohte, das Gipfeltreffen von 1981 zu boykottieren, sah ich mich gezwungen, dem Präsidenten José López Portillo entgegenzukommen. Beschämt und bekümmert verhielt sich dieser wie ein Gentleman. Er war elegant, lud mich nach Cozumel ein, und in aller Offenheit legte er mir seine Tragödie dar. So entsprach ich seinem Anliegen.



Dieses Mal waren es andere Zeiten; auch die Personen waren andere. Die Weltlage ist heute außerordentlich ernst und komplex. Die Konferenz befaßte sich mit einem Thema von lebenswichtiger Bedeutung für alle Länder der armen und ausgebeuteten Welt. Daran teilzunehmen war mein gutes Recht und ich entschied mich dazu. Ich wußte recht wohl, daß, sobald die Mitteilung über meine Teilnahme erfolgt war, es keine Minute dauern würde, bis der Präsident der Vereinigten Staaten informiert wäre und auf Mexiko unvermeidlichen Druck ausüben würde. Ich wollte ihnen dafür nicht allzu viel Zeit lassen. Ich verfaßte ein kurzes Schreiben und wies unseren Botschafter an, dieses im Amt des Präsidenten von Mexiko um 19.00 Uhr kubanischer Zeit, 18.00 Uhr mexikanischer Zeit, zu übergeben.



Obwohl Monterrey von Delegierten überlaufen war, hatte unsere Delegation rechtzeitig zwanzig der vierzig Zimmer eines kleinen kürzlich erst eröffneten Hotels reserviert. Aufgrund der Ungewißheit hinsichtlich der Reise wurden nicht alle Zimmer reserviert. Außerdem wollten wir die von den Vereinigten Staaten ausgebildeten, verwöhnten und beschützten ewigen und allgegenwärtigen Terroristen desinformieren. In letzter Minute reichte mir die Hälfte jenes kleinen Hotels.



Der Inhalt meines Schreibens – von Herrn Castañeda bereits veröffentlicht, um einen Satz zu manipulieren und damit ein Argument zu erarbeiten, das meine schnelle Rückkehr erklären sollte – lautete wörtlich:



„Havanna, den 19. März 2002



Werter Herr Präsident!



Erneut las ich aufmerksam Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 28. Januar dieses Jahres, in dem Sie mich zur Teilnahme an der Internationalen Konferenz der Vereinten Nationen über Entwicklungsfinanzierung einladen, die in Monterrey stattfinden wird. Bereits vorher hatte ich am 21. Dezember 2001 die Einladung der Botschafter Shamshad Ahmad und Ruth Jacoby, Kopräsidenten des Vorbereitungskomitees der Vereinten Nationen, erhalten.



Mein enormer Arbeitsumfang der letzten Wochen erlaubte mir nicht, die Sicherheit der Teilnahme an dieser Konferenz zu haben. Das bekümmerte mich stark Mexiko gegenüber, Durchführungsort dieses bedeutenden Treffens, sowie den Vereinten Nationen gegenüber, die diesem eine so hohe Bedeutung beimessen.



Daher habe ich mich zu einer zusätzlichen Anstrengung und Teilnahme an dieser Konferenz entschlossen, sei es auch nur die minimal mögliche Zeit, was ich an erster Stelle Ihnen hiermit gern mitteile.



Ich hoffe, mit konstruktivem Geist zum Erfolg dieser Konferenz beitragen zu können, der Mexiko angestrengte Bemühungen angedeihen ließ.



Werter Herr Präsident Fox, ich wünsche Ihnen Erfolg und versichere Sie meiner Freundschaft und persönlichen Achtung.



Fidel Castro Ruz“



Die Mitteilung über die Kürze meines Aufenthalts bedeutete ganz klar, daß ich mich ausschließlich auf die zwei Tage der Konferenz beschränken würde – diese war in der Tat meine Absicht – und kein weiteres zusätzliches Programm in Mexiko absolvieren würde.



Als unser Botschafter das Schreiben dem persönlichen Sekretär des Präsidenten übergab, wurde ihm mitgeteilt, daß Fox unmittelbar vor Reiseantritt nach Monterrey stand. Nach Erledigung dieser Aufgabe begab sich unser Repräsentant zum Amt des Regierungssekretärs, dem er die Nachricht übermittelte, um die entsprechenden Absprachen zu treffen. Unsere Ankunft in Monterrey sollte 24 Stunden später erfolgen.



Um etwa 23.00 Uhr kubanischer Zeit wird in meinem Büro ein Anruf aus Mexiko erhalten mit der Benachrichtigung, daß Präsident Fox mich so dringend wie möglich zu sprechen wünscht. Da ich mich nicht in meinem Büro befand, wird darum gebeten, den Anruf etwas später zu wiederholen. Um 23.28 Uhr wird der Anruf aus Mexiko wiederholt. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit mehreren Genossen in einem kleinen Salon unweit meines Büros versammelt. Der Anruf um diese Zeit machte mich mißtrauisch. Wie seltsam, wo sich doch der Präsident früh zur Ruhe begibt! Der Ton verriet Dringlichkeit. Ich hatte bereits keine Zweifel mehr. Ich erhob mich, begab mich in mein Büro und bat, mich mit dem Präsidenten Fox zu verbinden. Es kam zu einem ungewöhnlichen Dialog, den ich so wiedergebe, wie er aufgenommen wurde.



Fidel: Hallo, Herr Präsident, wie geht es Ihnen?



Fox: Fidel, wie geht es dir?



Fidel: Sehr gut, sehr gut, vielen Dank; und Ihnen?



Fox: Das hört man gern! Hör‘ mal, Fidel, ich ruf‘ dich an wegen der Überraschung, die es für mich war, als ich vor nur ein paar Stunden von deinem beabsichtigten Besuch hier in Mexiko erfuhr.

Zuerst und vor allem anderen möchte ich dir sagen, daß dieses hier ein Privatgespräch zwischen dir und mir sein sollte. Bis du einverstanden?



Fidel: Ja, einverstanden. Sie haben mein Schreiben erhalten, nicht wahr? Ich sandte es ihnen ...



Fox: Ja, ich habe dein Schreiben vor knapp zwei Stunden erhalten, und deshalb rufe ich jetzt an.



Fidel: Ach so; mir hatte man gesagt, Sie gingen früh schlafen, und so sandten wir das Schreiben zeitig.



Fox: Ja, ich gehe früh schlafen, doch das hat mich wach gehalten.



Fidel: Was Sie nicht sagen!



Fox: Nein, ich erhielt es... Hier ist es jetzt kurz vor 22.00 Uhr; ich erhielt es um 20.00 Uhr, während ich mit Kofi Annan zu Abend aß.



Fidel: Aha!



Fox: Doch schau her, Fidel, an erster Stelle spreche ich als Freund zu dir.



Fidel: Ja, Sie wenden sich zuerst als Freund an mich; ich hoffe, Sie sagen nicht, daß ich nicht kommen soll.



Fox: (lacht) Nun also, laß mich dir etwas sagen und dann sehen, was du dazu meinst.



Fidel: Ich höre, doch ich sage es Ihnen im voraus. Also gut.



Fox: Wie bitte?



Fidel: Ich höre, doch ich sage es im voraus.



Fox: Nun, hör‘ mich erst einmal an. Hör‘ mich erst einmal an.



Fidel: Ja.



Fox: Ja, als Freund. Mit dieser Überraschung in letzter Minute bereitest du mir tatsächlich eine ganze Anzahl von Problemen.



Fidel: Wieso?



Fox: Probleme der Sicherheit, Probleme der Betreuung.



Fidel: Also das ist für mich nicht von Bedeutung. Das beunruhigt mich nicht, Herr Präsident. Es scheint, Sie kennen mich nicht.



Fox: Das beunruhigt dich nicht?



Fidel: Nein, nicht im geringsten. Ich habe keine 800 Mann Begleitung wie Herr Bush.



Fox: Doch es ist nicht unbedingt eine Haltung unter Freunden, in letzter Minute zu avisieren, daß du hier erscheinen wirst.



Fidel: Ja, aber ich gehe auch wie kein anderer viele Risiken ein, und das wissen Sie recht gut.



Fox: Nun, du hättest je einem Freund vertrauen und mich etwas früher wissen lassen können, daß du vorhattest zu kommen. Das, so glaube ich, wäre für beide viel besser gewesen.

Doch schau, ich weiß voll und ganz, daß du nicht nur das Recht dazu hast, sondern, wenn es dir nicht möglich ist, mir als Freund in diesem Sinne zu helfen und es für dich unerläßlich ist...



Fidel: Ja, sagen Sie mir, in welchem Punkt ich Ihnen helfen kann, nur in diesem nicht.



Fox: Gut. Dieser Punkt ausgenommen, wobei kannst du mir helfen?



Fidel: Sagen Sie mir, wie? Was soll ich tun? Die Risiken gehe ich mit aller Ruhe ein. (Die Sache wurde nun schon ernster: weder der Nachbar des Nordens noch das Gastgeberland waren an meiner Anwesenheit interessiert.)



Fox: Also, laß mich einmal...



Fidel: Aber Sie werden verstehen, daß es einem weltweiten Skandal Raum geben würde, wenn mir tatsächlich jetzt gesagt wird, daß ich nicht kommen soll.



Fox: Aber weshalb mußt du denn einen weltweiten Skandal auslösen, wenn ich mich als Freund an dich wende?



Fidel: Hören Sie, Sie sind der Präsident des Landes; und wenn Sie als Gastgeber es mir verbieten, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Rede morgen zu veröffentlichen.



Fox: So ist es, so ist es. Nein, du hast ein volles Recht darauf.

Mal sehen, laß mich dir einen Vorschlag machen.



Fidel: Ja.



Fox: Ja?



Fidel: Sagen Sie.



Fox: Ich weiß nicht, wann du zu kommen die Absicht hast, denn das hast du mir nicht mitgeteilt. Mein Vorschlag wäre nun, du kämest am Donnerstag.



Fidel: Nun, sagen Sie, sagen Sie es genau. Ich bin bereit, ein Übereinkommen hierzu zu hören. Gut. Welcher Tag ist heute? Dienstag. Um welche Zeit wünschen Sie meine Anreise am Donnerstag?



Fox: Denn du hast... das heißt Kuba hat seine Rede vor dem Plenum am Donnerstag.



Fidel: Ja, ja, die genaue Uhrzeit dort, dort waren... Am Donnerstag sollte es um...



Fox: Gegen 13.00 Uhr.



Fidel: Nein, am Donnerstag muß ich an einem Podiumsgespräch teilnehmen und am Vormittag die Rede vorbereiten.



Fox: Denn deine Rede sollst du gegen 13.00 Uhr halten.



Fidel: So ungefähr. Ich helfe Ihnen in allem, störe Sie mitnichten, gehe nicht zu den Essen, nicht einmal zu der Zusammenkunft... Nun, diese Zusammenkunft, darüber müßten wir noch diskutieren...



Fox: So ist es, jawohl, laß mich zu Ende reden.



Fidel: Ja.



Fox: Du kannst am Donnerstag kommen, an der Tagung teilnehmen und deine Rede in der für Kuba reservierten Zeit um 13.00 Uhr halten. Danach haben wir ein Mittagessen, das der Gouverneur des Staates für die Staatsoberhäupter gibt. Ich biete dir sogar an und lade dich ein zu diesem Mittagessen, ja sogar, daß du neben mir Platz nimmst; daß du aber dann nach Abschluß der Tagung und der Teilnahme, also sagen wir, zurückkehrst und so...



Fidel: Auf die Insel Kuba?



Fox: Nein, also, vielleicht suchst du dir...



Fidel: Wohin? Ins Hotel? Sagen Sie.



Fox: Auf die Insel Kuba oder wohin du möchtest.



Fidel: Gut



Fox: Und du läßt mir dann – das ist meine Bitte an dich – den Freitag frei, damit du mir den Freitag nicht schwierig machst.



Fidel: Sie möchten nicht, daß ich Ihnen den Freitag kompliziert mache. Nun gut, es sieht ganz so aus, als haben Sie eine Zeile meines Schreibens überlesen, auf der ich Ihnen sage, daß ich mit konstruktivem Geist kommen werden, um für einen Erfolg der Konferenz zu kooperieren.



Fox: Ja doch, ich habe diese Zeilen gelesen.



Fidel: Wenn meine Worte nicht die Wirkung hatten... Ich verstehe die anderen Dinge, von denen wir nicht reden wollen, und das, was geschehen kann. Ich habe fast vorhergesehen, daß Sie mich anrufen würden, um mir so etwas Ähnliches zu sagen. Nun, sehr gut, ich sage Ihnen mit aller Offenheit: Ich bin bereit, mit Ihnen zu kooperieren. Ich bin bereit mit Ihnen zu kooperieren und zu tun, worum Sie mich ersuchen.



Fox: Wir können so verfahren.



Fidel: Ja, wiederholen Sie es mir bitte.



Fox: Also, Ankunft am Donnerstagmorgen; die Uhrzeit bestimmst du selbst.



Fidel: Ja, am Donnerstagmorgen; dann die Rede.



Fox: Ja, die Rede im Plenum; Teilnahme am Mittagessen der Staatschefs, zu dem ich dich sogar einlade, neben mir zu sitzen.



Fidel: Sehr gut, vielen Dank.



Fox: Am Nachmittag dann also deine Abreise zu einer dir genehmen Zeit.



Fidel: Ja, in Ordnung. Wie sieht es mit der Uhrzeit aus? Es gibt einen Zeitunterschied von einer Stunde, die Stunde, in der ich mich bewegen muß.



Fox: Wir haben eine Stunde Zeitunterschied.



