Freitag, 1. Januar 1999

Rede anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Sieges der Revolution im Céspedes-Park von Santiago de Cuba

Rede des Comandante en jefe Fidel Castro Ruz anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Sieges der Revolution im Céspedes-Park von Santiago de Cuba, am 1. Januar 1999

Santiagueros,
Landsleute aus ganz Kuba!

Ich versuche mich an jenen Abend des ersten Januars 1959 zu erinnern -ich spüre und erlebe dabei noch einmal die Eindrücke und Geschehnisse als ob sie gerade jetzt passieren würden. Es scheint unwirklich zu sein, dass uns das Schicksal das seltene Privileg hat zukommen lassen, vierzig Jahre später erneut zur Bevölkerung von Santiago de Cuba vom selben Ort aus zu sprechen.

Vor dem Morgengrauen jenes Tages spürte ich für einen Moment lang eine seltsame Leere, als die Nachricht kam von der Flucht des Tyrannen und der wichtigsten Funktionäre seines erdrückenden Regimes vor dem unaufhaltsamen Vormarsch unserer Truppen. Wie ist dieser unglaubliche Sieg in etwas mehr als 24 Monaten nur möglich gewesen - von dem Augenblick an, dem 18. Dezember 1956 -, als wir nach einem harten Rückschlag, der unser Kommando quasi ausgelöscht hatte, wieder sieben Gewehre beisammen hatten, um erneut den Kampf aufzunehmen gegen eine militärische Streitmacht von 80.000 Soldaten mitsamt ihren Waffen, Tausenden von Führungskadern aus Militärakademien, ihrer starken Moral, attraktiven Privilegien, dem nie in Frage gestellten Mythos der Unbesiegbarkeit und einer verlässlichen militärischen Beratung sowie gesicherten Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten? Gerechte Ideale, die sich das Volk zu eigen gemacht hatte, vollbrachten das militärische und politische Wunder. Spätere- vergebliche und lächerliche- Versuche, das zu retten, was übrig war von diesem ausbeuterischen und repressiven System, wurden von der Rebellenarmee, den Arbeitern und dem Volk generell innerhalb von 24 Stunden zerschlagen.

Der Anflug von Traurigkeit, der uns nach dem Sieg erfasste, war Folge der noch frischen Erinnerungen an die im Laufe des Kampfes gefallenen Kameraden - im vollen Bewusstsein, dass jene so ausserordentlich schwierige und widrigen Jahre uns zwangen, besser zu sein als wir es waren und unser schöpferisches Potential auszunutzen. Wir mussten unsere Berge, unsere Felder verlassen und unser Leben in absoluter und unumgänglicher Enthaltsamkeit aufgeben - ein Leben, stets auf der Hut vor dem Feind, der jederzeit in den 761 Tagen, die der Krieg dauerte, zu Land oder aus der Luft angreifen konnte. Ein gesundes, hartes, reines Leben voller gemeinsam erlebter Entbehrungen und Gefahren, das die Menschen zusammenschweisst und in ihnen nobelste Tugenden entwickelt: eine grenzenlose Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit, die in jedem Menschen stecken können.

Die enorme Überlegenheit des Feindes an Waffen und Soldaten zwang uns, Unmögliches zu vollbringen. Man muss sich nur einmal vor Augen halten, dass wir den Krieg mit Gewehren und Panzerminen gewonnen haben. Wir hatten dabei in jeder bedeutenden Schlacht stets gegen Artillerie, Panzer und vor allem gegen die feindliche Luftwaffe zu kämpfen, die bei jeder Kriegshandlung sofort zur Stelle war.

Die Gewehre und andere halbautomatische und automatische leichte Geschütze, die wir besassen, hatten wir dem Feind zuvor im Kampf abgenommen. Der Sprengstoff, aus dem wir in einfachen Werkstätten Panzer- und Antipersonenminen herstellten, entnahmen wir stets einigen Blindgängern nach Bombenangriffen, die sie gegen uns führten. Unsere verlässliche Taktik, den Feind stets bei Truppenbewegungen anzugreifen, spielte dabei eine Schlüsselrolle. Die Kunst, ihn zu provozieren, um ihn aus seinen gut befestigten und in der Regel uneinnehmbaren Stellungen zu locken, wurde so zu einer der wichtigsten Fähigkeiten unserer Führung.

Die feindlichen Kampfeinheiten oder Garnisonstruppen wurden von uns belagert und ihre Verstärkungstruppen zerstört. Sie sahen sich aus Hunger und Durst gezwungen, sich zu ergeben - und das unter ständiger Befeuerung durch unsere Schützen, die den Belagerungsring jeden Tag enger schnürten, dabei aber auf Frontalangriffe verzichteten, die nur unnötig viele Kameraden das Leben gekostet hätte, da wir dazu nicht über genügend Mann und Waffen verfügten. Was wir in den Bergen und dichten Wäldern gelernt hatten, wendeten wir anschliessend auch im Flachland an - neben asphaltierten Überlandstrassen, im Schatten von Zitronen- und Orangenpflanzungen, Obstbäumen und sogar in Zuckerrohrfeldern, die als Tarnung dienten für unsere - in der Regel unerfahrenen - Truppen, was auf das rasche Anwachsen unserer Armee zurückzuführen war, in dem Masse wie neue Waffen erbeutet werden konnten. Die Führung bei Überraschungsangriffen auf die Verstärkungstruppen wurden jedoch immer von erfahrenen Kämpfern übernommen. Die gleiche Methode wurde dann auch in den Städten praktiziert, wozu die einzelnen Truppenstandorte isoliert wurden.

So konnte in nur drei Tagen die Stadt Palma Soriano eingenommen werden, und so wurde auch der Angriffsplan für die 5000 Mann starke Garnison von Santiago de Cuba entworfen, die durch 1200 Rebellenkämpfer zur Aufgabe gezwungen wurde. Über die Bucht von Santiago de Cuba konnten dazu zuvor hundert Waffen eingeschmuggelt werden, die dort erbeutet worden waren, um den Aufstand am fünften Tag nach dem Beginn der Operationen auszulösen, die nacheinander die vier Bataillone belagerten, die den Stadtrand von Santiago verteidigten. Ich lasse hierbei die Details des Angriffsplans aus und möchte nur darauf hinweisen, dass auf einen Rebellen vier feindliche Soldaten kamen. Nie zuvor hatten wir ein günstigeres Kräfteverhältnis gehabt.

Wenige Kilometer von Bayamo entfernt wurde der Kampf in Guisa mit 180 Kämpfern aufgenommen, die gegen die Verstärkung zu kämpfen hatten, die auf einer asphaltierten Landstrasse und auf anderen Wegen aus jener Stadt vorrückten, in der sich die Kommandantur der feindlichen Armee befand und Tausende ihrer besten Soldaten stationiert waren, die über schwere Kriegspanzer verfügten. Nach intensiven Gefechten, die sich über elf Tage erstreckten, in denen unsere Armee dank der Waffen anwuchs, die beschlagnahmt werden konnten und dank einiger kleiner Verstärkungstruppen, fiel Guisa am 30. November 1958 in unsere Hände.

Dieser Kampf war einmal mehr Beweis der ausserordentlichen Schlagkraft, die unsere Soldaten erworben hatten, sowie der Schnelligkeit, mit der sie vorgingen. Fünf Monate zuvor, im Juni jenes Jahres, startete der Feind seine letzte und augenscheinlich unaufhaltsame Offensive gegen die Generalkommandantur in La Plata in der Sierra Maestra. Allerdings waren wir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr die unerfahrenen Kämpfer, die am 2. Dezember 1956 in Kuba an Land gegangen waren. Auf der anderen Seite waren wir jedoch zahlenmässig nicht besonders stark. Die Verteidigung begannen wir mit ungefähr 170 Kämpfern. Die immer noch sehr dezimierten Truppen von Che, Camilo, Ramiro und Almeida wurden zusammengeschlossen. Sie hatten zuvor die Anweisung erhalten, sich zu den Stellungen der 1. Kolonne zu begeben, die das strategische Ziel der Feindesoffensive darstellte. Das heisst also, bis auf die 2. Ostfront unter dem Befehl von Raúl, die in den Bergen des Nordostens zu weit entfernt war, um unsere Front zu unterstützen, zählten vier Wochen später alle unsere Kolonnen zusammengenommen aus etwa 300 Kämpfer. Hunderte von freiwilligen Jugendlichen ohne Waffen wurden in der Rekrutenschule von Minas del Frío ausgebildet.

Nach 74 Tagen intensiver Gefechte hatten die feindlichen Bataillone durch Gefallene, Verletzte und Gefangene ungefähr 1000 Verluste zu verzeichnen. Mehr als 440 Kriegsgefangene verblieben in unserer Hand und wurden einige Tage später über das Internationale Rote Kreuz ausgeliefert. Ich schreibe das, woran ich mich erinnere. Die Historiker können diese Daten anhand von unseren Unterlagen, die erhalten geblieben sind und später in den Archiven des Feindes gefunden wurden, vielleicht noch genauer angeben. Ich kann aber mit Sicherheit behaupten, dass mehr als 500 Waffen erbeutet wurden, mit denen die Rekruten ausgerüstet wurden, in dem Masse wie wir sie dem Feind abnahmen. Am Ende der Kämpfe betrieben waren wir nur 900 Mann unter Waffen, die wir uns unverzüglich in verschiedene Richtungen begaben. Die Rebellenkolonnen drangen in dem vom Feind kontrollierten Gebiet bis zur Landesmitte vor - mit Ausnahme des grossen östlichen Gebietes, das bereits unter fester Kontrolle von der 2. Ostfront Frank País stand, und schufen neue Kriegsfronten, die schnell grösser wurden. Ich blieb mit einigen wenigen Kameraden im Befehlsstand. Als gerade diese Operationen durchgeführt wurden, als Che und Camilo mit ungefähr 140 Mann ersterer - nach meiner Erinnerung, ohne dass ich ein entsprechendes Dokument nachgeschlagen habe - und etwa 100 Mann der zweite, eine der grössten Heldentaten vollbrachten unter all den vielen, von denen ich in den Geschichtsbüchern gelesen habe, nämlich von der Sierra Maestra nach einem Hurrikan 400 Kilometer bis zum Escambray-Gebirge, wobei sie Flachland und Sumpfgebiete zu durchqueren hatten, die von Moskitos und feindlichen Soldaten nur so wimmelten. Sie wurden ständig von der Luft aus überwacht, hatten keine Führer, keine Nahrungsmittel und konnten auch nicht auf die logistische Unterstützung unserer Untergrundbewegung zurückgreifen. Sie waren auf ihrem langen Marsch durch dieses Gebiet nur schwach organisiert. Mit List und Geschick entgingen sie Belagerungen, Hinterhalten, aufeinanderfolgenden Absperrungslinien und Bombardierungen und erreichten ihr Ziel. Durch unser grosses Vertrauen in die Kämpfer schlugen sie die Feindesoffensive nieder. Das wichtigste dabei war, dass sie ein grenzenloses Vertrauen in sich selbst und ihre legendären Befehlshaber hatten. Es waren Männer aus Stahl. Den Jugendlichen empfehle ich, die wundervollen Erzählungen aus dem Buch Pasajes de la guerra revolucionaria (Vom Revolutionskrieg), das Che geschrieben hat, zu lesen oder wiederzulesen.