Fidel: Sollte ich eventuell etwas früher ankommen müssen, sagen wir, da ich weiß, wo ich den größten Schaden anrichte (lacht), könnte ich vielleicht im Morgengrauen eintreffen.



Fox: Am Donnerstag?



Fidel: Denn meine Rede ist für 13.00 Uhr vorgesehen und man ist dabei, dort die Reihenfolge zu verhandeln; vielleicht spreche ich schon vorher; vielleicht, doch vorbereitet bin ich für etwa diese Uhrzeit, denn es gibt 30 Redner. Ich bin benachteiligt, denn es war im letzten Augenblick, und ich gestehe Ihnen, daß ich den Entschluß im letzten Augenblick gefaßt habe. Sie werfen mir vor, ein Freund sollte seine Teilnahme zu- oder absagen.

An erster Stelle liegen hier zwei Dinge vor: Für mich bestehen Risiken und außerdem hatte ich es noch nicht entschieden. Das ist die Wahrheit.



Fox: Ja, ja; ich verstehe, ich verstehe.



Fidel: Doch zum gegebenen Zeitpunkt entschied ich, daß es erforderlich ist, wie ich Ihnen in meinem Schreiben erkläre. Ich bitte Sie, dieses, wenn es Ihnen möglich ist, noch einmal zu lesen.



Fox: Es liegt hier vor mir.



Fidel: Und der Generalsekretär ist in Ihrer Nähe? Sie speisen mit ihm zu Abend?



Fox: Vor 15 Minuten ist er gegangen. Er begab sich in sein Hotel und morgen wird er nach Monterrey reisen.



Fidel: Wie schade, daß ich nicht zuhören kann, wenn er spricht! Denn ich glaube, er spricht gleich zu Anfang.



Fox: Nun, Fidel, du... du... Ja, ich weiß, daß...



Fidel: Also, wenn Sie zuwege bringen könnten, daß ich beispielsweise als zehnter Redner an die Reihe komme, wenn Sie in der Reihenfolge für mich einen Platz besorgen...



Fox: Laß mich sehen, einen Augenblick.



Fidel: Ja.



Fox: Ich selbst werde am Donnerstag sprechen; die Eröffnungszeremonie beginnt um 9.00 Uhr.



Fidel: Um 9.00 Uhr, sehr gut.



Fox: Um diese Zeit wird, wie ich annehme, der Generalsekretär sprechen, und ich werde sprechen.



Fidel: Ja, ihm wollte ich zuhören, denn er war es ja, der mich eingeladen hat.



Fox: Deine Anwesenheit dabei ist kein Problem.



Fidel: Sie sind der Präsident des Gastgeberlandes; nicht die Vereinigten Staaten sind es, es ist Mexiko.



Fox: Für deine Anwesenheit besteht kein Problem. Du kommst zeitig und nimmst an der Eröffnung teil, beginnend um 9.00 Uhr, bei der er sprechen wird, und ich werde sprechen und, in der Tat, du bist als etwa der zehnte Redner an der Reihe.



Fidel: Nein, ich habe die Nummer 30; doch wenn Sie mir die Nummer 10 besorgen können, das heißt, nachdem die Hauptredner und noch ein paar andere dort gesprochen haben – ich glaube, Chávez macht den Anfang in seiner Eigenschaft als Präsident der Gruppe der 77 – und Sie für mich Nummer 10 oder 12 in der Reihenfolge besorgen...



Fox: Du möchtest also einen Wechsel, sagen wir, von 13.00 Uhr auf etwas früher?



Fidel: Sprechen Sie mit Kofi, sprechen Sie mit Kofi und erläutern Sie ihm Ihr Problem. Er wird verstehen, daß die Welt Herren hat und daß das sehr ernst ist.



Fox: Ich kann mit Kofi Annan sprechen. (lacht)



Fidel: Sprechen Sie mit Kofi (Lachen), verstehen Sie?



Fox: Ja, ja; ich kann mit ihm sprechen, warum nicht.



Fidel: Somit komme ich Ihnen noch viel mehr entgegen. Ich erscheine dort und halte meine Rede. Es wäre fast besser, ich käme so um Mitternacht, schliefe etwas und ginge dann dorthin.



Fox: Du brauchst mich nur benachrichtigen, wie spät du... Du teilst mir die Stunde mit; ich habe für dich eine Residenz, einen Ort, an dem du dich aufhalten kannst, falls du sehr früh kommst.



Fidel: Gut, ich hatte dort ein kleines Hotel, einige Zimmer, denn meine Teilnahme stand ja nicht fest.



Fox: Ja, es gibt nämlich keine Zimmer; darin liegt das Problem, es gibt keine Zimmer.



Fidel: Nein, doch für unsere Delegation sind dort 20 Zimmer reserviert; und einige können wir woanders unterbringen, in einem Gästehaus.



Fox: Ja, wir richten uns schon ein. Du hast Freunde in Monterrey, die dich im Nu unterbringen können. Das ist kein Problem. Du mußt in den frühen Morgenstunden eintreffen...



Fidel: Sehen Sie, ich kann Ihnen noch viel weiter entgegenkommen. Muß ich unbedingt in den frühen Morgenstunden eintreffen?



Fox: Ja. Doch was nennst du frühe Morgenstunden, 5.00 Uhr oder 6.00 Uhr?



Fidel: Nein, ich ziehe eine bestimmte Uhrzeit um ungefähr 22.00 Uhr vor.



Fox: Ach so! Ankunft am Mittwochabend.



Fidel: Ja, ja; ohne daß ich gesehen werde. Wir sehen uns dann am Vormittag dort. Man kann mich dann am Vormittag dort antreffen.



Fox: Versuche, in der Nacht zu kommen, wir werden uns schon einrichten; das heißt, mehr auf Mitternacht zu oder im Morgengrauen.



Fidel: Gut.



Fox: Du kommst, installierst dich und nimmst ab 9.00 Uhr teil.



Fidel: Ich installiere mich und bin dort um 8.30 Uhr: Merken Sie wohl.



Fox: Ja, in Ordnung, in Ordnung.



Fidel: Also, Sie garantieren mir das mit Kofi Annan und erklären ihm die Probleme; falls nicht, dann müßte ich mit ihm sprechen und es ihm erklären, denn eingeladen wurde ich von den Vereinten Nationen.



Fox: Darin besteht kein Problem. Ich...



Fidel: Es war sehr liebenswürdig von Ihnen als Gastgeber, mir eine Einladung zu schicken; doch es sind die Vereinten Nationen, die mich einladen. Ich sagte es Ihnen hier. Zu Beginn unserer Gespräche war dies, daß mir die Einladung zugegangen war, das Erste, was ich ansprach.



Fox: Gut; deshalb.

Wir werden also weiterhin in dieser Richtung denken. Dann kommen wir zum Schluß...



Fidel: In Ordnung. So komme ich Ihnen entgegen und reise früher ab. Ohnehin ist mein stärkster Wunsch, hier zu sein. Ich habe viel Arbeit, und es gibt vieles, für das ich begeistert bin.



Fox: Fidel, darf ich dich um noch etwas bitten?



Fidel: Ja, bitte.



Fox: Wenn du da bist, wäre es für mich sehr gut, wenn es nicht zu Erklärungen zum Thema der Botschaft, den Beziehungen zwischen Mexiko und Kuba oder zu den Ereignissen käme, die wir in den vergangenen Tagen erlebten.



Fidel: Für mich besteht keinerlei Bedürfnis, dort Erklärungen abzugeben.



Fox: Wie gut!



Fidel: Sagen Sie, was kann ich noch für Sie tun?



Fox: Also in der Hauptsache nicht die Vereinigten Staaten oder Präsidenten Bush angreifen, sondern uns beschränken auf...



Fidel: Hören Sie, Herr Präsident, ich bin ein Mensch, der sich seit etwa 43 Jahren mit Politik befaßt; und ich weiß, was ich tue und zu tun habe. Sie brauchen nicht die geringsten Bedenken zu hegen, daß ich die Wahrheit mit Anstand und der erforderlichen Eleganz vorzubringen weiß. Sie brauchen nicht die geringste Befürchtung zu haben, daß ich dort eine Bombe loslassen werde; obwohl ich in der Tat mit dem vorgeschlagenen Konsens nicht einverstanden bin. Nein, ich werde mich darauf beschränken, meine Grund- und Hauptideen darzulegen, und das mit allem Respekt der Welt. Ich werde jenes nicht als eine Tribüne benutzen. Um zu agitieren; keinesfalls. Ich werde meine Wahrheit sagen. Ich kann auch fernbleiben und sage sie dann von hier aus. Ich sage sie dann morgen früh. Also für mich ist es nicht...



Fox: Eben das ist es, was du mir in deinem Schreiben anbietest: konstruktive Partizipation, damit es ein echter Beitrag zur Diskussion, zur Debatte und zur Lösungsfindung auf die Probleme wird, die wir alle auf der Welt haben.



Fidel: Ja, Herr Präsident. Auch sollten Sie in Betracht ziehen, daß eine Reise dieser Art für mich ein ziemliches Risiko beinhaltet.



Fox: Ja, das verstehe ich.



Fidel: Sie sollten es wissen. Ich tue es nicht – daß ich fernbliebe – denn ich würde mich schämen, da ich nun einmal beschlossen habe teilzunehmen. Vielen Treffen bin ich ferngeblieben. Ich war nicht auf dem Gipfeltreffen in Peru; doch für mich ist diese Konferenz von viel höherem Stellenwert, ist Mexiko von viel höherem Stellenwert. Mir schien sogar, ich würde damit Sie und die Mexikaner verletzen.

Ich gehe dorthin, nicht um zu agitieren noch Kundgebungen zu organisieren, nichts dergleichen. Ich bedenke, daß Sie der Präsident jenes Landes sind und daß ein Wunsch Ihrerseits, und seien es noch so viele Rechte, von mir zu berücksichtigen ist.

Es freut mich daher, daß Sie an eine anständige Lösung gedacht haben; daß ich zur genannten Stunde dort bin und dem Generalsekretär der Vereinten Nationen zuhöre. Wenn Sie nun mit Unterstützung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen mir garantieren könnten – wir wollen doch dort nicht so lange bleiben; je mehr Zeit verstreicht, desto mehr... – daß ich auf der Ihrer Rede folgenden Rednerliste einen Platz zwischen den Nummern 10 und 15 bekomme; also darüber haben wir mit einem Genossen gesprochen, der dort ist. Wir werden ihm Anweisungen geben – er hat heute von mir bereits Anweisungen erhalten, sich um einen früheren Zeitpunkt für meine Rede zu kümmern – und dann wäre ich frei, um Ihnen so wenig Unannehmlichkeiten wie möglich zu bereiten.



Fox: Ja.

Höre, Fidel, auf jeden Fall bleibt die Einladung zu dem Mittagessen, zu dem du mich begleiten sollst. Das wäre so gegen 13.00 Uhr oder 13.30 Uhr, und nach dem Essen kannst du dann zurückkehren.



Fidel: Unter der Bedingung, daß du mir nicht Pfefferfleisch und Pute und sonst noch viele Speisen vorsetzt, denn der Flug nach hier mit sehr vollem Magen...



Fox: Nein, es gibt Lamm , das ist sehr lecker.



Fidel: Es gibt Lamm?



Fox: Jawohl, mein Herr, exzellent.



Fidel: Gut, sehr gut.



Fox: Dann können wir also bei dieser Übereinkunft bleiben, Fidel?



Fidel: Wir können bei dieser Übereinkunft bleiben und bleiben Freunde, Freunde und Gentlemen.



Fox: Ja, ich danke dir sehr dafür. Du teilst mir nur noch die Uhrzeit deiner Ankunft mit, um dich zu empfangen und zu beherbergen.



Fidel: Ich werde Ihnen die Uhrzeit meiner Ankunft mitteilen.

Nun, wenn Sie wollen, komme ich sogar noch früher, und damit gehen wir vielem aus dem Wege. Wie spät wirst du morgen schlafen gehen?



Fox: Morgen?



Fidel: Ja.



Fox: Welcher Tag ist morgen, Mittwoch? Als guter Mann vom Lande werde ich morgen früh schlafen gehen.



Fidel: Als guter Mann vom Lande. Bei mir ist es gerade umgekehrt. Ich bin gewöhnlich ein guter Nachtmensch.

Sagen Sie, welche Uhrzeit paßt Ihnen am besten?



Fox: Schau, so wie du sagtest: 22.00, 23.00, 24.00 Uhr, damit du dich installieren und ausruhen und am anderen Morgen anwesend sein kannst.



Fidel: Sehr gut, einverstanden.



Fox: Also erwarte ich nur noch von der Botschaft deine genaue Ankunftszeit, um dich dort zu empfangen, wie es sich gehört.



Fidel: Ja, morgen bekommen Sie die genaue Uhrzeit mitgeteilt.



Fox: Wir sprachen darüber mit der Botschaft.



Fidel: Ja, und wie stets danke ich dir für dieses Entgegenkommen, diese Ehre, wenn du dorthin kommst. Ich glaube, das würde sehr helfen...



Fox: Du begleitest mich zum Essen und von dort kehrst du zurück.



Fidel: Ab da erfülle ich Ihre Befehle: ich kehre zurück.



Fox: Fidel, ich danke dir vielmals.



Fidel: Gut, Präsident.



Fox: So werden unsere Sachen gelingen.



Fidel: Ich denke schon, und ich bedanke mich bei Ihnen...



Fox: Gut, ich ebenfalls und gute Nacht.



Fidel: ...für Ihr Entgegenkommen und Ihre Suche nach einer ehrenvollen und akzeptieren Lösung.



Fox: Ja, ich glaube, man kann sie als solche betrachten und ich danke dir dafür.



Fidel: Sehr gut, sehr gut; ich wünsche Ihnen viel Erfolg.



Fox: Gute Nacht.



Fidel: Gute Nacht.



Der Herr Präsident von Mexiko hatte das letzte Wort gesprochen. Es war mein unbestreitbares Recht, an dieser nicht von Herrn Bush, sondern von den Vereinten Nationen einberufenen Konferenz teilzunehmen. Doch gegen den ausdrücklichen Willen des Präsidenten des Gastgeberlandes konnte ich doch nicht nach Monterrey reisen; ich mußte mich damit abfinden, die mir zustehenden sechs Minuten zu benutzen und nach dem Mittagessen oder früher wieder abreisen, wenn es mir gelang, die Nummer 30 in der Rednerliste gegen eine niedrigere auszutauschen. Sie war mir durch Auslosung zugefallen, denn neben anderen Gründen hatte ich meine Anwesenheit nicht im voraus gewährleisten können, um eine sofortige Mobilmachung der Horde der bereits erwähnten Terroristen und Killer zu vermeiden, die von US-amerikanischem Territoriums aus organisiert und bezahlt werden, um mich, immer wenn ich zu einem internationalen Treffen reise, physisch zu eliminieren.



Ich muß hinzufügen, daß bei meiner Ankunft in Monterrey kein Herr Fox auf dem Flughafen erschien, wie er, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, versprochen hatte. Nicht einmal per Telefon gab es eine Anstandsbegrüßung. Das bekümmerte mich nicht im geringsten. Ich hänge absolut nicht an Etikette und Höflichkeitsformeln.



Dagegen genoß ich einen ganz besonderen Trost. Zur gleichen Zeit, da man mir befahl, unmittelbar nach dem Mittagessen abzureisen, wurde mir zweimal mitgeteilt, daß ich die immense Ehre haben werde, während des irdischen Genusses eines leckeren Lamms an seiner Seite zu sitzen.



Nun konnte ich mich von dem Gipfeltreffen jedoch nicht ohne eine mindeste Erklärung zurückziehen. Ich habe so etwas bei noch keinem Treffen getan. Der Herr Präsident der Vereinigten Staaten könnte meinen, Kuba habe Angst davor, mit erhobenem Haupt vor seiner mächtigen und erhabenen Erscheinung zu sitzen. Auf dem Gipfeltreffen 1992 in Rio de Janeiro zeigte sein Vater die löbliche – weil ungewöhnliche – Geste, den Saal mit Vorbedacht einige Minuten vor meiner Rede zu betreten, meinen Worten ruhig zuzuhören und am Schluß zu applaudieren, sowohl er als auch seine Delegation. Ein altes Sprichwort besagt, daß Höflichkeit eine Zier ist. Niemand in unserem Land, in Mexiko oder anderswo hätte ein so seltsames Verlassen des Treffens verstanden. Zur Erklärung sagte ich lediglich drei Zeilen:



„Ich bitte alle, mich zu entschuldigen dafür, daß ich sie nicht weiter begleiten kann aufgrund einer besonderen Situation, die durch meine Teilnahme an diesem Gipfeltreffen entstanden ist, und ich mich gezwungen sehe, unmittelbar in mein Land zurückzukehren.“



Weniger konnte ich nicht sagen, und rücksichtsvoller konnte es nicht sein. Ich vergaß das Lamm vollkommen. Ich verließ den Saal und sprach einige Minuten mit dem Präsidenten Kolumbiens über die Friedensbemühungen in jenem Land. Dann begab ich mich zur Verabschiedung zum Generalsekretär der Organisation der Vereinten Nationen, der logischerweise von unserem Botschafter in dieser Institution am Vortage über die Vorkommnisse informiert worden war. Bei ihm erwarteten mich in offensichtlich solidarischer Haltung der Präsident von Nigeria Olusegun Obasanjo und der Präsident von Südafrika, Thabo Mbeki. Ich gehe; fahre mit einer Rolltreppe hinunter. Hier, auf den Innenbalkonen und den Seitenbereichen warteten zahlreiche mexikanische Angestellte, Mitarbeiter der Vereinten Nationen und Konferenzteilnehmer anderer Länder und applaudierten in solidarischer Geste. Ein Schwarm Journalisten bewegte sich aufgeregt. Sie schossen Fotos, filmten und warteten auf eine Erklärung. Ich äußerte kein Wort. So verließ ich das Gebäude.



Ich hatte keine unlösbare Komplikation zurückgelassen. Meine letzten Worte nach der Erklärung waren:



„An der Spitze der Delegation Kubas bleibt Genosse Ricardo Alarcón de Quesada, Präsident der Nationalversammlung der Volksmacht und unermüdlicher Kämpfer der Verteidigung der Rechte der Dritten Welt. Auf ihn übertrage ich die mir bei diesem Treffen als Staatschef zustehenden Vorrechte.



Ich erwarte, daß ihm zu keiner der offiziellen Aktivitäten, auf deren Teilnahme er als Leiter der kubanischen Delegation und Präsident des obersten Organs der Staatsmacht Kubas ein Recht hat, der Zutritt verwehrt wird.“



Damit wurde den Gastgebern eine recht einfache Lösung in die Hand gegeben. Ein Akzeptieren der Präsenz von Ricardo Alarcón, Leiter der Delegation bei den offiziellen Beratungen des Gipfeltreffens, und man hätte nicht mehr von dem Zwischenfall gesprochen. Nur ein Minimum an Vision und gesundem Menschenverstand war vonnöten. Nun weiß ich nicht, war es Hochmut, Arroganz und Abenteuergeist des Hofberaters des Präsidenten Fox oder war es die Präpotenz von Bush, was diesen anständigen Ausweg nicht zustande kommen ließ.



Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch einen leeren Magen. Ich begab mich in das kleine Hotel, wo ich untergebracht war. Ich hatte Hugo Chávez zum Mittagessen dorthin eingeladen; ein herzlicher Freund, dessen Rede auch gewagt war und von dem erlauchten mexikanischen Gastgeber unterbrochen wurde, als er im Namen der Gruppe der 77 und dem seines eigenen Landes sprach. Das brüderliche und gelockerte Treffen zog sich über Stunden hin, wobei über verschiedene Themen gesprochen wurde, drei Wochen vor dem gescheiterten faschistischen Putsch gegen die bolivarianische Revolution. Das Mittagessen war nicht üppig, aber doch wohlschmeckend. Es gab mexikanische Omeletts, übergebratenen Bohnen und andere traditionelle Speisen des Bruderlandes, die ich köstlicher fand als jedes Lamm.



Vergessen hatte ich die Uhrzeit und den dringenden Befehl, nach dem Mittagessen schnellstens abzureisen. Währenddessen wartete Bush seit Stunden ungeduldig in El Paso – an der heutigen Grenze der Vereinigten Staaten zu Mexiko, die es seit der Invasion von 1846 ist, als sie dem Land mehr als die Hälfte seines Territoriums entrissen – auf die Mitteilung, daß der so ungelegen erschienene Teilnehmer Mexiko verlassen hat. Keinem der Protokollbeauftragten kam es in den Sinn, den disziplinierten und folgsamen, wenngleich vergeßlichen, Gast zu stören – oder sie wollten es nicht -, der dann schließlich und endlich Monterrey um 17.00 Uhr verließ. Bush, des Wartens müde, hatte allem Anschein nach die Starterlaubnis erhalten oder es eigens entschieden, da er ansonsten riskierte, sich zum Abendessen zu verspäten.



Jemand hatte sein Flugzeug neben die alte IL-62 der Cubana gefahren. Als er in seinem Wagen vorbeifuhr, grüßte er mit freundschaftlicher Geste die kubanische Besatzung, die mich oben an der Gangway bereits erwartete. Ich selbst, von all dem nichts wissend, verabschiede mich von Chávez, steige in den Wagen und begebe mich mit meiner kleinen Fahrzeugkolonne zum Flughafen. Wir passierten die Unterführung der zum Flughafen führenden Straße und fuhren auf diese auf, nachdem der Schwanz der enormen Fahrzeugkolonne Bushs passiert war. Letztendlich befanden wir uns beide in Monterrey nur wenige Meter voneinander entfernt. Strahlend und schön war der Nachmittag, als unsere Maschine startete.



In der Konferenzstadt blieb unsere Delegation mit dem Präsidenten unserer Nationalversammlung an der Spitze, begleitet von unserem Minister für Auswärtige Angelegenheiten. Der Logik zufolge hätte es keine weiteren Probleme geben dürfen. Würde Ricardo Alarcón von Aktivitäten des Gipfeltreffens ausgeschlossen werden? Wird er Zutritt haben zu dem Empfang am Tag nach der Rede des erlauchten Präsidenten der Vereinigten Staaten, bei der dieser „äußerst demokratisch“ und ohne jegliche Unterbrechung die allen anderen auf der Konferenz als Delegationsleiter anwesenden Sterblichen zugewiesene Zeit verdoppeln würde? Obwohl uns ein derartiger Ausschluß absurd, plump und unwahrscheinlich erschien, hatte ich sie angewiesen, in diesem Falle die Wahrheit darzulegen, ohne dazu jedoch den Inhalt des Telefongespräches zwischen Fox und mir zu benutzen, ja dieses nicht einmal zu erwähnen, dessen persönlichen Charakter ich um jeden Preis beibehalten und das ich dem Archiv der Revolution übergeben wollte.



Ein schlechtes Omen war, daß sich Herr Castañeda an jenem Nachmittag beeilte zu behaupten, Protokoll sei nun einmal Protokoll und es werde nicht verletzt werden, wobei er wie immer mit Vorwänden intrigierte, um die mit der Regierung der Vereinigten Staaten eingegangenen Verpflichtungen einzuhalten und die Wahrheit zu verbergen. Einige Minuten vor Beginn wurde Genossen Alarcón mitgeteilt, er habe keinerlei Zutritt. So wie beschlossen, erklärte der Leiter unserer Delegation auf zahlreichen Pressekonferenzen die wahre Ursache meiner Abwesenheit. Unter anderem führte er aus:



„In seinem Pressegespräch äußerte Kanzler Castañeda gestern mehrfach, es habe keinerlei Bemühungen seitens irgendeines berechtigten Beamten gegeben, um der Teilnahme Kubas Vorbehalte entgegenzusetzen und legte mehrmals nahe, Kuba selbst sollte die Vorkommnisse erklären, da ihm die Gründe unbekannt seien. Ich muß sagen, daß seine Erklärungen im wesentlichen falsch sind.“



Er fügte hinzu:



„Nicht nur berechtigte Beamte, sondern – ich würde sagen – sehr stark berechtigte Personen der Regierung Mexikos berichteten uns vor der Konferenz, welchem Druck sie seitens der Regierung der Vereinigten Staaten ausgesetzt waren, um Kuba von der Konferenz fernzuhalten und speziell zu erreichen, daß die Delegation nicht vom Vorsitzenden des Staatsrates, dem Genossen Fidel Castro geleitet wird.



Castañeda weiß, daß wir es wissen und daß eine Erklärung für uns einfach gewesen wäre; doch wenn wir es bislang nicht getan haben, dann deshalb, weil wir konstruktiv sein und die mexikanischen Behörden davon überzeugen wollten, daß es für alle das Beste sei, eine ehrenvolle geeignete Lösung zu finden, was nun bereits unmöglich ist, denn es hat eine Sitzung stattgefunden, bei der eine Delegation willkürlich und ungesetzlich exkludiert wurde – sie wurde nicht eingeladen – nämlich die Delegation Kubas.



Es heißt, die Regeln der Vereinten Nationen seien andere als die des Gastgeberlandes. Das stimmt nicht ganz. Ich bin kein Staatschef, doch in Monterrey bin ich die einzige Person, der der Staatschef seine Vertretung übertragen hat; und er ist der einzige Staatschef, der in Monterrey willkürlich von der Abschlußveranstaltung ausgeschlossen wurde.



Es stimmt nicht, daß Kuba durch seinen Staatschef hätte vertreten werden können, denn dieser wurde sehr deutlich, sehr kategorisch gebeten, er möge doch Mexiko so früh wie möglich verlassen.“



Für das Podiumsgespräch des kubanischen Fernsehens am Nachmittag des 22. März äußerte unser Außenminister in seiner telefonischen Ansprache:



„Kuba wußte von dem vor der Konferenz durch Präsident Bush auf die mexikanische Regierung ausgeübten Druck. Präsident Bush drohte mit Nichterscheinen zum Gipfeltreffen, falls Genosse Fidel anwesend wäre.



Das durch Resolution der UN-Vollversammlung gegründete Vorbereitungskomitee hatte die Einladung ergehen lassen – das Schreiben der beiden Botschafter, das eben bekannt gegeben wurde – und danach erfolgte die offizielle Einladung durch Präsidenten Fox.



Danach wurde Genosse Fidel ersucht, nicht am Gipfel teilzunehmen, wie es doch sein Recht als Staatsoberhaupt eines Mitgliedslandes der Vereinten Nationen war und ihm bereits die Einladung des Vorbereitungskomitees der Vereinten Nationen zur Teilnahme an einer Konferenz zugegangen war, an deren Einberufung Kuba eine bedeutende Rolle gespielt hatte.



Das ist die historische Wahrheit. Er wurde ersucht, nicht teilzunehmen, und die Bitte wurde – wie wir bereits sagten – von einer in der Regierung Mexikos sehr ermächtigten Person an ihn gerichtet, was sich aus ihrer Größenordnung ergibt. Er wurde gebeten, nicht zu kommen; und angesichts der unerschütterlichen Haltung Fidels, der das Recht Kubas auf souveräne Präsenz auf diesem Treffen verteidigte, wurde er gebeten, lediglich am Donnerstagvormittag zu erscheinen und sich unmittelbar nach dem vom Gouverneur des Staates gegebenen Mittagessen zurückzuziehen.