Wo ich mich beinahe unfreiwillig in diese Gedanken über unsere Gefechte in den Bergen vertieft habe, will ich euch, um die Geschichte der Ereignisse zu beenden, die mich erneut in diese geliebte Stadt an jenem ersten Januar geführt haben, dessen 40. Jahrestag wir heute feiern, erzählen wie ich am 11. November aus La Plata mit 30 bewaffneten Männern und 1000 Rekruten ohne Waffen aufbrach.

Jene mutigen und selbstlosen jungen Männer waren besser geschult im Ertragen von Hunger, Bombardierungen und Mangel als im Umgang mit Waffen, da für Übungsschiessen niemals eine echte Patrone vorhanden war. Aus allen Teilen des Landes kamen sie massenweise voller Begeisterung in die Guerillaschulen. Damals konnte aber nur jeder zehnte diese Bedingungen ertragen. Sie füllten unsere Reihen auf, sie waren furchtsamer als unseren alten Kämpfer. Ermuntert von den Traditionen und Geschichten, die sie hörten, wollten sie an einem Tag vollbringen, wozu andere Jahre benötigt hatten.

Unsere grosse Kolonne nahm kleine Rebelleneinheiten entlang des Vormarschs auf und erbeutete Waffen zweier feindlicher Trupps, die in unsere Reihen überliefen, wozu sie von dem damaligen Kommandanten Quevedo überzeugt wurden, der uns ein würdiger und mutiger Gegner in der Schlacht von Jigüe gewesen war. Es war vereinbart worden, dass sie nicht gegen ihre ehemaligen Waffengefährten kämpfen mussten. So erhielt unsere grosse Kolonne eine Vorhut 180 mit Kriegswaffen ausgerüsteten Mann. In Guisa, Baire, Jiguaní, Maffo und Palma Soriano - allesamt Schauplätze zahlreicher Gefechte - erfüllte sich mit der Unterstützung anderer Einheiten, die im Laufe des Vormarsches zu uns stiessen, der Traum der Rekruten auf einen Kampfeseinsatz. Nachdem Palma eingenommen worden war, besassen nun alle Rekruten, die mit mir zusammen sechs Wochen zuvor aus La Plata aufgebrochen waren, eigene Waffen und bildeten eine hervorragende Truppe. Sie waren teilweise nachgerückt für gefallene, verletzte oder kranke Kameraden, die bereits eine Ausrüstung gehabt hatten und erhielten die erbeuteten neuen Waffen, deren Zahl sich etwa auf 700 belief. Allein in Palma wurden 350 Waffen erbeutet.

Ich muss betonen, dass nicht alle Waffen, die dazu beitrugen, die jungen Männer aus der Guerillaschule Minas del Frío zu Soldaten an forderster Front zu machen, ausschliesslich bei unseren Siegen erbeutet wurden. Mitte Dezember erhielten wir nämlich die meiner Meinung nach wichtigste Waffenunterstützung aus dem Ausland: 150 halbautomatische Gewehre und ein FAL-Automatikgewehr für mich, die im Namen des venezolanischen Volkes von Konteradmiral Larrazábel und der Revolutionsjunta geschickt wurden, die einige Monate vor dem kubanischen Sieg die Macht in Venezuela übernommen hatte. Wie man sich denken kann, sind die Waffen schnell zum Einsatz gekommen und fanden Verwendung in den Gefechten von Jigauní, Maffo und Palma Soriano.

Daher waren nach der Einnahme von Palma und Maffo unsere Waffen nicht nur ausreichend, sondern konnten auch an die bis dahin nicht bewaffneten Kämpfer verteilt werden. So konnten wir für den Aufstand in Santiago zusätzlich 100 Waffen entsenden sowie eine beträchtliche Anzahl nach Belarmino Castillo, wo dem Bataillon, das sich in Mayarí befand, der Rückweg abgeschnitten werden sollte.

Ich habe also die Unterstützung aus Venezuela erwähnt habe, muss aber hinzufügen, dass wir während unseres revolutionären Kampfes nur in einigen wenigen Fällen durch Waffen und Munition aus dem Ausland unterstützt wurden, von denen die Lieferung aus Venezuela die weitaus die grösste war. Ich erinnere mich oder habe doch gehört, dass sie fast genauso umfangreich war, wie alle anderen zusammengenommen. Mehr als 90 Prozent der Waffen und Munition, mit der wir den Krieg geführt und gewonnen haben, hatten wir dem Feind im Kampf entrissen. Es waren nur wenige Tausend, doch einem obersten Prinzip folgend wurden ausnahmslos alle an vorderster Front eingesetzt.

Im Verlauf des gerade zu Ende gegangenen Jahres hat man der Geschehnisse gedacht, von denen ich hier nur sehr wenige in Erinnerung gerufen habe.

Ehre und ewiger Ruhm, unendlicher Respekt und Liebe jenen, die damals gefallen sind für die endgültige Unabhängigkeit des Vaterlandes zu; allen, die jenes Heldenepos in den Bergen, den Ebenen und den Städten geschrieben haben - Guerilleros und Untergrundkämpfer; jenen, die nach dem Sieg bei anderen ruhmreichen Missionen ihr Leben gelassen oder in Treue ihre Jugend und ihre Energie in den Dienst der Gerechtigkeit, der Souveränität und der Erlösung ihres Volkes gestellt haben; jenen, die bereits verstorben sind und jenen, die noch leben. Wenn man nämlich an jenem 1.Januar von dem Sieg reden konnte, der fünf Jahre, fünf Monate und fünf Tage nach dem 26. Juli 1953 errungen wurde, so muss man am heutigen Jahrestag, nimmt man das gleiche Datum als Ausgangspunkt, von einem heldenhaften und bewundernswerten Kampf sprechen, der seit 45 Jahren, fünf Monaten und fünf Tagen andauert. (Beifall)

Für die jüngsten Generationen beginnt die Revolution heute gerade erst. Ein Tag wie der heutige hätte keinen Sinn, wenn man sich nicht an sie richtet.

Wer ist heute hierhergekommen? Es sind überwiegend nicht die gleichen Männer, Frauen und Jugendlichen jenes 1. Januars. Das Volk, zu dem ich spreche, ist nicht das Volk jenes 1. Januars. Es sind nicht die gleichen Männer und Frauen. Es ist ein anderes Volk, aber gleichzeitig doch das gleiche ewige Volk. (Beifall)

Derjenige, der hier von dieser Tribüne aus spricht, ist auch nicht genau derselbe wie damals. Es ist nur jemand, der wesentlich weniger jung ist, den gleichen Namen trägt, die gleiche Uniform anhat, gleich denkt und die gleichen Träume hat. (Beifall)

Von den 11 142 700 Einwohnern, die die heutige Bevölkerung des Landes ausmachen, waren 7 190 400 an jenem Tag noch nicht geboren und 1 359 698 waren noch keine 10 Jahre alt. Die grosse Mehrheit derjenigen, die damals 50 Jahre alt waren und jetzt mindestens 90 Jahre alt wären - wenn auch immer mehr dieses Alter erreichen - ist bereits verstorben.

30 % jener Landsleute konnten weder lesen noch schreiben. Ich denke, dass vielleicht weitere 60 Prozent keinen Volksschulabschluss hatten. Es gab nur einige Dutzend technische Fachschulen, Gymnasien - die nicht alle dem Volk zugängig waren -, Lehrerbildungsinstitute, drei staatliche und eine private Universität. Insgesamt gab es 22.000 Dozenten und Lehrer. Knapp 5 % aller Erwachsenen, d.h. ungefähr 250 000 Menschen besassen eine Bildung, die über den Volksschulabschluss hinausreichte.

Ich habe einige Zahlen im Gedächtnis. Heute gibt es 250 000 erwerbstätige Lehrer und Dozenten mit viel höherem Ausbildungsniveau. Es gibt 64 000 Ärzte, 600 000 Hochschulabsolventen.

Es gibt keinen Analphabeten, kaum jemand, der nicht mindestens die 6. Klasse abgeschlossen hat. Schulpflicht besteht bis zum 9. Schuljahr. Alle, die den Abschluss schaffen, ausnahmslos alle, können kostenlos die Sekundarstufe II absolvieren. Es ist nicht der Mühe wert, auf absolut präzise und exakte Daten zurückzugreifen. Es gibt Tatsachen, die sich niemand wagt, in Zweifel zu ziehen. Wir sind heute mit Stolz das Land in der Welt mit den meisten Dozenten, Ärzten und Sportlehrern pro Kopf sowie das Dritte-Welt-Land mit der niedrigsten Kinder- und Müttersterblichkeitsrate.

Jedoch will ich hier nicht von diesen oder von vielen anderen sozialen Fortschritten sprechen. Es gibt viel wichtigere Dinge.

Unzweifelhafte Realität ist, dass es unmöglich ist, das Volk von damals mit dem von heute zu vergleichen.