Genosse Fidel hatte das Bedürfnis und die Pflicht, den Konferenzteilnehmern den eigentlichen Grund zu erklären, warum er dort nicht bleiben durfte – und er tat dies sorgfältig und taktvoll. Hierbei stellte er einen Antrag, dem entsprochen werden konnte und der logisch war, nämlich daß Genosse Alarcón, Präsident unserer Nationalversammlung, an den weiteren Aktivitäten der Konferenz teilnehmen sollte.



Es hat in der Tat einen Mangel an Verständnis für diese Argumentation gegeben und einen Mangel an Akzeptanz für diese angemessene Beantragung.“



Castañeda seinerseits dementierte frenetisch die Worte von Alarcón und Felipe.



Auf einer Pressekonferenz am 21. März gab Castañeda auf die Frage eines Journalisten, ob die Regierung Mexikos die kubanische Regierung ersucht oder ihr nahegelegt habe, der kubanische Präsident möge seine Agenda so einrichten, daß er nicht mit Präsidenten Bush zusammentrifft, folgende Antwort:



„Kein ermächtigter Beamter der Regierung Mexikos hat jemals weder dieses noch ein Anliegen anderer Art, das diesem ähnlich sein könnte, vor der Regierung Kubas, den kubanischen Behörden vorgetragen.“



Angesichts der Beharrlichkeit der Presse antwortete Castañeda:



„Es hat keinen Druck, Beeinflussung, Betreibung, Ersuchen, Anraten, Anspielung gegeben. Hätte ich mein Wörterbuch der Synonyme bei mir, würde ich in der Aufzählung fortfahren, doch so aus dem Gedächtnis fallen mir vielleicht nicht mehr viele ein; nun Blanche, sollte Ihnen noch eine Vokabel einfallen, so sagen Sie sie mir, und Sie erhalten von mir die gleiche Antwort.



Im Fernsehprogramm „Zona abierta“ wiederholte Castañeda:



„Kein mexikanischer Beamter hat jemals auf Fidel Castro Druck ausgeübt, früher als vorgesehen wieder abzureisen.“



Hinsichtlich des Druckes zum Ausschluß von Castro erklärte Herr Fox auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush am 22. März: „Es hat keinen Druck gegeben. Herr Fidel Castro hat Mexiko, hat die UN-Konferenz besucht; er war hier, hat teilgenommen und ist nach Kuba zurückgekehrt. Weiter gab es nichts. So einfach war es.“



Bei einem Joaquín López Dóriga gewährten und in der Zeitung „La Jornada“ veröffentlichten Interview antwortete Fox auf die Frage, ob es stimme, daß Fidel Castro abgereist sei, weil erstens seine (Fox‘) Regierung gesagt habe, er solle nicht kommen und weil er ihm zweitens, als er hier war, gesagt habe, er solle abreisen: „Nein, soweit mir bekannt ist, absolut nicht. Es wäre interessant, angebracht, woher diese Sache stammt. Ich glaube, Fidel Castro besitzt Reife genug; er regiert seit so vielen Jahren, und ich glaube nicht, daß irgendeine Sache wie diese seine Freiheit und seinem Willen hemmen könnte. Castro war hier in Monterrey, hat am Kongreß, an der Tagung der Konferenz der Vereinten Nationen teilgenommen und dann entschieden abzureisen. Niemand hat ihn dazu gezwungen.“



In Erklärungen im mexikanischen Fernsehen antwortete er am 24. März auf die Frage, was mit mir geschehen sei: „Ebenso kurzfristig wie der Bescheid über seine Ankunft und seine Ankunft selbst – er war in den Nachtstunden des Vortages gekommen – war seine Abreise. Er war schlicht und einfach gekommen, hat seine Rede gehalten, war auf dem Flughafen mit aller Zuvorkommenheit empfangen worden, wie alle anderen auch habe ich ihn bei seiner Ankunft begrüßt, ich habe mich von ihm verabschiedet, und er ist abgereist. Ganz einfach. Was gibt es? Was verbirgt sich dahinter? Ich verstehe es nicht.“



Bush seinerseits behauptete scheinheilig, es habe seitens der Vereinigten Staaten keinerlei Druck auf Mexiko gegeben.



Alle lugten wie gedruckt.



Hätte Castañeda das Wörterbuch der Synonyme dort aufgeschlagen, wo es sein sollte, dann hätte er gefunden, daß lügen von gleicher oder ähnlicher Bedeutung ist wie betrügen, schwindeln, vortäuschen, verwirren, einfädeln, die Unwahrheit sagen, phantasieren, fälschen, vorspielen, simulieren, faseln, verfälschen, übers Ohr hauen, verbergen, spotten, prellen, berücken, an der Nase herumführen usw. usw.



Die Glaubwürdigkeit unseres Landes war in Zweifel gezogen worden. Einer Umfrage zufolge waren fast die Hälfte der Mexikaner dazu gebracht worden, der Wahrheitsliebe Kubas zu mißtrauen.



Im Leitartikel von Granma am 26. März heißt es: „Kuba besitzt unwiderlegbare Beweise des gesamten Geschehens, die jeden Zweifel vom Tisch fegen würden. Kuba hat vorgezogen, keinen Gebrauch davon zu machen, denn es möchte Mexiko nicht schaden, möchte dessen Prestige nicht verletzen, und nicht im geringsten möchte es eine politische Destabilisierung in diesem Bruderland.



(...)



Der Ehre Mexikos halber ist diesen Beleidigungen und Aggressionen des kubanischen Volkes in irgendeiner Weise ein Ende zu setzen. Man zwinge Kuba nicht, seine Beweise vorzulegen.“



Der Leitartikel schließt mit der Behauptung:



„Wir erbitten nichts anderes, als daß die gegen Kuba geschleuderten Provokationen, Beleidigungen, Lügen und makabren Pläne des Herrn Castañeda aufhören. Andernfalls bliebe uns keine andere Alternative als das zu verbreiten, was wir nicht verbreiten wollten, und seine falschen und zynischen Äußerungen zu Staub zu machen; koste es, was es wolle. Niemand zweifle daran!“



Es wurde der Begriff Destabilisierung benutzt, da der waghalsige mexikanische Kanzler keinen Geringeren als den Präsidenten Mexikos in seine Niedertracht und Tücke mit hineingezogen hat. Unsere Beweise konnten nicht angeführt werden, ohne daß er nicht darin verwickelt worden wäre. Das bewirkte bei ihnen vielleicht den irrtümlichen Glauben, wir würden den Schlag hinnehmen, ohne die Büchse der Pandora zu öffnen. Ein blockiertes Land von dem Riesen, der heute so viel Angst einflößt und die Welt mit seinen Raketen und Bombenabwürfen bedroht, dessen arbiträre Regierungen außerdem unser Land auf zynische und verleumderische Weise zu jenen Ländern zählen, die den Terrorismus unterstützen, dieses Land also konnte sich doch nicht zu derartigem erdreisten.



Jedoch nicht einmal so wünschten wir, unsere Beweise ans Licht zu bringen. Wir bewahrten Schweigen bis zu einem über Ethik und Wahrheit fast hinausgehenden Punkt. Doch der Tropfen, der das Glas zum Überlaufen brachte, der fehlte noch.



Am Mittwoch, den 10. April präsentierte der übernächtigte und verworfene Uruguay präsidierende Judas in der unrühmlichen Handlangerrolle, die bislang die Tschechische Republik übernommen hatte, vor der Kommission für Menschenrechte das Machwerk gegen Kuba, konzipiert und geschmiedet von Kanzler Castañeda mit Washington.



Noch etwas nebenbei bemerkt. Man drohte uns sogar mit dem Bruch der diplomatischen Beziehungen; eine Regierung, in der ein Mörderminister für Gesundheitswesen den Tod von Kindern zuließ, um ganz einfach keinen Impfstoff aus Kuba zu beziehen, dem einzigen Land, das ihn mit den adäquaten Merkmalen produzierte, wie das französische Pasteur-Institut auf eine Anfrage Uruguays hin informierte. Nun stehen wir vor diesen Drohungen und brauchen nur noch zu fragen, worauf sie warten, um diese wahr zu machen.



Das wird nicht verhindern, daß unser Impfstoff dorthin gelangt, denn es bestand fast schon Bedarf einer neuen Sendung und so startete noch am gleichen Tag um 15.00 Uhr, an dem jenes infame Antikubaprojekt von der Regierung Uruguays in Genf eingereicht wurde, ein kubanisches Flugzeug nach Uruguay mit 200 000 von Kuba gespendeten Einheiten Impfstoff an Bord. In der Tat waren wir sehr empört, als es zum ersten Ausbrechen der Krankheit kam, der hätte vorgebeugt werden können; als man erfuhr, was geschehen war. Dem Volk Uruguays sagten wir, daß wir bereit seien, den Impfstoff zu spenden. Zu dem damaligen Zeitpunkt – Ende Dezember vorigen Jahres – benötigten sie 71 000 Einheiten. Etwas mehr; wir nahmen unsere Impfstoffreserven in Anspruch und sandten die gesamte benötigte Menge. Das war also vor knapp 15 Wochen, als im Landesinneren die Krankheit ausbrach. Vor kurzem wurde ein Herd in der Hauptstadt festgestellt. Wir schickten sofort, am 7. April, 200 000 Einheiten, die bereits produziert worden waren. Sogar die Transportkosten übernahmen wir. Danach kamen Diskussionen auf, denn sie wollen ableugnen, daß es sich um eine Spende handelt und wollen es auf jeden Fall von Altschulden abziehen.



Ja, wir haben Schulden von früher her. Sie sind nicht sehr hoch und nicht etwas, dem wir heute in einer mehr oder minder längeren Zeitspanne nicht nachkommen könnten. Zu dieser unterbliebenen Zahlung kommt es, als die Spezialperiode einsetzt, das sozialistische Lager und die UdSSR zusammengebrochen war und als die Regierung der Vereinigten Staaten, der Verbündete oder eher noch der Gebieter der Regierung Uruguays die Blockade verschärft. Elf Millionen Kubaner sind Zeuge dessen, was es bedeutet hat.



Wir haben gesagt, daß wir bereit sind, diese Schulden zu diskutieren, wann es ihnen beliebt, doch daß wir nicht wünschen, daß diese Spende nicht als solche sondern als eine Bezahlung von Schulden betrachtet wird; und niemand kann uns dazu zwingen. Keinerlei Schulden würden wir jemals mit unserer Reserve an Impfstoff begleichen, während wir sie aufstockten.



Das ist keine Erfindung. Es gibt eine der Welt bekannte Tradition unseres Landes und unserer Politik. Wir haben nichts im Sinn weder mit Lügen noch Demagogien jeglicher Art; und mit gutem Recht lehnen wir ab, daß unsere Spende geschmäht wird. Es ist in der Tat ein menschliches Elend. Ich kann nur sagen, auch wenn sie die Beziehungen abbrechen, wird der restliche Impfstoff – vielleicht 800 000 Einheiten – pünktlich dort eintreffen; es sei denn, sie wollen nicht, daß das Flugzeug dort landet; denn in der Nacht vom 21. Zum 22. April gelangten nach Montevideo um 24.00 Uhr, also einige Stunden nach dem Dolchstoß in Genf, die 200 000 Einheiten der dritten Impfstoffsendung, und alle anderen werden auch bereit sein.



Über ein integrales Gesundheitsprogramm leisten 2600 kubanische Ärzte kostenfreie Gesundheitshilfe als Unterstützung Kubas für Länder der Dritten Welt. Ich werde sie nicht aufzählen; doch das ist keine Begleichung irgendwelcher Schulden, noch nimmt unser Volk Rache für all das, was man Kuba in den ersten Jahren der Revolution angetan hat, als sich die lateinamerikanischen Regierungen den Vereinigten Staaten auslieferten mit Ausnahme Mexikos, das jetzt eine so schrecklich schmerzhafte Rolle an der Spitze eines weiteren großen Verrats an Kuba übernommen hat, Verrat wie in jenen traurigen und beschämenden Jahren der Feigheit und Auslieferung. Die Vereinigten Staaten verteilten auf sie unsere annähernd vier Millionen Tonnen betragende Zuckerquote, für die ein Differentialpreis bestand. Dieses Mal gab es glücklicherweise einige, die sich nicht der heimtückischen Verschwörung anschlossen. Diese ganze Geschichte muß ins Gedächtnis gerufen werden und auch, daß wir unsere Schuld nicht mit unserem Blut bezahlen. Mit unserem Blut bezahlen wir ausschließlich die Schuld, die wir der Menschheit gegenüber haben! Unsere elementaren Pflichten der Solidarität mit anderen Völkern.



Die Politik der uruguayischen Regierung ist niederträchtig und erbärmlich. Kuba ist nicht zu bedrohen, es ist durch niemanden zu bedrohen! Es hat 43 Jahre vom Giganten bedroht gelebt, der heute dreimal stärker ist als damals. Mit unserer Würde, unserem Ehrgefühl und unserem Bewußtsein, womit einzig und allein das Überleben unseres Landes und seiner Revolution erklärt werden kann, haben wir dem standgehalten und werden es weiterhin tun.



Man entschuldige mich für diese Einschaltung.



Am 15. April veröffentlicht das Amt des Präsidenten von Mexiko ein Offizielles Kommuniqué mit der Information, daß Mexiko für das von Uruguay präsentierte Projekt stimmen wird.



Uns war diese Entscheidung einige Tage im voraus bekannt. Sie entsprach einer Übereinkunft mit den Vereinigten Staaten.