Das Volk von gestern, in dem es Analphabeten und Halbanalphabeten gab, in dem es kaum eine echte politische Kultur gab, war in der Lage, die Revolution zu vollbringen, das Vaterland zu verteidigen, im Anschluss ein aussergewöhnliches politisches Bewusstsein zu erlangen und einen revolutionären Prozess einzuleiten, zu dem es weder auf dieser Erdhälfte noch sonstwo auf der Welt Parallelen gibt. Das sage ich nicht etwa aus einem lächerlichen Chauvinismus oder dem absurden Vorhaben heraus, uns glauben zu machen, besser als andere zu sein. Ich sage es, weil der Zufall oder das Schicksal es so wollte, dass dieser Revolution, die an jenem ersten Januar geboren wurde, die härtesten Proben auferlegt wurden, die jemals auf der Welt ein revolutionärer Prozess zu bestehen hatte.

Unser heldenhaftes Volk von gestern und von heute, unser ewiges Volk, hat unter der Beteiligung von mittlerweile bereits drei Generationen 40 Jahre lang Aggressionen, einer Blockade sowie einem wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Krieg der mächtigsten und reichsten imperialistischen Macht widerstanden, die je in der Geschichte der Menschheit existiert hat. Die aussergewöhnlichste Seite voller Ruhm und patriotischer und revolutionärer Standhaftigkeit ist in diesen Jahren der Spezialperiode geschrieben worden, seitdem wir völlig allein unter den westlichen Ländern dastehen - 90 Meilen entfernt von den Vereinigten Staaten - und trotzdem entschieden haben, weiterzumachen.

Unser Volk ist nicht besser als andere Völker. Seine immense historische Grösse rührt von dem einmaligen Umstand, sich dieser Probe unterzogen und standgehalten zu haben. Es handelt sich nicht von vornherein um ein grosses sondern um ein Volk, das durch sich selbst gewachsen ist. Aus dieser Fähigkeit entspringt die Grösse der Ideale und der gerechte Charakter der Sache, die es verteidigt. Es gibt keine andere Sache wie diese, es hat sie nie gegeben. Es geht heute nicht darum, aus purem Egoismus eine nationale Sache zu verteidigen. In der Welt von heute kann eine ausschliesslich nationale Sache für sich allein keine grosse Sache sein. Unsere Welt wird aufgrund ihrer eigenen Entwicklung und historischen Evolution auf schnelle, unaufhaltsame und unumkehrbare Art und Weise globalisiert. Ohne nationale und kulturelle Identitäten oder etwa die legitimen Interessen der Völker eines jeden Landes zu vernachlässigen, gibt es keine wichtigere als die globale Sache, d.h. die Sache der Menschheit selbst.

Auch ist es weder unsere Schuld noch unser Verdienst, dass für das Volk von heute und von morgen der am 1. Januar begonnene Kampf unweigerlich zu einem Kampf für die Interessen der gesamten Menschheit werden muss, der gemeinsam mit anderen Völkern zu führen ist. Kein Volk, so gross und reich es auch sein mag -und weniger noch ein mittleres oder kleines Land-kann von sich aus und für sich allein seine Probleme meistern. Das Verleugnen dieser Realität zeugt von einer begrenzten Vision, politischer Kurzsichtigkeit oder Blindheit oder dem völligen Fehlen von Besorgnis oder Mitgefühl für das Schicksal der Menschen.

Doch die Lösungen für die Menschheit sind nicht dem guten Willen derer zu verdanken, die sich heute der Welt bemächtigen und sie ausbeuten, wenngleich sie auch nichts anderes erträumen oder begreifen können als die Fortdauer dessen, was für sie den Himmel bedeutet und für die übrige Menschheit die Hölle, ein reales Inferno ohne möglichen Ausweg.

Die heute auf unserem Planeten vorherrschende Wirtschaftsordnung wird unweigerlich zusammenbrechen. Das kann sogar von einem Schüler begriffen werden, der gut genug addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren kann, um im Fach Rechnen ein einfaches Bestanden zu erhalten.

Viele sind derartig infantil, dass sie jene als Skeptiker bezeichnen, die diese Themen ansprechen. Andere träumen sogar von der Errichtung von Kolonien auf dem Mond oder dem Mars. Ich kritisiere nicht die Tatsache, dass sie träumen. Sollten sie es erreichen, so wäre es vielleicht der Ort, an den sich so mancher flüchten könnte, wenn die brutale und immer stärker werdende Aggression auf unseren Planeten nicht gestoppt werden kann.

Das gegenwärtige System ist unhaltbar, denn es fusst auf blinden, chaotischen, verderblichen und destruktiven Gesetzen der Gesellschaft und der Natur.

Selbst die Theoretiker der neoliberalen Globalisierung, ihre besten Leute, Verkünder und Verfechter des Systems, zeigen sich unsicher, schwankend, widerspruchsvoll. Es gibt tausend Fragen, auf die man keine Antwort hat. Es ist heuchlerisch, wenn gesagt wird, dass die Freiheit des Menschen und die absolute Freiheit des Marktes untrennbare Begriffe sind, als ob die Gesetze des letzteren, die die egoistischsten, ungleichsten und erbarmungslosesten Sozialordnungen hervorgebracht haben, mit der Freiheit des Menschen vergleichbar wären, der vom System zu einer blossen Ware herabgestempelt wird.

Viel richtiger wäre es zu sagen, dass es ohne Gleichheit und Brüderlichkeit, unantastbare Parolen der bürgerlichen Revolution, nie Freiheit geben kann und dass Gleichheit und Brüderlichkeit mit den Gesetzen des Marktes absolut unvereinbar sind.

Die Millionen Kinder auf der Welt, die gezwungen sind, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten, sich zu prostituieren, Organe zu spenden und Drogen zu verkaufen; die Abermillionen Beschäftigungslosen, die kritische Armut, der Handel mit Drogen, Immigranten und menschlichen Organen sind, wie der Kolonialismus von gestern und seine dramatische Folgeerscheinung der heutigen Unterentwicklung und was es sonst noch in der Welt von heute an sozialem Übel gibt, das Produkt von Systemen, deren Fundament diese Gesetze waren. Es ist unmöglich zu vergessen, dass der Kampf um die Märkte die Ursache für das schreckliche Massenmorden beider Weltkriege dieses Jahrhunderts war.

Auch ist nicht zu verkennen, dass die Marktprinzipien Bestandteil der historischen Entwicklung der Menschheit bilden, doch ist es das gute Recht eines jeden vernünftigen Menschen, den angestrebten Fortbestand solcher Prinzipien gesellschaftlichen Charakters als Grundlage der Weiterentwicklung des Menschen abzulehnen.

Die fanatischsten Verfechter und Anhänger des Marktes haben diesen zu einer neuen Religion werden lassen. So kommt es zur neuen Glaubenslehre des Marktes. Ihre Wortführer sind mehr Theologen als Wissenschaftler. Für sie ist es eine Glaubensfrage. Aus Achtung vor den eigentlichen Religionen, die weltweit von Milliarden Menschen achtbar ausgeübt werden, und vor den echten Theologen müssen wir noch hinzufügen, dass die Theologie des Marktes sektiererisch, fundamentalistisch und antiökumenisch ist.

Die heutige Weltordnung ist aus noch vielen anderen Gründen unhaltbar. Ein Biotechnologe würde sagen, dass ihre Erbanlagen zahlreiche Gene enthalten, die sie zu ihrer eigenen Zerstörung führen.

Neue und unerwartete Phänomene treten auf, die sich jeglicher Kontrolle seitens der Regierungen und internationalen Finanzorgane entziehen. Es geht bereits nicht mehr nur um die künstliche Schaffung unermesslichen Reichtums ohne jegliches Verhältnis zur realen Wirtschaft. Das trifft auf die Hunderte neuer Multimillionäre zu, die im Zuge der in den letzten Jahren erfolgten Verdoppelungen der Aktienpreise an den New Yorker Wertpapierbörsen wie ein Riesenballon entstanden, der bis ins Absurde aufgeblasen wird und das grosse Risiko in sich birgt, früher oder später zu platzen. So war es schon einmal 1929 und bewirkte eine tiefe, ein ganzes Jahrzehnt andauerne Depression.

Allein die Finanzkrise Russlands, auf das nur 2 % des Bruttoinlandsproduktes aller Länder der Welt fallen, bewirkte ein Sinken des Dow-Jones-Index an der New Yorker Wertpapierbörse um 512 Punkte an nur einem Tag. Panik brach aus, es drohte ein Südostasien in Lateinamerika und damit ein grosses Risiko für die nordamerikanische Wirtschaft. Mit Mühe und Not konnte bislang die Katastrophe abgewendet werden. In diesen an den Börsen notierten Aktien sind die Ersparnisse und Pensionsfonds von 50 % der Nordamerikaner angelegt. Während der Krise von 1929 waren es nur 5 %, wobei es damals schon zu zahlreichen Suiziden kam.

In einer globalisierten Welt hat jedes Ereignis, ganz gleich wo es eintritt, sofortige Auswirkungen auf den restlichen Teil des Planeten. Der kürzlich erlebte Schrecken war stark. Die von den Vereinigten Staaten einberufenen reichsten Länder der Welt machten Ressourcen flüssig, um den Brand zu löschen oder einzudämmen. Doch man will Russland weiterhin am Rande des Abgrunds halten, und Brasilien werden unnötig harte Bedingungen auferlegt. Der Internationale Währungsfonds weicht nicht einen Millimeter von seinen fundamentalistischen Prinzipien ab. Die Weltbank wird ungehorsam und denunziert.

Alle Welt spricht von einer internationalen Finanzkrise. Die einzigen, die noch nichts darüber erfahren haben, sind die nordamerikanischen Bürger. Sie haben mehr denn je ausgegeben und schreiben bereits rote Zahlen. Doch das macht nichts. Ihre transnationalen Konzerne investieren das Geld der anderen. Auch das bereits 240 Milliarden betragende Handelsbilanzdefizit ist unwichtig. In Krisenzeiten setzt die Massenflucht der Spekulanten in Richtung Schatzanweisungen ein. Da der Binnenmarkt gross ist und hier mehr ausgegeben wird, hält sich die Wirtschaft anscheinend gut, wenngleich die Gewinne der Konzerne gesunken sind. Megafusionen, Euphorie: Die Aktienpreise steigen erneut. Noch einmal wird russisches Roulett gespielt. Die Theoretiker des Systems haben den Stein der Weisen entdeckt. Sämtliche Zugänge werden überwacht, damit keine den Traum störende Gespenster eindringen können. Schon wird das Unmögliche möglich. Nie wird eine Krise eintreten.

Doch ist etwa der grösser werdende Ballon die einzige Bedrohung und das einzige Spekulationsspiel? Ein Phänomen, das täglich riesige und unkontrollierbare Ausmasse annimmt, sind die Spekulationsgeschäfte mit den Währungen. Sie belaufen sich auf mindestens eine Billion Dollar täglich. Einige behaupten, es seien 1,5 Billionen. Vor noch knapp 14 Jahren betrug diese Spekulationssumme noch 150 Milliarden im Jahr. Die Zahlen können möglicherweise zu Verwechslungen führen. Es ist schwer, sie auszudrücken, und noch schwieriger ist es, sie von der englischen in die spanische Sprache zu übersetzen. Was im Spanischen eine Billion, das heisst eine Million Millionen ist, ist im Englischen eine Trillion, und eine Billion bedeutet im Englischen 1000 Millionen. Nun wird die Milliarde erfunden, die sowohl im Spanischen als auch im Englischen 1000 Millionen bedeutet. Diese Sprachprobleme veranschaulichen, wie schwierig es ist, die Riesenbeträge zu verfolgen und zu begreifen, die den Grad der Spekulation in der gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung widerspiegeln. All das bezahlen die immense Mehrheit der Völker der Welt bei dem steten Risiko ihres Zusammenbruchs. Bei der geringsten Unvorsichtigkeit entwertet der Ansturm der Spekulanten die Währung eines jeden ihrer Länder. Sie lösen in nur wenigen Tagen ihre vielleicht jahrzehntelang angesammelten Devisenreserven auf. Die Weltordnung hat dafür die Bedingungen geschaffen. Absolut niemand ist sicher oder kann es sein. Die Wölfe, in Rudeln und auf Computerprogramme gestützt, wissen, wo, wann und warum sie angreifen.

Ein Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften schlug vor vierzehn Jahren vor, als diese Spekulationen ein Zweitausendstel der heutigen betrugen, jedes Spekulationsgeschäft dieser Art mit 1 % zu besteuern. Heute wäre dieses 1 % ausreichend für die Entwicklung sämtlicher Länder der Dritten Welt. Es wäre eine Form der Regulierung und Eindämmung einer derart schädlichen Spekulation. Doch regulieren? Das kollidiert mit der lautersten fundamentalistischen Doktrin. Bestimmte Wörter wie Regulierung, Unternehmen der öffentlichen Hand, wirtschaftliches Entwicklungsprogramm, jegliche Form der Mindestplanung, Beteiligung oder Einflussnahme des Staates im Bereich der Wirtschaft dürfen im Tempel der Fanatiker der bestehenden Weltordnung nicht ausgesprochen werden. All das stört den idyllischen Traum vom Paradies des freien Marktes und des privaten Unternehmertums. All das ist zu deregulieren, sogar der Arbeitskräftemarkt. Die Arbeitslosenunterstützung ist auf das unbedingt Erforderliche und ein Mindestmass zu reduzieren, um nicht für "Bummelanten" und "Faulenzer" zu sorgen. Das Rentensystem ist umzustrukturieren und zu privatisieren. Der Staat hat sich nur mit Polizei und Armee zu befassen, um für Ordnung zu sorgen, Protestaktionen zu unterdrücken und Krieg zu führen. Es ist nicht einmal zulässig, dass er an der Währungspolitik der Zentralbank teilhat. Diese hat absolut unabhängig zu sein. Luis XIV. würde sehr leiden, denn er hatte ja einmal gesagt: "Der Staat bin ich"; und nun müsste er hinzufügen: "Ich bin überhaupt nichts."
Neben der phänomenalen Währungsspekulation ist ein beschleunigtes und unglaubliches Anwachsen der sogenannten Einlösungsfonds und des Marktes der Derivate -ein weiterer ziemlich neuer Begriff- zu beobachten. Ich will nicht versuchen, ihn zu erklären. Es ist kompliziert. Es genügt zu wissen, dass es sich um ein zusätzliches System von Spekulationsspielen handelt, ein weiteres Riesenkasino, in dem mit allem und auf alles gesetzt wird, gestützt auf raffinierte Risikoberechnungen unter Einsatz von Computern, hochkaratigen Programmierern und eminenten Ökonomen. Sie nützen die Unsicherheit aus und benutzen das Geld der Sparer der Banken. Sie unterliegen faktisch keinerlei Restriktionen, erzielen Riesengewinne und können Katastrophen auslösen.

Dass die gegenwärtige Wirtschaftsordnung unhaltbar ist, zeigt die Verletzlichkeit und Schwäche des Systems, das unseren Planeten in ein gigantisches Kasino, Millionen Menschen und gelegentlich sogar ganze Gesellschaften in Glücksspieler verwandelt und die Funktion des Geldes und der Investitionen verfälscht hat, denn ihr Streben ist weder auf die Produktion noch auf das Anwachsen der Güter der Welt gerichtet, sondern darauf, um jeden Preis Geld mit Geld zu gewinnen. Eine derartige Deformation führt die Weltwirtschaft zum unvermeidbaren Desaster.

Ein noch nicht lange zurückliegendes Ereignis in den Vereinigten Staaten war Anlass für einen Skandal und tiefe Besorgnis. Einer der erwähnten Einlösungsfonds, deren Kern ich versucht habe zu erklären, ausgerechnet der berühmteste dieser Fonds der USA, dessen Name, ins Spanische übersetzt, Verwaltung Langfristigen Kapitals lautet und zu dem zwei Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und mehrere der besten Programmierer der Welt gehören und dessen Jahresgewinne 30 % übersteigen, stand kurz vor dem Zusammenbruch, dessen Folgen unberechenbar gewesen wären.

Mit einem Eigenkapital von lediglich 4,5 Milliarden Dollar stützte sich der Einlösungsfonds auf das erlangte Prestige und vertraute blind auf die Unfehlbarkeit seiner berühmten Programmierer und seiner Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und machte Kapital von 75 verschiedenen Banken in Höhe von 120 Milliarden Dollar für seine Spekulationsgeschäfte flüssig, das heisst, er erhielt für jeden Dollar Eigenkapital über 25 Dollar Anleihe. Diese Verfahrensweise durchbrach sämtliche Parameter und vermeintliche Finanzpraktiken. Die Berechnungen und Programme schlugen fehl. Die Verluste waren beträchtlich; der Bankrott, ein dramatisches Wort in diesem Bereich, unvermeidbar. Es war nur noch eine Frage von Tagen. Das Federal Reserve System (System der Staatsrücklagen) der Vereinigten Staaten eilte dem Einlösungsfonds zu Hilfe. Das stand im Widerspruch zu all dem, was die USA predigen, die an der neoliberalen Philosophie festhalten, wonach dies als ein unverantwortliches Verhalten einer Institution dieser Art gilt. Den etablierten Prinzipien gemäss hätte der berühmte Reservefonds in Konkurs gehen müssen, das Gesetz des Marktes hätte ihm mit Verhängen der entsprechenden Strafe eine Lektion erteilt. Der Senat lud Greenspan, Direktor des Federal Reserve System, zur Aussage vor. Dieser in der Wall Street gross gewordene hohe Staatsbeamte gilt als einer der sachkundigsten und eminentesten Verantwortlichen der US-amerikanischen Wirtschaft. Ihm wird das Hauptverdienst der wirtschaftlichen Erfolge der gegenwärtigen Regierung zugesprochen, und zur Zeit wird ihm eine Sonderhommage in den Finanzkreisen und in der Presse zuteil als der Mann, der es nicht zur Börsenkrise in den Vereinigten Staaten kommen liess, indem er dreimal nacheinander den Zinssatz senkte. Er gilt nach dem Präsidenten als der zweitwichtigste Mann des Landes. Nun gut, dieser berühmte und anerkannte Direktor erklärte dem Senat, dass, sollte er den Fonds nicht retten, es zu einer Wirtschaftskatastrophe kommen würde, von der die USA und die ganze Welt betroffen wären.

Wie beständig also ist eine Wirtschaftsordnung, in der eine als abenteuerlich und unverantwortlich bezeichnete Aktion einer Spekulationsinstitution mit einem Eigenkapital von nur 4,5 Milliarden die Vereinigten Staaten und die Welt in ein Wirtschaftsdesaster führen kann?

Führt man sich eine derartige Kraftlosigkeit und Immunschwäche des Systems vor Augen, so könnte man ihm die Diagnose stellen, dass es an etwas Ähnlichem wie dem AIDS-Virus leidet.

Ich möchte hier bei dieser Gelegenheit keine weiteren Argumente anführen. Es gibt noch viele andere Probleme in der Weltwirtschaft. Die vorherrschende Ordnung hat zu kämpfen mit Inflation, Rezession, Deflation, möglichen Überproduktionskrisen, einem anhaltenden Sinken der Produkte des Grundbedarfs. So unendlich reiche Länder wie Saudi Arabien haben bereits Haushalts- und Handelsbilanzdefizite, obwohl sie 8 Millionen Barrels Erdöl pro Tag exportieren. Die optimistischen Wachstumsprognosen lösen sich in Rauch auf. Es gibt nicht die geringste Vorstellung, wie die Probleme der Dritten Welt zu lösen sind. Welches Kapitalvermögen, welche Technologien, Vertriebsnetze, Exportkredite stehen diesen Ländern zur Verfügung, um sich Zutritt zu Märkten zu verschaffen, zu konkurrieren und zu exportieren? Wo sind die Verbraucher ihrer Produkte? Wie können die Mittel für das Gesundheitswesen in Afrika bereitgestellt werden, wo 22 Millionen Menschen HIV-positiv sind und die Bekämpfung nur dieser einen Krankheit nach dem heutigen Preisniveau 200 Milliarden Dollar jährlich kosten würde? Wieviel werden noch sterben müssen, bis ein schützender Impfstoff oder ein die Krankheit heilendes Medikament zur Verfügung steht?