Das Groteskeste war, daß man uns sogar bestechen und unser Schweigen zu den Vorkommnissen in Monterrey erkaufen wollte. Während der dramatischen Ereignisse in Venezuela, als das Leben von Hugo Chávez in Gefahr war und alles erledigt schien, übermittelte der Botschafter Mexikos in Kuba, dem ich keine Schuld zuschreibe, am 13. April – ungefähr 38 Stunden vor dem offiziellen Kommuniqué des 15. April – eine Botschaft der mexikanischen Regierung mit dem Versprechen, Petróleos Mexicanos könne die ausbleibenden venezolanischen Lieferungen von PDVSA übernehmen.



Wir waren angewidert von dieser schamlosen Machenschaft des Betruges, mit der man unseren Protest gegen die für Genf geplante Ruchlosigkeit abschwächen wollte. Die Regierung Mexikos ist stets dagegen gewesen, daß Kuba aus Beschlüssen wie denen von San José und anderen irgend einen Nutzen hat. Wir haben uns lediglich kalt bedankt und nicht das geringste Interesse an diesem heuchlerischen Angebot gezeigt.



Das sowohl von Castañeda als auch von Präsident Fox während ihres Kubabesuches gegebene Versprechen, keine Schirmherrschaft, noch Förderung oder Unterstützung einer Resolution gegen Kuba zu übernehmen, war schändlich verraten worden.



Es kann schon sein, daß einige, die mir zuhören, sagen: Nun gut, alles ist offenbar logisch und einleuchtend erklärt; doch wer garantiert, daß Castro, sich als Nacheiferer Shakespeares betrachtend, dieses Drama nicht erfunden hat? Jene, die so denken, bitte ich, sich ein paar Minuten lang die Aufnahme des Gespräches anzuhören, die den präzisen Wortlaut enthält mit meiner Stimme und Betonung sowie der von Fox.



Den Anwesenden dieser Konferenz steht es frei, sofern der Wunsch besteht, sofort Fox und Castañeda anzurufen; sie zu fragen, ob dieses Gespräch am 19. März zwischen ungefähr 11.30 Uhr und 11.50 Uhr stattgefunden hat, ob sie es so bestätigen und ob dieser Wortlaut exakt ist oder nicht. Sollte bewiesen werden, daß dieses Gespräch nie stattgefunden hat und daß diese nicht die Worte von Präsident Fox sind, dann verpflichte ich mich, sofort alle meine Ämter und Verantwortlichkeiten als Oberhaupt des kubanischen Staates und der Revolution niederzulegen. Ich wäre nicht imstande, dieses Land weiterhin ehrenhaft zu lenken.



Demgegenüber sähe ich es gern, wenn die Autoren so vieler Lügen und des kolossalen Schwindels, mit dem sie das mexikanische Volk und die Weltöffentlichkeit zu manipulieren und zu betrügen trachteten, fähig wären, im gleichen Sinne von Würde und Ehre zu reagieren.



Die Völker sind keine nicht ernst zu nehmenden Massen, die ohne jegliche Ethik, Ehrbarkeit und Respekt betrogen und regiert werden können.



Es kann wegen der Äußerung dieser Wahrheiten zum Bruch der diplomatischen Beziehungen kommen, doch die brüderlichen und historischen Bande zwischen den Völkern Mexikos und Kubas werden ewig bestehen.



22. April 2002

(OVATIONEN)

Samstag, 30. März 2002

Fidel Castro Ruz anläßlich der Offenen Tribüne der Revolution in Buey Arriba, Provinz Granma.

Ansprache des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas und Vorsitzender des Staats- und Ministerrates, anläßlich der Offenen Tribüne der Revolution in Buey Arriba, Provinz Granma. Vom Autor wurden einige Angaben hinzugefügt, im wesentlichen im Zusammenhang mit den Gefechten der letzten Offensive der Truppen der Tyrannei und der Endoffensive der Rebellenarmee. 30. März 2002, „Jahr der Helden in Gefangenschaft des Imperiums“


Liebe Mitbürger von Buey Arriba, von Granma und von Kuba!



Der Zufall wollte es, daß in den letzten Tagen gleichzeitig vier bedeutende Programme der Revolution Realität werden sollten; ein Ergebnis der großen Schlacht der Ideen, die wir austragen.



Dieser Akt hier ist für uns, für alle Bürger Orientes und für das gesamte Land von außerordentlicher symbolischer Bedeutung.



Die von mir erwähnten Programme waren in der Reihenfolge der Einweihungen in Granma erstens die Fertigstellung und Einweihung der Schule für Bildende Kunst in Manzanillo, die den Namen des berühmten Malers und Intellektuellen Carlos Enríquez trägt. Die Wahl des Namens war nicht einfach, denn es gibt viele berühmte Maler und mit jedem Tag werden es mehr sein; zweitens das Programm der integralen Ausbildung von Jugendlichen (Ausrufe), in das bereits fast 80 000 junge Kubaner aufgenommen wurden; drittens das Programm der Einrichtung und Schaffung – wir könnten sagen – von Videosälen in jenen Landgemeinden, in denen es keinerlei Stromversorgung gibt; viertens das kolossale Programm der Einrichtung von Computerlabors oder, im Falle kleiner Schulen, der Aufstellung von PC’s für die Unterrichtung dieses Faches in der oberen Gymnasialstufe, den Mittel- und sämtlichen Grundschulen bei Einbeziehung der Kinder der Vorschulerziehung.



Ich weiß nicht, ob es auf der Welt noch ein Land gibt, das ein Programm diesen Ausmaßes und diesen Umfanges in der Unterrichtung der Computertechnik umgesetzt hätte; und sicher erhalten die Kinder der Vorschulerziehung, der Grund- und Mittelschule dieses Gebirgsmunizipiums – ob es hier eine gymnasiale Oberstufe gibt, ist mir nicht bekannt – diesen Unterricht. Gäbe es irgendein Land der Welt, das ein so umfassendes, so anspruchsvolles, so präzises, so exaktes Programm umgesetzt hätte, so kann doch mit aller Sicherheit behauptet werden, daß dies niemand in acht Monaten fertiggebracht hat und vielleicht auch niemals fertigbringen wird (Ausrufe „Viva Fidel“) mit Vorbereitung von Lehrpersonal und der Schaffung von mehr als 12 000 anständigen Arbeitsplätzen, die in künftigen Jahren in dem Maße wie das Programm Früchte trägt und in dem Maße wie diese heute unterrichtenden vielen Tausend Jugendlichen mehr und mehr Kenntnisse erlangen, eine starke Anerkennung durch die Gesellschaft finden werden. (Applaus)



Der Zufall wollte ebenfalls, daß einige Stunden vor Antritt unserer Reise nach Manzanillo in Havanna ein weiterer außerordentlicher Tatbestand verkündet wurde: die Ausrottung des Denguevirus (Ausrufe) und die Reduzierung auf fast Null des gefährlichen Vektors Aedes aegypti.



Vieles könnte zur Bedeutung dieser vier Programme gesagt werden. Die in Manzanillo eingeweihte Schule für bildende Kunst ist eine jener sieben, die die Revolution im Zeitraum 2001/2002 geplant hat. Von diesen sieben sind zwei fertiggestellt; vier weitere werden noch vor September fertig sein. Zwar werden bereits provisorische Räume für diese Aktivität genutzt, doch zu diesem Termin werden die entsprechenden Gebäude fertig sein; und mit der siebten Schule wird man vielleicht noch vor Jahresende rechnen können. Dazu kommt die Rekonstruktion und Erweiterung weiterer Schulen dieser Art, mit denen sich dann insgesamt die Anzahl der heute in den Schulen für bildende Kunst Lernenden verdoppelt haben wird.



Ich beziehe mich auf die bildende Kunst, denn in diesem Falle ist es die Repräsentation einer enormen Bewegung, der sich in unserem Land abspielende kulturelle Ausbruch, der in anderen Richtungen von Kunst und Geistesschaffen seinen Ausdruck findet. Es ist dies bei allen offenen Tribünen zu sehen, an Kindern, Heranwachsenden, Jugendlichen, der Bevölkerung insgesamt; wie es sich auf der unlängst stattgefundenen Internationalen Buchmesse gezeigt hat; ein Fest, das sich auf die 17 bedeutendsten Städte Kubas ausdehnte; ein Phänomen, das man ebenfalls von keinem anderen Land sagen kann. So findet in unserer Heimat im Tanz, in der Musik, dem Theater und anderen Richtungen der Kunst und des Geistesschaffens die Bewegung ihren Ausdruck.



Unser Minister für Kultur bezog sich darauf in seiner Rede zur Einweihung der Schule von Manzanillo, als er sagte, daß sich die Besucherzahl von Theatern, Museen, Musik- und anderen Veranstaltungen faktisch verdoppelt hat. Das ist auch hier an diesem Munizipium der Provinz Granma zu sehen. Wir sehen dies nicht nur an den Kindern, die hier vortragen, was ein Ausdruck von Intelligenz und Kunst ist aufgrund der, wie könnten sagen, Ausdrucks- und Redefähigkeit, aufgrund der Reden, die ihnen niemand schreibt, sondern die sie selbst ausarbeiten. An wieviel Orten der Welt wird man so außerordentliche Kommunikatoren finden, wie es unsere Kinder sind? Wir sehen dies an jenen, die hier vortragen, die hier tanzen, die hier singen oder an dem Musikerduo, dem Paar, das uns hier mit seiner wunderbaren Darbietung erfreute. Es ist dies etwas, das allerorts erblüht, und dabei stehen wir erst am Anfang.



Man muß nicht fragen, woher jenes Mädchen, woher jener Junge, woher jene Gruppe kommt, die hier gesungen hat. Nein, sie kommen nicht aus dem Ausland, nicht aus der Hauptstadt. Sie kommen aus der Provinz Granma (Applaus), eine der wirtschaftlich am wenigsten entwickelten, oder sie kommen aus dem Munizipium, wo, sagen wir, eine Tribüne wie diese schöne hier durchgeführt wird; und dabei meine ich nicht die Tribüne, auf der ich stehe, sondern jene große, die ich von hier in diesem Gelände sehen kann, wo das Volk steht (Ausrufe), das den Platz mit mehr als 25 000 Teilnehmern gefüllt hat, wo man doch nur mit etwa 15 000 gerechnet hat. Glück haben die Fernsehzuschauer, die das Gleiche sehen wie ich von hier aus sehen kann; denn Ihr könnt Euch ja nicht selbst betrachten; Ihr könnt nicht dieses Bild von Volk, Fahnen, Begeisterung, revolutionärem Geist betrachten; kaum daß Ihr jene Fahnen, die Bäume, die Anhöhen und das rechts und links im Hintergrund sich erhebende Gebirge Betrachten könnt. (Beifall und Ausrufe)



Zu den vier Programmen, die ich nannte, ist nur sehr wenig noch hinzuzufügen; vieles ist gesagt. Wenn ich etwas hinzufüge, dann das, daß uns die Anwesenheit der 81 Maler und Bildhauer ehrte, die zu den hervorragendsten bildenden Künstlern des Landes und der Ostprovinzen, Camagüey eingeschlossen (Applaus), zählen. Dabei sind sie nur eine Vertretung all dessen, was es heute in Kuba gibt. Unter unseren Künstlern, unserer Intellektuellen ist ein neuer Geist, ein Klima von Frohsinn zu spüren. In der neuen Schule wurden Wandmalereien als Erinnerung angebracht. Diese präsentierte sich als mit modernsten Mitteln ausgestattete Bildungseinrichtung, wo die Kinder von Arbeitern, Bauern und dem einfachen Volk, das die materiellen und geistigen Güter sowie die für das Land lebenswichtigen Leistungen produziert, zweifelsohne eine ganz außergewöhnliche Bildung erhalten werden. (Beifall) Das ist ein hinreichender Grund zur Genugtuung. Die beiden wichtigsten Städte dieser Provinz – Schwestern im Kampf, Schwestern in der Historie und Schwestern im Ruhm – Bayamo und Manzanillo, werden auch jede eine Schule wie diese haben – die von Bayamo wird bald fertiggestellt sein – mit Schülern aus sämtlichen Munizipien. Das ist das Gute daran und die Beteiligung von Jugendlichen aus den Landkreisen wird sich weiter erhöhen in dem Maße wie Zeit zur Verfügung steht, um die Schüler auszuwählen, die alljährlich in diese Schulen aufgenommen werden.



Bei der Schuleinweihung sahen wir auch eine Wanderbühne. Es ist die Initiative eines jungen Künstlers, der Theater, Bücher und Musik an jeden beliebigen Ort bringt. Wieviel Dinge und wieviel Initiativen sind doch überall zu sehen!