Die Welt braucht eine gewisse Führung, um ihre gegenwärtigen Realitäten meistern zu können. Wir sind bereits 6 Milliarden, die wir unseren Planeten bevölkern. Es ist fast sicher, dass es in nur fünf Jahrzehnten 9,5 Milliarden sein werden. Die Gewährleistung von Nahrungsmitteln, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnraum, Trinkwasser, Elektrizität und Transport für eine derart grosse Anzahl von Personen, die ausgerechnet in den ärmsten Ländern leben werden, wird eine kolossale Herausforderung sein. Man wird zuerst die Konsumptionsmuster definieren müssen. Wir dürfen nicht weiterhin den Geschmack und den Lebensstil nachahmen wollen, die sich am Verschwendungsmodell der Industriegesellschaften orientieren. Das wäre zum einen unmöglich und zum anderen Selbstmord.

Die Entwicklung der Welt muss programmiert werden. Diese Aufgabe darf nicht den Transnationalen Konzernen und den blinden und chaotischen Gesetzen des Marktes überlassen werden. Die Vereinten Nationen sind ein guter Startblock dafür. Sie verfügen bereits über umfassende Information und Erfahrung. Es muss nur ihre Demokratisierung durchgesetzt werden, das Ende der Diktatur des Sicherheitsrates sowie der Diktatur innerhalb des Rates selbst; zumindest soll er durch neue ständige Mitglieder eine Erweiterung erfahren, unter denen die Dritte Welt entsprechend vertreten ist, und zwar mit sämtlichen Vorrechten wie sie auch die gegenwärtigen Mitglieder besitzen. Auch die Regeln für die Entscheidungsfindung sind zu modifizieren. Ausserdem sind die Funktionen und das Ansehen der Vollversammlung zu stärken.

Es werden hoffentlich keine katastrophalen Wirtschaftskrisen sein, die zu Lösungen führen. Milliarden Menschen in der Dritten Welt wären die am meisten Betroffenen. Das elementare Wissen um die technologischen Realitäten und die Zerstörungskraft der modernen Waffen zwingt uns, alles zu tun um zu verhindern, dass die unvermeidbar ausbrechenden Interessenkonflikte blutige Kriege auslösen.

Die Existenz nur einer Supermacht, einer globalen und erstickenden Wirtschaftsordnung macht es schwer -vielleicht auch unmöglich-, dass eine Revolution wie sogar die unsrige, sollte sie heute einsetzen und nicht als sie in einer damals bipolaren Welt Unterstützung fand, überleben kann. Unserem Land stand also die notwendige Zeit zur Verfügung, um ein unbezwingbares Durchhaltevermögen zu entwickeln und gleichzeitig auf internationaler Ebene den starken Einfluss seines Beispiels und seines Heldentums wirken zu lassen, um auf allen Tribünen die grosse Schlacht der Ideen zu schlagen.

Die Völker werden kämpfen. Eine bedeutende und entscheidende Rolle in diesen Kämpfen werden die breiten Massen spielen, und das wird im Grunde ihre Antwort auf die Armut und die Leiden sein, die ihnen auferlegt wurden. Es wird Tausende neue und findige Formen des politischen Drucks und der politischen Aktion geben. Viele Regierungen werden durch die Wirtschaftskrisen und die Ausweglosigkeit aus dem etablierten Weltwirtschaftssystem eine Destabilisierung erfahren.

Wir durchleben eine Etappe, in der die Ereignisse dem Bewusstsein der Realitäten, die uns berühren, vorauseilen. Es müssen Ideen verbreitet, Betrug, Spitzfindigkeiten und Heucheleien entlarvt werden unter Einsatz von Methoden und Mitteln, die der Desinformation und den institutionalisierten Lügen entgegenwirken. Die im Verlaufe von vierzig Jahren über Kuba wie Regengüsse niedergeprasselten Verleumdungen haben uns gelehrt, dem Instinkt und Intellekt der Völker zu vertrauen.

Die europäischen Länder haben der Welt ein gutes Beispiel dessen geliefert, was man mit Vernunft und Intelligenz erreichen kann. Nachdem sie sich jahrhundertelang bekriegt hatten, haben sie nun begriffen, dass auch sie als reiche und industrialisierte Länder nicht isoliert überleben können. Soros, eine bekannte Persönlichkeit der Finanzwelt, und seine Gruppe zwangen Grossbritannien auf die Knie, einstiger Herrscher über ein grosses Imperium, unangefochtener Finanzkönig und Besitzer der Reservewährung, eine Rolle, die heute dem Dollar und den USA zukommt.

Der Franc, die Peseta und die Lira bekamen die Schläge der Spekulation ebenfalls zu spüren. Der Dollar und der Euro bewachen sich gegenseitig. Vor der privilegierten nordamerikanischen Währung wurde ein zukunftsträchtiger Gegner aus der Wiege gehoben. Die USA setzen sehnlichst auf seine Schwierigkeiten und sein Scheitern. Betrachten wir die Ereignisse aus der Nähe.

In ihrer Angst, Unsicherheit und ihren Zweifeln suchen einige nach eklektischen Alternativen. Der neoliberalen entmenschlichten, moralisch und gesellschaftlich unakzeptierbaren, ökologisch und ökonomisch unhaltbaren Globalisierung gegenüber bleibt der Welt keine andere Alternative als eine gerechte Verteilung der Güter, die die Menschen mit ihren fleissigen Händen und ihrer fruchtbaren Intelligenz in der Lage sind zu schaffen. Stop der Tyrannei einer Ordnung, die blinde, anarchische und chaotische Prinzipien aufzwingt und unsere Gattung an den Abgrund führt! Rettung der Natur! Wahrung der nationalen Identität! Schutz der Kultur eines jeden Landes! Es herrsche Gleichheit und Brüderlichkeit und mit ihnen die wahre Freiheit. Die gewaltigen Unterschiede zwischen Reichen und Armen innerhalb eines jeden Landes und zwischen den Ländern dürfen nicht noch grösser werden, sonder sie müssen sich ganz im Gegenteil allmählich verringern und eines Tages ganz verschwunden sein. Die Grenze der Unterschiede ist nicht von Raub, Spekulation und Ausbeutung der Schwächeren zu setzen, sondern von den Verdiensten, den Fähigkeiten, dem kreativen Geist und all dem, was der Mensch real zum Allgemeinwohl beiträgt. Der Humanismus ist aufrichtig zu praktizieren, mit Taten und nicht mit heuchlerischen Losungen.

Liebe Landsleute!

Das Volk, das den heldenhaften Kampf der Spezialperiode kämpft, um das Vaterland, die Revolution und die Errungenschaften des Sozialismus zu retten, schreitet unaufhaltsam in Richtung seiner gestellten Ziele voran, gleich den Kämpfern um Camilo und Che in der Sierra Maestra und dem Escambray-Gebirge. Wie Mella sagte, hat jede Zukunft besser zu sein. Lasst uns dieses mit den Zielen bestätigen, die wir uns für 1999 gestellt haben. Wir wollen festigen und vertiefen, arbeiten und mit dem gleichen Mut kämpfen wie unsere heldenhaften Kämpfer bei Uvero in den ruhmreichen Tagen der grossen feindlichen Offensive, in den Schlachten und Aktionen, derer wir heute gedacht haben. Den Rückschlag von Alegría de Pío haben wir bereits hinter uns gelassen, sind an Cinco Palmas vorbei und haben wieder Kräfte gesammelt. Wir sind schon wieder in der Lage zu siegen so wie 300 über 10 000 gesiegt haben; wir sind schon wieder viel stärker und uns des Sieges sicher. (Beifall)

Allen unseren Landsleuten, doch besonders der Jugend versichere ich, dass die kommenden vierzig Jahre für die Welt entscheidend sein werden. Vor ihnen stehen unvergleichlich komplexere und schwierigere Aufgaben. Sie erwarten neue ruhmreiche Ziele; die überaus grosse Ehre, kubanische Revolutionäre zu sein, verlangt von ihnen die Realisierung dieser Aufgaben. Kämpfen wir für unser Volk und für die Menschheit. Unsere Stimme kann und wird sehr weit zu vernehmen sein.

Die Schlacht von heute ist hart und schwer. Wie im kriegerischen gibt es auch im ideologischen Kampf Verluste. Zum Durchstehen harter Zeiten und schwerer Bedingungen hat nicht jeder die erforderliche Veranlagung.

Heute hatte ich daran erinnert, dass während des Krieges bei Luftangriffen und aller Art von Entbehrungen von den freiwilligen Jugendlichen, die in unsere Guerillaschule kamen, nur einer von zehn dies alles ertrug; doch dieser Eine war zehn, hundert, tausend Mann wert. Vertiefen im Bewusstsein, Formung des Charakters, Erziehung in der harten Schule des Lebens unserer Epoche, Verbreiten stichhaltiger Ideen, Benutzen von unwiderlegbaren Argumenten, Überzeugen mit eigenem Beispiel und Vertrauen auf die Ehre des Menschen; damit kann erreicht werden, dass von zehn neun auf ihrem Kampfposten bleiben, eng verbunden mit der Fahne, der Revolution und der Heimat. (Beifall)

Sozialismus oder Tod!

Vaterland oder Tod!

Wir werden siegen! (Ovation)

Sonntag, 1. November 1998

Rede anlässlich der Eröffnung der XVI. Internationalen Handelsmesse von Havanna (FIHAV 98) am 1. November 1998

Mein sehr verehrter Freund Don Manuel Fraga, Präsident von Galizien - einige nennen ihn Präsident der Regionalregierung, und ich nene ihn Präsident von Galizien; aber Vorsicht - innerhalb des spanischen Staates (Applaus); aber da ich bemerke, daß die Autonomiebestrebungen an Stärke gewinnen, was deutlich erkennbar ist, bevorzuge ich, ihn als Präsident von Galizien anzureden.

Ebenfalls möchte ich die verehrten anwesenden Persönlichkeiten grüßen, wobei ich bereits diejenigen einschließe, die erst heute abend ankommen, und zudem verabschiede ich bereits den hier anwesenden Minister aus Venezuela, der heute abend abreist.

Ich grüße Sie alle, Aussteller und geladene Gäste:

Ich bin nicht gekommen, um von Politik, Blockade, Dürre, Wirbelstürmen oder Katastrophen jeglicher Art zu sprechen, denn diese Dinge will ich jetzt mal als selbstverstänlich ansehen (Gelächter). Ich bin gekommen, um mit Ihnen ein wenig zu scherzen, zum Teil auf Kosten der Ausführungen unseres hochangesehenen und in der Tat sehr geschätzten Außenhandelsministers, ohne ihm jedoch die Schuld für all die Quälereien geben zu wollen, die wir hier jedes Jahr durchmachen müssen.

Es wurden 16 Messen seit dem Beginn ihrer Ausrichtung in Kuba veranstaltet, wobei die letzten genau hier in EXPOCUBA stattfanden, und es ist immer das gleiche Lied: Wir stehen auf dieser Bühne, halten eine Rede, durchschneiden ein Band, niemand weiß, wie lange Sie bereits hier stehen und warten, und angesichts der jährlichen Ausweitung dieser Messe muß das Konzept der Eröffnungszeremonie bezüglich des Ortes und eines zunehmenden Komforts für die eingeladenen Gäste - heute haben wir glücklicherweise angenehme Temperaturen - verändert werden, denn wenn es nicht so wäre, müßtest Du jedes Jahr die gleiche Ansprache halten (er schaut zu Ricardo Cabrisas, Minister für Außenhandel).

Ich kritisiere ihn nicht. Was er will, ist, daß Sie hier investieren (Gelächter). Deshalb spricht er vom Zuwachs des Tourismus und all den anderen Dingen, und trotzdem muß er Sie nicht zum Investieren aufmuntern, denn Sie werden wirklich hier investieren (Gelächter). Das sage ich nicht im Scherz, sondern es ist Realität: Sie werden investieren, sie wollen investieren, und unsere Pflicht ist es, die besten Bedingungen dafür zu schaffen. Sie wollen hier und an vielen anderen Orten investieren, und die Länder, die dies für ihre Entwicklung benötigen, diskutieren miteinander und wetteifern sogar um die Investitionen, wenngleich auch nicht immer auf eine angemessene Art und Weise. Das wissen wir.

Doch Spaß beiseite, man kann darüber auch zwei oder drei ernsthafte Dinge sagen, die Anlaß für einen gewissen Optimismus mit Blick auf die nähere Zukunft der im Moment so schwer bedrohten Weltwirtschaft bieten können.

Vor einigen Monaten besuchten wir Genf - er erwähnte die Versammlung der Weltgesundheitsorganisation, zudem fand auch die Zusammenkunft der Welthandelsorganisation statt - und es wurden einige dieser aktuellen Probleme diskutiert.

Wir haben gerade vor kurzem eine wichtige Tagung in Portugal abgehalten, in Porto, einer gastfreundlichen und wunderschönen Stadt. Dort versammelten sich die Führer von ganz Lateinamerika, das, wie Sie sehr gut wissen, in diesem Moment das Schlachtfeld dessen darstellt, was für die Wirtschaft des Westens zu einem relativen Sieg oder einem Waterloo werden könnte. Die Risiken einer schwerwiegenden globalen Wirtschaftskrise stellen ein Thema dar, das wir in der letzten Zeit in Kuba mit großer Aufmerksamkeit verfolgt haben, da es sich um Ereignisse handelt, die wir vorausgesehen haben.

Bei dem Treffen in Porto waren bereits für alle Anwesenden die Gefahren einer Rezession oder gar von etwas Schlimmerem deutlich erkennbar, weil niemand auf der Welt im Moment weiß, in was sich eine Rezession noch verwandeln kann. Und es war dort in Porto klar, daß Lateinamerika das Schlachtfeld sein würde, wo sich entscheidet, ob die globale Ökonomie einen vorübergehenden Sieg über das wuchtige Fortschreiten der Krise erlangt oder eine große Katastrophe im Weltmaßstab erleidet. Ich spreche deshalb ohne Übertreibung von Weltmaßstab, weil sich die Ökonomie laut den einen weltweit ausgedehnt, laut den anderen globalisiert hat, und dies in stets zunehmendem Maße, neben einer Reihe von zusätzlich zu diesen Phänomenen aufgekommenen Problemen, von denen einige weithin bekannte Vorläufer haben, während andere neu sind.

Aber in Porto waren sich alle sehr bewußt, und die kubanische Delegation darüberhinaus sehr, sehr, sehr bewußt, daß die nähere Zukunft in Lateinamerika vor allem davon abhängt, was in Brasilien geschieht. Und all das nahm seinen Ausgang in der Wirtschaftskrise Deines Landes, Kalinin (er zeigt auf den Botschafter von Rußland), ohne die Gründe dafür näher zu analysieren und ohne irgendeinem Russen die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben oder ähnliches. Vielmehr würde ich die Schuld bei einer Reihe von Ratschlägen suchen, die den Russen mit ihrer geringen Erfahrung beim Aufbau des Kapitalismus gegeben wurden. Es kamen die Finanzinstitutionen und die neuen Freunde aus dem Westen mit ihren Rezepten gegen die Sintflut, um diese in jenem Land anzuwenden, das nicht einmal den Kapitalismus kennengelernt hatte, weil es fast lückenlos vom Feudalismus zum Sozialismus überging. Ausgehend von der letzten russischen Krise, die bekanntlicherweise im August ausbrach, greift die Panik um sich, nachdem das Ausmaß offensichtlich wird. Sogar der Dow Jones-Index der Wall Stret fiel an einem Tag um 512 Punkte, was zu einer Ausweitung der Panik führte. Die Börsen erlebten gewaltige Abstürze, so daß sehr klar ersichtlich wurde, daß Brasilien in diesem Moment der verwundbarste Punkt war und eine Krise in Brasilien sich zwangsläufig auf den Rest von Lateinamerika ausbreiten und damit unvermeidlich und unzweifelhaft die Börsen der USA in Mitleidenschaft ziehen würde. Sollte dies geschehen, würden 50% der US-Amerikaner, die an diesen Börsen ihre Ersparnisse, Rentenversicherungen und ähnliches angelegt haben, 50, 60, 70 oder gar 80% des Wertes ihrer an den besagten Börsen notierten Aktien verlieren. Das Desaster würde kolossale Ausmaße annehmen, die nicht einmal mit der Krise von 1929 vergleichbar wären und unserer Meinung nach sogar jenes berühmte Schicksalsjahr in den Schatten stellen.

Es war also klar, daß in Brasilien eine große Schlacht zu schlagen sein würde. Das wurde in Porto analysiert. Wir trugen einige Ideen vor, da Kuba ja der Sitz des nächsten Gipfels sein wird. Sogar die Frage des Themas der folgenden Zusammenkunft, das wir als Veranstalter auszuwählen hatten, erwies sich als sehr delikat. Mit welcher Situation werden wir dann konfrontiert sein? Wir dachten an eine Idee: zu diskutieren, wie Lateinamerika der globalen Wirtschaftskrise entgegentritt. Wir faßten es in dem folgenden Satz zusammen: Iberoamerika und die schwerwiegenden Risiken einer globalisierten Wirtschaftskrise.

Wir gingen von der Idee aus, daß auf der Welt noch Ressourcen vorhanden sind und daß der Westen und Japan noch über viele Ressourcen verfügen, um die Krise rechtzeitig abzuwenden, wenngleich die Anzahl dieser Ressourcen unbekannt ist. Die besagten Länder könnten die Krise auch hinausschieben oder sogar grundlegender über die Wirtschaftsordnung und die Art der Globalisierung nachdenken, die der Welt aufgezwungen wird, wobei sie versuchen könnten, nach unverzichtbaren Werten wie etwas mehr Ruhe, Gelassenheit und Frieden für die Welt zu trachten.

Das bedeutet, daß wir bei der Themenauswahl für unser Treffen sehr bedachtsam vorgehen mußten, da noch offen ist, was in den nächsten 12 Monaten geschehen wird.

Wir hatten in Porto bereits auf die Rede Clintons im Rat für Auswärtige Beziehungen der USA vom 14. September hingewiesen, in der die Bedeutung der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank herausgestrichen und alle Notenbankpräsidenten zu einem Treffen nach Washington eingeladen wurden. Man erkannte offensichtlich Anzeichen einer Sensibilisierung für die Risiken einer tiefgreifenden Krise auf seiten der USA oder wenigstens in einigen Bereichen dieses Landes, darunter auch bedeutende Führungspersönlichkeiten.

Am 5. und 6. Oktober hielten der Präsident des Internationalen Währungsfonds und der Präsident der Weltbank sehr interessante Reden, in denen sogar Differenzen und Kritikpunkte sowie bereits auftretende Antagonismen zwischen der Rolle des bösen Polizisten der einen Institution und der des guten Samariters der anderen Institution deutlich wurden. Die eine Seite auf der Suche nach der rigorosesten und strengsten Finanzordnung, und die andere mit dem Versuch, Lösungen zur Linderung der mit diesen Krisenphänomenen einhergehenden sozialen Probleme gedanklich einzubeziehen. Das bedeutet, daß es bereits im Oktober einige interessante Bewegungen gab, und unser Gipfel fand schlichtweg einige Tage später in Porto statt.

Es ging um den Versuch einer Vorausschau auf die Situation des nächsten Jahres und um die Frage der zu diskutierenden Themen. Es war nicht leicht, ein Thema zu bestimmen. Wir beschränkten uns auf die folgende Variante, die ich nochmals wiederhole: Iberoamerika und die schwerwiegenden Risiken - um nicht von Gewißheiten zu sprechen - einer globalisierten Wirtschaftskrise.

Wir gingen davon aus, daß hier in Kuba eine Analyse aller Geschehnisse des vor uns liegenden Jahres durchgeführt werden muß. Niemand konnte die eine oder andere Sache nur auf Vermutungen beruhen lassen. Auf dem Gipfel in Porto wurde sogar darüber diskutiert, ob es korrekt sei, von einer globalisierten Krise zu sprechen, da weder in den USA noch in Europa bereits eine Krise vorlag.