Vom Einweihungsakt des Programms zur integralen Ausbildung von Jugendlichen muß ich sagen, daß er zu den beeindruckendsten Dingen gehört, die ich in meinem Leben gesehen habe (Ausrufe), denn ich betrachtete jene Menge Jugendlicher, denen das Leben die härtesten Momente gezeigt hat, denen das Leben Opfer und Schwierigkeiten gezeigt hat. Nun sah man sie dort im vollen Bewußtsein, daß sich ihnen das Tor zu einer leuchtenden Zukunft im Bereich des Wissens, der Kultur, der Geistes- und Naturwissenschaften auftat. (Beifall) Eine Schule, an deren Eingang ein, man könnte sagen Losung mit folgendem Wortlaut steht: „Tritt ein und mach aus deinem Leben, was du selber willst.“ (Beifall) Diejenigen, die aus diesem oder jenem Grunde sehr wenig günstige Gelegenheiten im Leben gehabt oder diese verloren hatten, zeigten Leidenschaft, Gefühl, Würde und Stolz mit dem weisen und edlen Entschluß, sich in diese Schulen einzutragen und erneut Möglichkeiten zum Erlangen tiefgründiger Kenntnisse und dem Erreichen der gesteckten Ziele zu schaffen. (Beifall)



Vom dritten Akt kann ich sagen, daß dort auch etwas vollkommen Neues zu sehen war. Jene sogenannten Videosäle sind viel mehr als das. Das haben wir gestern entdeckt. Wir haben es gespürt, denn die Idee, Gelegenheit für den Erhalt von Information und Kenntnissen, für kulturelle und sportliche Freizeitgestaltung zu bieten, war bereits zu einer Art Mikrouniversität geworden, wo Familienärzte, Lehrer, Massenorganisationen, Vertreter der Poder Popular (Volksmacht), also all jene, die anspruchsvollen Programme der Volksgesundheit umsetzen und zeigen, wie man in Anbetracht der Leiden, die man haben kann, leben sollte – jeder kann mehr oder weniger mit einem Leiden behaftet sein, vor allem mit fortschreitendem Alter können sich Krankheiten einstellen – was man tun darf und was nicht oder, wenn man so will, was man tun sollte und was nicht. Das Ganze mündet in Wohlergehen, Gesundheit, Glück für den Einzelnen und alle seine Angehörigen, in Glück für das ganze Volk. (Beifall)



Dort werden sie aber in noch anderen Fächern sozialen Inhalts unterrichtet, die ihnen erlauben, Probleme dieser oder jener Art anzugehen, die schädlichen Gewohnheiten beträchtlich zu reduzieren, wie dies beispielsweise bereits mit dem Rauchen der Fall ist oder daß die Raucher zumindest bei sich zu Hause oder an anderen Orten rauchen, wo sie allein sind und nicht mit 30, 40 oder 50 Personen versammelt. Auch werden sie beitragen, auf sozialen Treffen und Festen den übermäßigen Alkoholkonsum einzuschränken, denn in diesen Sälen wird überhaupt kein Alkohol getrunken. Die Bauern und ihre Angehörigen tragen ihre beste Kleidung, wenn sie diese Stätten besuchen. Es kommt zu keinen Streitigkeiten, keinen unangenehmen Zwischenfallen, die teilweise noch immer Zeichen von mangelnder Bildung und eines Volkes unwürdig sind, das sich in sämtlichen Bereichen, speziell in denen des Wissens und der Kultur, im Umbruch befindet. (Beifall)



Die Lebenserwartung der Söhne unseres Volkes wird sich erhöhen, und das trotz der widrigen klimatischen Bedingungen, der Hitze und der häufig mißlichen Umstände, denn es ist außerdem ein feuchtes Klima, das ganze Gegenteil von dem der Industrieländer in den gemäßigten Zonen.



Ein gutes Beispiel sind die Angaben zur Kindersterblichkeit; in Kuba, diesem Kuba, das so lange vom Kolonialismus mit Füßen getreten wurde, das vom Neokolonialismus und dem Imperialismus mit Füßen getreten wurde, lag die Säuglingssterblichkeit zum Zeitpunkt des Sieges der Revolution nicht unter 60 pro 1000 Lebendgeburten – für den Fall, daß jene Statistiken zuverlässig sind; ich glaube nämlich, es gab keine seriösen Statistiken. Wer weiß, wieviel Todesfälle überhaupt nicht registriert wurden; wie jene, die auf der anderen Seite der Sierra die Küste voller Kreuze der Bauern und ihrer Angehörigen stellten, die am Ufer des Meeres starben, wo sie auf einen – wie sie sagten – Schoner warteten, der dort vorbeikäme. Seit geraumer Zeit ist Schluß mit den Gräbern, und seit geraumer Zeit wird den noch ungeborenen Kindern und ihren Müttern in 12, 13 oder 14 Terminen ärztliche Betreuung zuteil sowie sämtliche erforderlichen Untersuchungen. Schwangerenheime tragen zur Heilung von die werdende Mutter gefährdenden Krankheiten bei, auf diese Weise Mutter und Kind schützend. Das ist auch ein Grund für die niedrige Müttersterblichkeit in unserem Land sowie für die niedrige Mortalität bei Kindern von 0 bis 1 Jahr und von 0 bis 5 Jahren, in denen das Risiko am größten ist. (Beifall)



Dieses Land verfügt heute über 67 000 Ärzte und damit über die höchste Pro-Kopf-Kennziffer der Welt, denn sie beträgt fast das Doppelte des am weitesten entwickelten Landes. Mit diesen Ärzten betreuen wir nicht nur unser Volk, sondern verfügen über Humanressourcen zur Unterstützung anderer Völker, und alljährlich nehmen 3000 kubanische Studenten das Medizinstudium auf.



Aus diesen Bemühungen resultiert das immense, das fabelhafte Humankapital, das unser Land an Ärzten, Lehrern, Technikern besitzt (Beifall), das, ich wiederhole, kein anderen Land der Welt im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl und den Ressourcen aufzuweisen hat. So sind es in den Vereinigten Staaten 7 pro 1000 lebend geborene Kinder, die vor Vollendung ihres ersten Lebensjahres sterben; währenddessen in Kuba, dem – wie schon gesagt – gequälten Land, es nur 6 pro 1000 Lebendgeburten sind, und das unter diesen klimatischen Bedingungen, wie bereits gesagt; und wir müssen uns um eine weitere Senkung dieser Kennziffer bemühen. Es gibt Provinzen mit 5, Provinzen unter 5 und ganze Munizipien, die nicht einen Todesfall im Jahr registriert haben. Das läßt die derzeitigen Möglichkeiten unseres Landes erkennen. (Beifall und Ausrufe)



(Schaut auf die Uhr) Die Zeit vergeht, und noch habe ich einige Ideen darzulegen.



Es gereichte zu einer starken Genugtuung, daß diese vier Programme hier in der Provinz Granma eingeweiht werden konnten, die so voller Geschichte, so voller Verdienste ist. (Ausrufe)



Man kann unmöglich vergessen, daß es hier war, in dieser Provinz, in La Demajagua, wo im Jahr 1868 unser erster Krieg für die Unabhängigkeit begann.



Man kann unmöglich vergessen, daß hier an erster Stelle die Freilassung der Sklaven erfolgte in revolutionärer Tat jenes großen Patrioten, der Carlos Manuel de Céspedes war. Er hatte die Möglichkeit gehabt zu studieren und war daher in der Lage, eine Revolution zu konzipieren und anzuführen. Seine Überzeugung trieb ihn von Anfang an zu diesem Akt elementarer Gerechtigkeit. Sie marschierten nach Bayamo, besetzten die Stadt; in Bayamo wurden glorreiche Seiten geschrieben, die glorreichsten in der Geschichte unseres Vaterlandes. Dort erklang jene Hymne, die uns mit so viel Stolz erfüllt und uns zu Herzen geht, wenn wir sie hören. Dort vollbrachte Máximo Gómez die erste Sturmattacke mit der Machete gegen die Kolonialtruppen, die, aus Santiago de Cuba kommend, von Baire in Richtung Bayamo vorstießen. Dort entdeckten die Kubaner ihre Waffe Nummer eins, die Machete; jene Machete, mit der sie auf den Feldern arbeiteten; und danach die Reiterei. Machete und Pferd waren ihre Hauptwaffen, mit denen sie die glorreichen Seiten in der Geschichte unseres Vaterlandes zu schreiben begannen. (Beifall) Dort, bei Dos Ríos, opferte der Apostel der Unabhängigkeit José Martí sein Leben; ein Genius der Ideen, der edelsten Ideen, die man haben kann, Nationalheld des Vaterlandes, dessen Ideen die Generation des Centenariums inspirierte und heute unser ganzes Volk inspiriert und immer stärker inspirieren wird.



Als der in Granma ausgelöste Kampf auf Santiago de Cuba übergriff, auf den Rest der ehemaligen Ostprovinz und auf Camagüey, war eine Unabhängigkeitsbewegung eines faktisch unbewaffneten Volkes entstanden. Inmitten einer Sklavenhaltergesellschaft, die das wesentliche Merkmal jener Kolonie war, in der die sogenannten Kreolen gar keine Patrioten sein konnten, denn sie waren Besitzer großer Ländereien und vieler Sklaven und hegten seit Anfang des 19. Jahrhunderts den Wunsch der Annexion an die Vereinigten Staaten und nicht den der Unabhängigkeit; also inmitten dieser Gesellschaft brachte jene heroische Bewegung - beginnend mit nur einer Handvoll Männer, die sich hier in Waffen erhoben hatten – den Krieg bis ins Landeszentrum und rollt beinahe bis in die Westprovinzen auf, wo mit Sklavenarbeit die wesentlichen Reichtümer erzeugt wurden, die die Kolonialherren zur Niederwerfung der revolutionären Bewegung benutzten. Zehn Jahre lang kämpften die Patrioten ohne Waffenruhe. Nach einer kurzen nicht von allen akzeptierten und durch Zwistigkeiten erzwungenen kurzen Waffenruhe ließen sie in ihren Absichten nicht nach, bis sie dann 1895 den Kampf wieder aufnahmen, diesmal unter der Führerschaft von Martí, der in der Lage war, den kubanischen Patrioten seine Ideen einzupflanzen.



Seht einmal, wie die Geschichte abläuft. Als La Demajagua auf Santiago de Cuba übergriff, traten dort die Männer der Familie Maceo hervor, trat der Bronzetitan hervor, einer der ruhmreichsten Kämpfer in der Geschichte der Schlachten nicht nur in Kuba, sondern in ganz Lateinamerika und der Welt: 800 Kampfhandlungen; 27 Verletzungen im Gefecht. Was für ein Mann!



In jenem Krieg wurde die Nachbarprovinz Santiago zum Bollwerk des Unabhängigkeitskampfes, wie danach auch Guantánamo, als die von Maceo befohlenen Truppen von Máximo Gómez jene Region befreiten, wo in den Kaffeepflanzungen viele Sklaven arbeiteten, ein Nachklang aus der Zeit der Einwanderung zahlreicher französischer Siedler, die aus Haiti emigriert waren. Dort hatten sich die Sklaven erhoben, mit der Sklaverei Schluß gemacht und sogar einen der besten Generäle des besten Generals jener Epoche und vieler anderer Epochen, der Napoleon Bonaparte war, geschlagen.



Mangos de Baraguá war der Ausgangspunkt der Invasion in Richtung Westen im zweiten großen Unabhängigkeitskrieg. Es ist dies ein wesentlicher Teil unserer Geschichte. Ein relevanter Fakt hierbei ist, daß jene aus Oriente bis in den äußersten Westen von Pinar del Río gelangten – daher auch der Invasionsgeist, der stets in den Orientalen zu beobachten war.



Und was geschah dann? Wir begannen unseren revolutionären Kampf in Santiago de Cuba mit der Erstürmung der Moncada-Kaserne am 26. Juli 1953, und knapp drei Jahre später nahmen wir jenen Kampf wieder auf. Als wir mit der Granma zurückkehrten und bei Las Coloradas an Land gingen (Beifall), ging auf dem Boden von La Demajagua der lange Kampf weiter. Wir erlitten unsere härtesten Rückschläge und ließen uns nicht entmutigen. Mit einer Handvoll Männer begannen wir erneut mit der Aufstellung der Rebellenarmee, die dann mit ihrer gesammelten Erfahrung die Tyrannei, die 80 000 Mann unter Waffen hatte, sehr schnell, in nicht einmal zwei Jahren stürzte; denken wir dabei an den drei Tage nach der Landung erlittenen Rückschlag bei Alegría de Pío, an unsere zerstreuten Truppen, die Ermordung vieler Kampfgefährten, die zufällig dem Feind in die Hände fielen oder die gefaßt wurden und ihr Leben für die Sache gaben, bevor wir mit einer Handvoll Überlebender und mit aufgenommenen Bergbauern wieder eine kleine Abteilung der Rebellenarmee aufzustellen begannen.



Ich bin nicht bei allen offenen Tribünen anwesend, sondern nur ausnahmsweise aufgrund des enormen Arbeitsumfangs, der uns zwingt, uns aufzuteilen. (Beifall) Aber gewöhnlich verfolge ich sie am Bildschirm. Wie schön zu sehen, daß fast immer Genosse Raúl den Vorsitz der Tribünen führt und neben ihm die Kommandanten der Revolution Juan Almeida, Ramiro Valdés und Guillermo García Frías anwesend sind. (Beifall) Ich beobachte sie stets; sie sehen gesund aus und ich meine, sie werden noch eine ganze Weile ihren Beitrag an Erfahrung und Beispielhaftigkeit den jungen Generationen leisten können, die mit außerordentlicher Stärke, außerordentlichen Kenntnissen und außerordentlichen revolutionären Verdiensten heranwachsen (Beifall), die Glauben schenken und eine Garantie sind für den gigantischen und großen Wald, den dieses Volk von Helden sein wird, wenn die in jenen Jahren, über die ich spreche, gepflanzte Saat aufgegangen ist.



Bei unserer Ankunft hier unterhielt ich mich mit Ramiro und Guillermo; dieser Ort, der so viele Erinnerungen in mir wachruft (Beifall), oder die Erinnerungen, die die nahen Berge in uns wachrufen, wo die Rebellenarmee wieder aufgestellt wurde und ihre ersten Gefechtssiege errang; die sich von jener unaufhörlichen Verfolgung erholen konnte, die noch erschwert wurde durch Fälle von Verrat, die fast im Begriff waren, unsere bescheidenen Truppen der völligen Vernichtung preiszugeben.