Für einige von uns war es klar, daß die Krise sich ausgehend von den Geschehnissen weltweit ausbreiten würde und daß Brasilien und Lateinamerika die letzten Schützengräben - was wir bereits am 28. September diesen Jahres gesagt hatten - seien, in denen sich die USA gegenüber einer Situation verteidigen könnten, die sie sehr direkt betreffen würde. Es würde sich nicht mehr nur um etwas handeln, was ausschließlich Lateinamerika interessiert, sondern auch in der Hauptsache die USA mit ihrer größten Wirtschaftskraft, den meisten Ressourcen und einer de facto-Führungsrolle in der Weltwirtschaft. Europa hat noch nicht die ausreichende Stärke, um eine ähnliche Rolle wie die USA zu spielen, obwohl es sehr wohl eine bedeutende Rolle einnimmt. Man mußte also beim Versuch der Voraussage der in einem Jahr auf der Tagesordnung stehenden Diskussionspunkte vorsichtig sein. Dennoch hatte man ohne Zweifel eine Analyse der wirtschaftlichen Situation auf internationaler Ebene vorzunehmen, da dies in der Zukunft das wichtigste Thema bleiben würde.

Aber wir sprechen von gewissen Symptomen, und dazu, Cabrisas, kann sehr wohl vieles gesagt werden, vielleicht regt Sie das noch mehr zum Investieren an. Es gibt einige interessante Elemente. Die Unternehmen sind in in größerer Anzahl als je zuvor in unser Land gekommen. Hier sind die Zahlen. Du hast einige erwähnt und andere nannte Maciques im Gespräch mit uns. Es handelt sich um die größte jemals in Kuba veranstaltete Messe, so daß uns der Platz schon nicht mehr ausreicht. Alle Kennziffern sind sehr positiv, die Präsenz vieler Länder, die umfassende Teilnahme von Europa und die erstmalige Teilnahme Japans. Trotz der Bedrohung durch die Krise wächst also die Präsenz. Dies beweist das traditionelle Interesse und die Ungeduld der Investoren bezüglich eines zügigen Abschlusses von Geschäften. Eines der brennendsten Probleme der Gegenwart ist vielleicht das Übermaß an Eile bei der Tätigung von Investitionen, vor allem dort, wo die Kapitalanlage die schnellsten Gewinne versprach, nämlich an den Börsen der USA.

Europa konkurriert noch nicht sehr viel mit Ihnen (er schaut zum Botschafter von Kanada). Gut, die Kanadier verfügen auch über bedeutende Ressourcen, sie sind die industrialisierten Nachbarn der USA und befinden sich in einer guten wirtschaftlichen Situation. Die Investoren kaufen auch Aktien oder Gutscheine in Europa, vor allem wenn es einige massive Kapitalfluchtbewegungen aus der Dritten Welt gibt. Aber speziell in den USA kaufte alle Welt Aktien, weil deren Wert wie Pilze in die Höhe schoß. So ähnlich wie im Jahr 1929. Oftmals handelt es sich in Wirklichkeit um spekulative Investitionen. Die Welt hat sich in ein großes Kasino verwandelt. Wir hingegen empfinden viel mehr Respekt für diejenigen, die in ein Grundstück, eine Dienstleistung, eine Industrie oder einen bestimmten Wirtschaftszweig investieren. Die spekulativen Investitionen können zum großen Russischen Roulette der Weltwirtschaft werden. Dutzende Millionen von Personen spekulieren in den USA, fast alle haben sich in Spekulanten verwandelt. Das Geld auf der verzweifelten Suche nach Geld, ohne jegliche Beziehung zur Entwicklung von Handel und Wirtschaft.

Allgemein läßt sich sagen, daß diejenigen, die zur Ausstellung ihrer Industrieprodukte hierher gekommen sind, üblicherweise keine Spekulanten sind. Es mag sein, daß der eine oder andere gelegentlich spekuliert oder Aktien an den Börsen anderer Länder kauft, aber nach Kuba kommen sie, um Handel zu treiben oder zu investieren.

Die Spekulation hat nichts mit der tatsächlichen Wirtschaft zu tun. Ich kann sagen, daß alle hier Anwesenden mit der realen Ökonomie zu tun haben, mit der Herstellung von materiellen Gütern und Dienstleistungen sowie mit dem Handelsaustausch, und wir empfinden wirklich Respekt für diese Investoren.

Nun, was ist also in diesen Tagen geschehen, sogar noch nach dem Gipfel von Porto? Einige positive Dinge. Erstens wird zum Beispiel berichtet, daß die Japaner Maßnahmen zur Sanierung ihrer Zentralbank ergriffen haben. Dies ist etwas, was offenkundig der Wirtschaft in den süostasiatischen Ländern zugute kommt. Es wurde entschieden, 500 Milliarden Dollar dafür aufzuwenden, obwohl bekannt ist, daß sich die unbezahlten Kredite auf 1 Billion Dollar belaufen. Dieser Schritt der Japaner stellt ein positives Signal für die Weltwirtschaft dar, wenn damit auch nicht gesagt ist, daß sie damit ihre Probleme gelöst hätten, denn sie haben noch eine große Anzahl von Schwierigkeiten zu bewältigen.

Zum Zweiten gab es eine andere Nachricht, die sich positiv auf die Atmosphäre der internationalen Ökonomie ausgewirkt hat: die Daten bezüglich des Wachstums in den USA während des dritten Quartals. Im ersten Quartal belief es sich auf etwa 5%, im zweiten sank es auf weniger als 3%, und für das dritte wurden etwas mehr als 2% kalkuliert, wenn ich mich recht erinnere, 2,6% oder 2,7%. Und jetzt, vor 48 Stunden, kam die Nachricht eines Wachstums von 3,3% im dritten Quartal. Das verlieh einigen Börsen, die dies sehr nötig hatten, neuen Mut, denn das beste Anti-Panik-Mittel ist die Hoffnung bzw. das Vertrauen. Das ist die Medizin, welche die Ärzte aus der Optik des kapitalistischen Systems der Ökonomie verschreiben.

Die dritte Nachricht: das wirklich rigurose Sparprogramm in Brasilien, das nicht nur eine Verminderung des Haushaltsdefizits, sondern sogar das Ziel eines Haushaltsüberschusses anstrebt. Auch die von der brasilianischen Regierung ergriffenen Maßnahmen haben den Börsen der USA einen gewissen Mut und Optimismus eingeflößt.

Was schließlich der Hoffnung und der Gelassenheit an den sehr unruhigen Börsen noch etwas mehr Auftrieb gegeben hat, ist die G-7-Vereinbarung. Der Senat hatte endlich unter Auflage einer Reihe von sehr fragwürdigen Bedingungen die 18 Milliarden Dollar bewilligt, welche die USA dem Internationalen Währungsfonds an Beiträgen schuldeten. Die Gesamtheit der G7- Staaten hat sich zu einer Finanzspritze von 90 Milliarden Dollar für die Weltwirtschaft verpflichtet, um damit Katastrophen zu vermeiden und sie möglichst vorherzusehen, oder um zum Löschen des Brandes herbeizueilen. Dennoch denken sie bereits ein wenig mehr über die Philosophie nach, den Ausbruch eines Feuers besser rechtzeitig zu verhindern, um es später nicht löschen zu müssen, was auf jeden Fall immer teurer kommt.

Diese vier Nachrichten haben in den letzten Tagen die Hoffnungen und den Enthusiasmus an den Börsen etwas beflügelt.

Ich glaube, daß eines der wichtigsten Elemente darin besteht, daß in den USA vor allem auf Seiten der Regierung, der Notenbank und der Bundesreserve der USA ein größeres Bewußtsein der Probleme erlangt wurde. Gerade die letztgenannte Institution plante bis vor wenigen Wochen, die Zinsen zu erhöhen. Jetzt entschied sie sich dafür, sie um 0.25% und einige Tage später um weitere 0.25%, im Ganzen also um 0,5%, zu senken, was ein weiteres positives Signal im Sinne der vorher erwähnten Maßnahmen darstellte und auf internationaler Ebene einen gewissen Optimismus hervorrief. Die Mehrheit der Beamten der US-Bundesreserve waren bis zur russischen Krise mit deren schnellen und unvorhersehbaren Konsequenzen Anhänger einer aus der Angst vor den Inflationsrisiken resultierenden Zinserhöhung.

Clinton erklärte in seiner von mir vorher erwähnten Rede vom 14. September eindeutig, daß die schwerwiegende Gefahr für die Weltwirtschaft in einer Rezession und nicht in einer Inflation bestehe. Dies war gleichfalls ein positives Signal in der gefährlichen Situation, die vorher geschaffen worden war. Das bedeutet, daß es sogar eine gewisse Änderung der Konzepte gegeben hat. Ich beurteile dies positiv im Sinne eines Anzeichens für ein erweitertes Bewußtsein bezüglich der alles andere als idyllischen Realitäten in der heutigen Welt.

Man muß nur alle Artikel über den Internationalen Währungsfonds in den Wirtschafts-Fachzeitschriften der ganzen Welt lesen. Sie erzählen Horrorgeschichten über den IWF, er durchläuft zur Zeit eine wahrhaftige Public Relation-Krise. Demgegenüber hat die Weltbank auf diesem Gebiet mit der Rede ihres Direktors auf der besagten Tagung vom 6. Oktober in Washington Boden gutgemacht. Auf dieser Tagung sprach erneut Clinton, wobei er nochmals seine Aussagen vom 14. September bestätigte. Es ist offensichtlich, daß sich innerhalb von Wochen ein Schwenk von nahezu 180 Grad vollzogen hat.

Die Gefahr, meine Damen und Herren, besteht in der Rezession und nicht in der Inflation, wie Clinton ausdrücklich bekräftigt. Im Kern hat sich dieses Kriterium, oder diese These, den Weg gebahnt.