Hier ganz in der Nähe befindet sich der Schauplatz der Operationen der Kolonne 4, befohlen von Che Guevara, den wie so sehr lieben und dessen wir so sehr gedenken. (Beifall) Diese Wege benutzte er, als er sich zur Attacke auf die Kaserne von Bueycitos anschickte. Ich erinnere mich, es war um den 31. Juli, einen Tag nach dem Tod von Frank País. Er erstürmte jene Kaserne – Ramirito berichtete mir, daß die gut verschanzte Verteidigung etwas mehr als 20 Mann zählte - und beschlagnahmte dort annähernd 20 Waffen. Es war dies eine Art Ausgleich für den furchtbaren Schmerz, den uns allen der Tod von Frank País bereitete.



Hier trug er viele Gefechte aus, denn hier war eine der aggressivsten und blutigsten Abteilungen der Tyrannei stationiert, erzogen im Haß und stimuliert durch Drogenkonsum, denn es war ihnen zur Gewohnheit geworden, ihren Mut mit Marihuana zu stärken. In der Tat war die Abteilung eine der kämpferischsten. Ihr Führer kam in die Sierra Maestra mit dem Rang eines Oberleutnants und verließ sie als Oberst, ja als Oberst und mit einer Schußverletzung am Kopf, die ihm am Ende der letzten Offensive zugefügt wurde.



Hier ganz in der Nähe kämpfte die Truppe Guillermos, und Ramiro hatte den Befehl in jenen Stellungen diesseits des Pico Turquino, an der rechten Flanke östlich von La Plata, wo sich das Hauptquartier der Rebellenarmee befand. Dort gab es auch ein aus Holz und Palmwedeln konstruiertes Feldlazarett, das sehr wichtig war, sowie den Sender Radio Rebelde mit einer Stärke von 1 kW auf dem Gipfel eines Berges, der das ganze Land erreichte und mehr als jeder andere Sender gehört wurde. (Beifall)



Unvergeßlich ist ein Ereignis in unmittelbarer Nähe von hier, zu dem es kam, als wir bereits neue Fronten bildeten, das vordem geschehen war und von mir noch nicht erwähnt worden ist: die Beförderung von Raúl und Almeida Ende Februar 1958 zu Kommandanten (Beifall) und die Bildung von zwei Kolonnen, der Kolonne „Frank País“ unter dem Kommando von Raúl und der Kolonne „Mario Muñoz“ – ein heroischer Arzt, der in der Operation Moncada den Tod fand – unter dem Befehl von Almeida. Beide hatten die Aufgabe, nach Osten vorzustoßen. Raúl sollte die Sierra Maestra verlassen und nach Durchqueren des Tieflandes in der Nähe von Palma Soriano bis zu jenem Punkt in den Bergen vorstoßen, der später die zweite Front in Oriente sein sollte; und Almeida sollte eine Guerrillafront im Umfeld von Santiago de Cuba bilden. Zweieinhalb Monate später machte es sich erforderlich, in einem sehr kritischen Moment die Kolonne Almeidas in die Sierra zurückzuziehen, denn nach der Niederlage des Streiks vom April entsandte die ermutigte Diktatur 10 000 Soldaten ihrer besten Einheiten, unterstützt durch die Luftwaffe, Panzer, Artillerie etc., gegen die Front Nummer Eins in der Sierra Maestra, eigentlich gegen das Hauptquartier, dort wo Radio Rebelde, das Lazarett und die Kommandantur eingerichtet waren.



An diesem Ort hatte der Vormarsch des Bataillons von Sánchez Mosquera begonnen, der zehn Tage lang von Ramiro an der Spitze der damaligen Kolonne 4 und Guillermo mit einem Teil der Truppen von Santiago, die als Verstärkung entsandt worden waren, in erbittertem Kampf und mit der Erfahrung, die beide bereits besaßen, aufgehalten wurde. Jenes bis zu den Zähnen bewaffnete und unter dem Ruf stehende, das beste aller Bataillone zu sein, stieß hier auf den Widerstand von, sagen wir, mehreren Gruppen; ich will nicht sagen, einer Kampanie. Wir waren zu wenig Kämpfer. Vor ein paar Minuten fragte ich Guillermo – er mußte etwa 30 oder 40 Männer in dieser Zone haben und mit diesen versuchte er zu verhindern, daß das feindliche Bataillon von diesem Punkt aus in die Sierra gelangte. Jene Offensive, die letzte, setzte am 25. Mai ein. Sie hatten alle ihre Boden- und Lufttruppen konzentriert. An der Südflanke operierten auch die Fregatten der Kriegsmarine, um uns zu isolieren und anzufeinden.



Zu jenem Zeitpunkt, am 25. Mai, als sie ihre Offensive bei Las Mercedes an der linken Flanke unserer Front einleiteten, waren wir weit unter 300 Mann. Zu unserer Verteidigung verfügten wir nicht einmal über 200 Kämpfer. Doch wir hatten bereits Almeida beauftragt, mit nicht weniger als 50 erfahrenen Männer der Truppen um Santiago de Cuba in die Sierra zurückzukehren, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Zone der Kolonne 4 angelangt waren. Camilo, der im Tiefland operierte, bewegten wir ebenfalls zur Rückkehr, und zum geeigneten Zeitpunkt stießen sie zu uns.



Ungefähr drei Wochen nach Einsetzen der Offensive, da der Kampf intensiver und die Einkesselung von La Plata, von mehreren Bataillonen von unterschiedlichen Punkten aus attackiert, immer enger wurde und die Anzahl der Verteidigungskräfte ungenügend war, erhielt nach Beendigung der Gefechte in Buey Arriba das Bataillon Mosqueras, das nicht in die Sierra gelangen konnte, um von dort den Vormarsch zur Kommandantur zu realisieren, den Befehl, nach Westen vorzustoßen, um in Santo Domingo in der Umgebung von La Plata einzudringen, um von dort aus unseren Befehlsstand zu attackieren. Am 19. Juni langten sie dort an, nachdem sie auf den Widerstand von drei Rebellengruppen im Hinterhalt gestoßen waren. Diese Bewegung kam ziemlich überraschend. Dadurch mußten Truppen bewegt werden, die hinter dem Pico Turquino in der Verteidigung standen, um eine engere und festere Verteidigungslinie zu schaffen. Einige Stunden vor Ankunft der Verstärkung von Almeida und Camilo versetzten am 28. und 29. Juni Truppen der Kolonne 1 zwei Bataillonen einen harten Schlag, die unter dem Befehl von Sánchez Mosquera beabsichtigten, La Plata einzunehmen. Es wurden ihnen hohe Verluste zugefügt, Verluste an Menschenleben und Waffen, über die wir nun verfügten. Am folgenden 30. Juni gingen wir, nun bereits mit Unterstützung der Truppen von Almeida, Ramiro und Camilo und die Demoralisierung des Feindes ausnutzend, zur Gegenoffensive über, brachten die beiden Bataillone in arge Bedrängnis, konnten sie jedoch nicht zerstreuen noch besiegen. Nach Ankunft der Verstärkungstruppen zählten wir annähernd 300 Mann, an denen die 10 000 Soldaten der besten Truppen der Tyrannei in einem pausenlosen etwa 70 Tage andauernden Kampf zerbrachen.



Mehr oder weniger 35 Tage befanden sie sich auf dem Vormarsch, bis sie nach ernsten und immer stärkeren Schlägen den Rückzug antraten, und das bei zäher Verfolgung durch unsere Truppen, die zahlenmäßig wuchsen in dem Maße wie wir dem Feind die Waffen abnahmen. Während ungefähr einem gleich großen Zeitraum attackierten wir, und zu jenem Zeitpunkt dann war zu ihrem Glück der Krieg schon fast zu Ende. Ihre letzten Einheiten konnten entkommen, vielleicht aufgrund der Erschöpfung unserer Männer, die bereits barfüßig gingen. Mosquera war mit seinem Bataillon eingekreist und wurde während dem schwierigen und komplizierten Rückzug verletzt. Nach Ablauf von 70 Tagen verfügten wir über mehr als 900 bewaffnete Männer. Man kann sagen, daß die einzigen Truppen, mit denen wir nicht rechnen konnten und deren Verlegung nicht richtig gewesen wäre, die der zweiten Front waren, denn die Entfernung, in der sie sich befanden, konnte unmöglich in wenigen Tagen geschafft werden. Auch waren wir der Meinung, daß mit all jenen, die wir zusammenzogen, die feindliche Offensive niedergeschlagen werden konnte.



Mit 900 Männer erfolgte nun die Invasion des restlichen Provinzterritoriums und der Hälfte des Landes. Almeida und Guillermo kehrten an ihre Stellungen zurück. Wir schickten weitere Truppen in den Osten; wir schickten Truppen in den Norden der Provinz; wir schickten Truppen, ja sogar eine Kolonne nach Camagüey und wir schickten zwei berühmte Kolonnen, die des Che und die von Camilo mit, wenn ich mich recht entsinne, je 140 und 90 Kämpfern zum Vormarsch nach Westen. Sie erreichten nach der Heldentat von 500 Kilometern Fußmarsch die Zentralprovinz. Es waren Tage voller Ängste und Unruhe, währen sie nach Las Villas unterwegs waren. Auf diese Weise gewannen die Kolonnen in unterschiedlichen Richtungen an Boden gegenüber einem immer stärker demoralisierten Gegner.



Hier war es, von dieser Zone der Sierra Maestra aus setzten sich sämtliche Kolonnen der Rebellen in Marsch; und einige Kilometer von hier begann im November der Vormarsch unserer Kolonne nach Santiago de Cuba. Nun dürft Ihr nicht denken, es habe sich um eine stark bewaffnete große Kolonne gehandelt. Wir waren ein Trupp und 1000 unbewaffnete Rekruten. Wir kamen voran, nahmen einige Gruppen auf, einige kleine Einheiten. Als wir hier anlangten, waren wir nicht einmal 100 bewaffnete Männer. Kurz vor Ankunft hatten wir bereits eine Kompanie des Heeres fast eingekesselt. Es waren die einzigen Truppen Batistas in der Nähe der Sierra. Wir stießen beschleunigt vor. Wir gedachten, den Belagerungsring zu schließen und sie niederzuwerfen. Diese Operation beherrschten unsere Soldaten und Offiziere bereits gut. Ein kleiner Trupp mit einem unserer Offiziere, der noch sehr jung war, besetzte die Rückzugsroute jener Einheit, während wir uns beeilten, um ihre Flucht zu verhindern.



Unserem jungen Offizier mangelte es leider an Erfahrung. Wir benutzten eine psychologische Waffe. Seit Tagen waren wir bereits dabei, den Kompaniechef auszuschalten – das war gut möglich – und erreichten wir ihre Einkesselung, hätten sie keine 24 Stunden durchgehalten. Ich erzähle das hier, auch wenn es mich einige Minuten kostet. Unser Offizier sollte dem Chef jener Einheit eine Botschaft von mir in einem geschlossenen Umschlag übergeben. Er schickt den Umschlag, fügt jedoch noch eine beleidigende Bemerkung aus eigner Ernte hinzu, was unserem Ziel absolut nicht dienlich war und bewirkte, daß jener Chef und seine Kompanie in höchster Eile die Flucht ergriffen. Dabei brauchten wir die Waffen jener Kompanie.



Auf dem weiteren Vormarsch kam es fast unmittelbar zu einer freundschaftlichen Begegnung mit zwei Einheiten des Heeres, die der heutige General Quevedo – er hatte gegen uns in El Jigüe gekämpft, ist aber ein echter Gentleman – nicht als Soldaten sich uns anzuschließen, sondern und nicht mehr zu bekriegen und uns die Waffen auszuhändigen. Damit waren wir dann annähernd 180 bewaffnete Kämpfer. Ich hatte diesen Ort am 17. November 1958 besucht, und drei Tage später setzte dann in Guisa ein, was wir aufgrund der Truppenstärke des Gegners als Schlacht bezeichneten. Es kam zur Schlacht gegen die Truppen von Bayamo, Sitz des Oberkommandos der Operationskräfte des Gegners mit etwa 5000 Soldaten. Von hier aus konnten Lastwagen, Panzer und alles andere auf asphaltierter Landstraße nach Guisa bewegt werden. Dort kämpften wir zehn Tage. Wir wuchsen in dem Maße wie wir Waffen und Munition vereinnahmten bis hin zur Vernichtung jener Truppen und der Einnahme der Stadt.



Bei unserem weiteren Vormarsch nach Santiago befreiten wir gemeinsam mit der Kolonne Almeidas und anderen die von den Truppen des Gegners besetzten Städte: zuerst Baire, dann Jiguaní, Palma Soriano und Maffo, machten Hunderte zu Gefangenen und nahmen ihnen ihre Waffen und Munitionen ab. Es hatten sich alle in Oriente agierenden Kolonnen, alle Fronten, die Rebellen Almeidas, faktisch alle Truppen des Ostens der Provinz zusammengeschlossen, und mit 1200 Mann sollte nun Santiago de Cuba genommen werden. Es gab dort zwei Fregatten sowie 5000 Soldaten. Dort war die Moncada-Kaserne, die wir erstürmen würden, wobei diesmal keiner entkommen sollte. 1200 erfahrene Kämpfer war zahlenmäßig ein ganzer Luxus; denn 1200 gegen 5000, also das war das beste Kräfteverhältnis, das wir je hatten. Da wendet sich der Chef der gegnerischen Truppen an uns und bittet um eine Unterredung. Er kommt im Hubschrauber und bestätigt, den Krieg verloren zu haben und fragt uns, wie er unseres Erachtens zu beenden sei. Unsere Empfehlung war, die Garnison Santiago de Cuba aufzulösen, und er vereinbarte es so. Doch er wollte in die Hauptstadt reisen und führte mehrere Gründe dafür an. Um kein Risiko einzugehen, sagte ich ihm mit Nachdruck: „Begeben Sie sich nicht in die Hauptstadt.“ Unzweifelhaft besaß er Einfluß. Er war Chef des Heeres. Ein Mörder war er nicht; das muß mit aller Offenheit gesagt werden. Er war kein Scherge. Er war in der Tat, man könnte sagen ein zivilisierter Mensch, und in seiner Armee mangelte es ihn nicht an Ansehen.



Wir baten ihn um drei Dinge: erstens “wollen wir keinen Staatsstreich in der Hauptstadt“, das sagten wir ihm mit allem Nachdruck; zweitens „wollen wir nicht, daß ihr Batista entkommen laßt“ und drittens „wollen wir nicht, daß ihr mit der Botschaft der Vereinigten Staaten Absprachen trefft“



Er ging nach Havanna und wir warteten. Am 30. Jenes Monats sollte es zu der Auflösung der Garnison kommen; nichts dergleichen geschah, nur ein Brieflein, einige kurze Mitteilungen. So ließen wir ihm über den Chef der Garnison Santiago die Antwort zukommen, daß wir nach Ablauf der Frist angreifen und die Stadt befreien werden. Es ist dies alles eine lange Geschichte, die man unmöglich an einem Tag dem heutigen erzählen kann. Ich werde lediglich sagen, daß er das Gegenteil jener drei Dinge tat. (Lachen) Er führte einen Staatsstreich in der Hauptstadt; sie verabschiedeten Batista auf dem Flugplatz und trafen Absprachen mit der US-amerikanischen Botschaft. Das sagt alles.



So kommt es zum Ersten Januar. Wir propagieren die Losung, das Feuer nicht einzustellen, den Vormarsch mit aller Kraft weiterzuführen und rufen die Arbeiter des Landes zum revolutionären Generalstreik auf. Dem Aufruf wird von ausnahmslos allen Folge geleistet, obgleich die Führung der Arbeiterbewegung in Händen von Söldnern, von gelben Gewerkschaftsführern lag.



Bei dieser Gelegenheit kam es zum totalen Zusammenbruch. In der gleichen Nacht noch zogen wir in Santiago ein. Es war nicht so wie 1898, als die US-amerikanischen Expeditionstruppen, die in jenen Krieg eingegriffen hatten, als Spanien bereits am Boden lag, als nun damals jene Truppen den Mambises den Einzug in die Stadt versagten. Diesmal kam es zum Einzug der Mambises in Santiago, in Havanna, in Guanahacabibes und am San Antonio-Kap, im gesamten Land, wobei alle Waffen in der Hand des Volkes waren (Beifall) und das ganze Volk vereint war; dieses Volk, das heute mehr denn je zusammenhält, bei dem es keine 30% Analphabeten mehr gibt oder 60% funktionelle oder Halbanalphabeten. Es will schon etwas heißen, wenn nur 10% weder komplette noch funktionelle Analphabeten waren, denn nur etwa 400 000 Kubaner besaßen den Abschluß der sechsten Klasse. Heute haben wir das Doppelte dieser genannten Anzahl an Berufskadern mit Hochschulabschluß (Beifall) Gar nicht zu denken an die künftigen Absolventen! Wenn ich euch so ansehe, Studenten, Schüler der integralen Konsolidierungskurse; denn diese – wie ich bereits sagte – werden die Gelegenheiten haben, die sie wollen. (Beifall)



Seht einmal, wieviel Geschichte sich mit diesem Ort, mit diesen Bergen verbindet! Wieviel Geschichte (Beifall)! Mehr als das Verdienst unserer Guerrillarebellen waren es die Verdienste des Volkes, ohne dessen Unterstützung hätte es keine Revolution geben können, die sich nach der Landung mit sieben Waffen wieder aufraffte und wir den Sieg in weniger als 24 Monaten erzielten, denn die Zeit nach dem Überraschungsangriff, den wir aufgrund unserer fehlenden Erfahrung erlitten, muß abgezogen werden. Wir mußten sehr viel lernen, um von vorn zu beginnen; und nach dem Sieg der Revolution mußten wir wieder lernen. Ich sagte es in Santiago am Abend des 1. Januar; und am 8. Januar, nach erfolgten Einzug in der Hauptstadt, sagte ich in dem heutigen Stadtteil Ciudad Libertad, daß das, was nun kommen werde, noch viel schwieriger sein wird. Und was kam? Die Ruhmestat, die Heldentat, die nicht auszulöschende Geschichte, die ihr geschrieben habt; es wäre fast noch besser zu sagen, die eure Eltern 43 Jahre lang geschrieben haben Auge in Auge mit dem mächtigen Imperium, das uns blockierte, das über uns herfiel und das uns durch Hunger und Krankheiten zugrunde richten wollte und will. (Beifall) Sie haben es nicht erreicht.



Die Hartnäckigkeit des Imperiums hat fast zu einem nuklearen Weltkrieg geführt, eine Hartnäckigkeit, die sie noch nicht aufgegeben haben. Sie können einfach nicht begreifen, daß ein Bezwingen dieser vom Volk verteidigten Revolution unmöglich ist (Beifall), und das nicht nur aufgrund der körperlichen Stärke unserer Kampfgenossen, sondern aufgrund ihrer moralischen Stärke, ihres Willens zu siegen oder zu sterben, des Willens, einen historischen und revolutionären Prozeß zu verteidigen, der uns all das gegeben hat, was wir heute haben; und das ist noch gar nichts; es ist nichts, denn die Fähigkeiten, die im Bereich des Wissens, im Bereich der moralischen Werte, im Bereich des Bewußtseins, im Bereich der Organisation und Administration gewonnen werden, lassen die Programme zu, von denen ich sprach, auch wenn der Zuckerpreis zwischen fünf und sechs Centavos liegt, was einem halben Centavo während der Zeit Machados gleichkommt, während der so viel Hunger in unserem Land herrschte.



Natürlich besaß das Land damals gar nichts. Alles war Eigentum der ausländischen Unternehmen oder der reichen Minderheit dieses Landes. Ein Mädchen sagte es hier. Als sie von der Notwendigkeit sprach, all das zu verteidigen, was heute unserem Volk gehört, dachte ich an die ermordeten Bauern, an die uns bekannten Hunderte von Bauern, die in Angst und Panik lebten, nicht vor dem Krieg, sondern sie hatten an erster Stelle panische Angst vor der Vertreibung von ihrem Grund und Boden; vor den Soldaten, die ihre Häuser anzündeten, mitunter mit den Bewohnern in ihnen und vor der Tötung so vieler Menschen.



Mir kamen jene armen Bauern ins Gedächtnis, Analphabeten, für deren Kinder kein Arzt da war. Wir konnten es sehen, wenn sie in unser Camp kamen; denn sie wußten, dort gab es einen Arzt. Da waren Che Guevara und andere zu uns gestoßene Ärzte. In all diesen Bergen gab es nicht einen Arzt. Wieviel es jetzt sind, weiß ich nicht; vielleicht ein paar Dutzend. Und von hier nach Santiago de Cuba werden es Hunderte sein, denn das Land verfügt über 30 000 Familienärzte, nicht 3, nicht 30, nicht 300, nicht 3000. Es sind 30 000! (Beifall) - das muß laut gesagt werden – und 250 000 Lehrer und Dozenten, dazu die neuen Lehrkräfte, die nach und nach ihr Studium beenden, um Computertechnik zu unterrichten und um die Schülerzahl auf nicht mehr als 20 pro Klassenzimmer zu reduzieren – noch eine der großen Bestrebungen, die Schülerzahl pro Klassenzimmer. Im Rahmen der Programme der beschleunigten Intensivausbildung von Grundschullehrern steigt ihre Anzahl auf das Vielfache. Auch werden wir Zehntausende von Sozialarbeitern haben. Wir werden all das haben, wie es unser Volk verdient; oder um mit Guillén zu sprechen: was und zusteht! (Beifall)



Wir werden jetzt noch mehr haben, denn man arbeitet an Ideen und Möglichkeiten, von denen wir damals, als wir den revolutionären Kampf begannen, nicht einmal träumten.



Ich sah mich genötigt, meine Rede etwas zu verlängern, denn an einem Tag wie dem heutigen möchte man wer weiß wie lange über Ideen reden, Geheimnisse preisgeben, die Geschichte in Erinnerung bringen (Beifall und „Viva Fidel“ – Ausrufe); und nun habe ich die Zeit um einige Minuten überschritten.



Ich weiß, daß ihr noch anderes erfahren wolltet, daß ich euch über Monterrey und vieles andere berichten sollte. Dazu kann ich nur sagen: Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. (Beifall und Ausrufe). Ich weiß, ihr wolltet eine ganze Menge erfahren. Man kann über die Probleme der Welt sprechen, doch dieser ist nicht der geeignete Zeitpunkt. Laßt uns über unsere Probleme, unsere Arbeit, unsere Erfolge, über unsere glänzende Zukunft reden. Blicken wir auf die Zukunft, die unser Volk erobert hat mit seinen Kämpfen; auf die gewonnene Anerkennung, Bewunderung und Unterstützung durch die ärmsten Menschen der Erde, die am meisten gelitten haben in jenen Ländern, wohin unsere Ärzte in den Dschungel und in die Berge gehen, an die unwirtlichsten Orte, wo auch unsere Lehrer hingegangen sind. Wenn jene Völker auf Kuba blicken, dann begreifen sie, daß ein Volk – so klein es auch sein mag – dem Imperium die Stirn bieten kann, so wie es Kuba 40 Jahre lang getan hat und jetzt verstärkt tun muß, da es das hegemonistische Imperium, die einzige Supermacht gibt, die der Herr der Welt ist, ausgenommen diese Insel, deren revolutionäre Errungenschaften sie zu Asche zerstäuben möchten, um eine Mafia von Banditen, Dieben, Kriminellen, Plünderern und Terroristen ins Land zu holen.



Ich frage euch, Jugendliche und Senioren, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene: Wer von euch wird eine derartige Tragödie hinnehmen?



Jene Zeit wird niemals wiederkehren, denn es gäbe keinen einzigen Menschen, der Zeuge von so viel Schmach sein möchte.



Euer Beispiel ist eine Ermutigung für die Welt. Ein Beweis dafür war die Unterstützung, die Solidarität, die Sympathie, wie wir sie in Genf sehen konnten, wo die Worte unseres Außenministers so viel Unterstützung fanden. Er ist hier anwesend (Beifall) neben anderen Ministern, einer Gruppe von Familien, den Müttern und Ehefrauen dieser fünf Helden, die uns in dieser Schlacht begleitet haben und deren Anwesenheit uns mit Stolz und außerordentlichem Enthusiasmus erfüllt. Hier bei uns sind wertvolle Kampfgefährten. Ich sehe Jaime; ich sehe den Chef unseres starken Ejército Oriental, General Espinosa, den ich aus den schwersten Tagen in Angola kenne, als er in Cabinda – die dortigen Energieressourcen waren das Leben jenes Landes, das den Invasionen durch Südafrika und dem Krieg ausgesetzt war – den Angriff schwerer im Dienste des Imperialismus stehender Panzerverbände abwehrte, die aus einem der größten und damals reichsten Länder Afrikas, der Republik Kongo kamen, wo ein Plünderer regierte, den ich gar nicht nennen will; denn es ist nicht der Mühe wert an einem Tag wie heute.



Danke, ihr Landsleute, Bürger von Buey Arriba. Als ich in jenem Novembermonat hierher kam, nannte sich der Ort Minas de Bueycitos. Ich freue mich, ihn so blühend, so schön, so frisch gestrichen anzutreffen, voller Schulen und sozialen Einrichtungen, die es damals nicht gab und die es heute gibt. Doch ich sage noch einmal: Wir sind erst am Anfang! Das ist der Grund, weshalb ich meine – mit mehr Eifer und tieferem revolutionären und patriotischen Gefühl denn je und auf der Grundlage der Jahre, die wir gemeinsam kämpften, der erzielten Siege, des heroischen Durchhaltens nicht nur gegenüber dem Imperium, sondern auch angesichts des Zusammenbruchs des sozialistischen Lagers, jenen, die mit ihren Fehlern und Schwächen uns allein ließen gegen die andere Supermacht -, daß die ruhmreichste Seite nicht nur jene der ersten Jahre war, in denen wir in Girón den Invasor zurückschlugen und ohne zu zögern die Herausforderung und die Risiken der Oktoberkrise eingingen; Stunden von sehr sehr viel Ruhm bedeutete das Durchhalten jener schrecklichen zehn oder elf Jahre der Spezialperiode.



Wieviel Erdulden! Welche Genugtuung trotz all jener von mir erwähnten Aspekte: die Wirtschaftskrise, die miserablen Zuckerpreise, die ebenfalls knapp die Produktionskosten deckenden Nickelpreise und der Rückschlag, den der Tourismus durch den in New York gegen das US-amerikanische Volk verübten Terroristenakt erlitt; dazu die politischen Folgen, die all das mit sich brachte und die die Welt in einen Zustand großer Spannungen und großer Probleme brachten, an die ihr und wir seit langem gewöhnt sind.



Deshalb sage ich mit mehr Hingabe und Leidenschaft denn je: Es lebe die sozialistische Revolution Kubas! („Viva“ – Ausrufe); denn ohne sie wären wir heute nicht das, was wir sind und besetzten nicht, so wie wir sie heute innehaben, die ersten Plätze in bezug auf Freiheit, Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit, Wissen und Kultur.



Vaterland oder Tod!



Wir werden siegen!



(stürmischer Beifall)