Auf dieser Tagung wurde noch eine andere Idee eindringlich deutlich: der Internationale Währungsfonds muß seine Politik ein wenig flexibler gestalten, er muß sich ändern, er muß sich neu strukturieren.

Weltweit setzt sich die Meinung durch, daß der Internationale Währungsfonds zum größten Agenten der Subversion und der Destabilisierung auf dem Planeten geworden ist. Überall, wo er hinkam, hat er die Wirtschaft abstürzen lassen. Er kam zunächst zu spät, um danach auch noch die Wirtschaft und die Regierungen abstürzen zu lassen. Man mußte dort auf der Tagung ein wenig Selbstkritik üben und das selbstverständliche Fehlen einer gewissen Flexibilität anerkennen.

Werden ihre Erkenntnisse so weit reichen, daß sie versuchen, die Welt in Ordnung zu bringen? Ich glaube eigentlich nicht daran. Ich war davon überzeugt, daß sie über genügend Ressourcen zum Manövrieren verfügten. Die Zinssenkung und Geldspritzen für die Weltwirtschaft waren das mindeste, was sie angesichts einer sich bereits deutlich abzeichnenden Katastrophe tun konnten.

Was wird danach geschehen? Man muß vieles beobachten. Wie weit werden die Änderungen gehen? Man spricht von einer neuen Finanzarchitektur. Woraus besteht diese neue Architektur? Man kann keinem Land, das Probleme hat, damit helfen, daß man es weiter in die Krise stürzt, es destabilisiert, seine Wirtschaft liquidiert und Dutzende Millionen von Menschen auf die Straße und in den Hunger treibt.

Auf der Tagung in Washington schienen wichtige Führungspersönlichkeiten der Weltwirtschaft Marxisten oder als so etwas ähnliches zu sein, als sie zur Welt sprachen und von sich aus mit den Daten herausrückten: in Indonesien soundsoviele Millionen Menschen hungrig auf der Straße, die gemäß ihrer Sichtweise mit so großen Anstrengungen aufgebaute Mittelschicht innerhalb einiger Minuten zerstört, um daraufhin Hunger leiden und ihre Wohnungen verkaufen zu müssen, das Ende des Autoverkaufs und vieler anderer Dinge, die in diesen Ländern produziert wurden. Ein Desaster, wirklich ein wahrhaftiges Desaster! Und dazu mit schwerwiegenden internationalen Auswirkungen.

Sie legten die Geschehnisse mithilfe von Zahlen und Details offen und erklärten, daß es so nicht weitergehen könne. Sie bemerkten es und waren vernünftig, stellten zumindest vernünftige Überlegungen an. Bis zu welchem Punkt werden sie wohl die Maßnahmen zur Linderung der chronischen und weiter ansteigenden Armut fortführen und anwenden können? In aller Offenheit sage ich, daß es sehr wohl Dinge gibt, die abgemildert werden können. Sie sind in der Lage, das Aufkommen einer ernsten Krise zu bremsen und hinauszuzögern. Doch solange keine anderen Konzepte entwickelt und angewendet werden, die den allgemeinen Wohlstand und das eigene Überleben der menschlichen Spezies wirklich garantieren können, werden gemäß unserer tiefsten Überzeugung die gleichen Probleme in ständig verschärftem Ausmaß wiederauftauchen.

Wenn sich die Börsianer in New York angesichts alldessen einem zu großen Enthusiasmus hingeben, wird es dazu kommen, daß der Dow Jones-Index - der heute bei etwas über 8000 Punkten steht - wieder 9000 oder 10000 Punkte erreicht und sogar auf über 10000 oder gar 12000 Punkte steigt, so daß sich der Wahnsinn, der das jetzige Debakel hervorgerufen hat, in einem größeren Ausmaß wiederholt. Es käme auch zu einem Anstieg der bereits jetzt berühmten Devisenspekulation, die täglich 1 Billion Dollar - einige sprechen von 1,3 bis 1.8 Billionen - umfasst und ein weltweit absolut neues Phänomen darstellt, wozu noch die märchenhaften Beträge aus Spekulationsoperationen mit Aktien und anderen Wertpapieren gerechnet werden müssen.

Sie reden von einigen Richtlinien. Im Moment reden sie von einer Ethik, welche die Kapitalbewegungen regulieren soll, und sogar von einigen schüchternen Kontrollen oder etwas in diesem Sinne, um diejenigen, die große Mengen an Vermögen und Erfahrung angehäuft haben und sich ausschließlich der Spekulation widmen, davon abzuhalten, wie bisher in aller Freiheit jede Art von Dummheit zu begehen. Sie sind sogar so weit gegangen, einige Erklärungen gegen die weltweit operierenden Spekulanten abzugeben. Gut, das ist ja schon einmal etwas. Vorher konnte man nicht einmal darüber sprechen, denn der, der es trotzdem tat, wurde unmittelbar in die Hölle verdammt, und das nur für den simplen Vorschlag einer Kontrolle über diese Art von Operationen.

Einige reden über das Einziehen einiger weniger Mittel durch eine kleine Steuer auf spekulative Operationen. Ein vor 15 oder 20 Jahren hochgelobter Nobelpreisträger - ich glaube, es war Tobin - entwarf die Idee, eine bescheidene Steuer auf solch schädliche und das weltweite Gleichgewicht störende Aktivitäten zu erheben. Als er dies im Jahr 1985 vorschlug, erreichte die Devisenspekulation gerade einmal einen jährlichen Umfang von 150 Milliarden Dollar. Vor nur 13 Jahren.

Zum jetzigen Zeitpunkt, oder sagen wir Mitte 1998 - ich kann nicht vom Monat September sprechen - , war die Ziffer auf mindestens 1 Billion Dollar angestiegen, jedoch nicht pro Jahr, sondern pro Tag.

Ein Analyst berechnete, daß bei dem von Tobin vorgeschlagenen Steuersatz von 1% jedes Jahr etwa 800 Milliarden Dollar eingenommen werden könnten. Er schlug vor, daß man die Hälfte dieses Betrages in den Ländern verwendet, die die Steuer erhoben haben, und die andere Hälfte den armen oder Schwellenländern, wie letztere gelegentlich höflich genannt werden, als Entwicklungshilfe zukommen läßt. Die Idee ist wirklich nicht schlecht, aber man muß sehen, ob die Herren der Weltwirtschaft fähig sind, sie zu akzeptieren. Zusammengefaßt läßt sich sagen, daß wir mit sehr ernsten und schwerwiegenden Phänomenen konfrontiert sind, die viele Unbekannte und Fragestellungen in sich bergen.

Selbstverständlich gehören wir weder dem Internationalen Währungsfonds, noch der Weltbank oder der Interamerikanischen Entwicklungsbank an, so daß wir keine Darlehen oder sonst etwas erhalten und auch nicht in den Genuß von so langfristigen Krediten kommen wie Haiti, das völlig zu Recht - ich las es in den Mitteilungen der Nachrichtenagenturen und Iglesias, der Direktor der Interamerikanischen Bank, bestätigte es mir in Porto - 91 Millionen Dollar auf 40 Jahre mit zinsfreien 10 Jahren und für die restlichen Jahre mit einem Zins von 2% oder 3% erhielt, was wirklich ein Geschenk ist. Aber gut, ich glaube, daß dies die Rolle der internationalen Finanzorganisationen zu sein hat und daß man so verfahren muß, weil es absolut gerecht ist, wenn man wirklich die vielen gravierenden Probleme auf der Erde lösen möchte.

Was uns betrifft, können noch soviele Wirbelstürme kommen, ich habe ja bereits gesagt, daß wir sie als selbstverständlich ansehen. Wir sehen die Blockade als selbstverständlich an, wir sehen die Dürre als selbstverständlich an, das Wetterphänomen "El Niño" ist ja wohlbekannt und wird in vielen Gegenden erlitten. Wir erhalten nichts von all diesen Hilfen und beziehen etwaige Zuwendungen auch nicht in die Berechnung unserer Pläne mit ein.

Wir machen unsere Berechnungen hauptsächlich auf der Basis der Ernsthaftigkeit und Effizienz unserer Arbeit sowie der realen Vorteile und des Vertrauens, das diejenigen haben können, die in unserem Land investieren und sich in der Regel mit unseren einheimischen Unternehmen zusammenschließen. Wir können nicht wünschen, daß es zu einer Katastrophe in der Weltwirtschaft kommt, denn dies wäre keine vollkommen ethische Anschauung. Nicht einmal der radikalste Revolutionär hätte das Recht, die Lösung der Probleme dieser globalisierten Welt, die heute von 6 Milliarden Menschen bewohnt wird, auf der Grundlage von Katastrophen zu ersehnen, obwohl bekannt ist, daß in der Menschheitsgeschichte auf die schweren Unglücke oftmals große Verbesserungen folgten. In der momentanen geschichtlichen Phase müßten andere Alternativen existieren. Es besteht zumindest die moralische Pflicht, diese in Betracht zu ziehen.

Clinton selbst, der sich noch vor einigen Wochen allgemein keine Sorgen um die Weltwirtschaft machte, dachte nie besonders darüber nach, da er sich fast ausschließlich auf die Interessen und die Wirtschaft seines Landes konzentriert hatte, das heute ernsthaft bedroht wird von dem, was in der Welt geschieht. Clinton wird in seinen Plänen in bezug auf die Innen- und Außenpolitik außerdem durch die Ultrarechten der republikanischen Mehrheit im Kongreß gebremst. Er hat nun ernsthaft begonnen, über dieses Problem nachzudenken. Genauso wie sein Finanzministerium und die Beamten von der US-Bundesreserve. Alle haben sie erst damit begonnen, als sie das Problem bereits unmittelbar vor Augen hatten und seine Tragweite erkannten. Das ist die Wahrheit. In die kapitalistische Welt kommt erst angesichts von Krisen oder sich anbahnender großer Krisen Bewegung und sie ist doch weit von der Vernunft oder der Wirklichkeit entfernt.

Wir gehen von einer gänzlich anderen Grundvorstellung und Wahrnehmung der Welt aus, weil wir der Ansicht sind, daß die weltweiten Probleme auf der Grundlage der Überlegung, der Vernunft, der Diskussion, der Debatte und des Dialogs gelöst werden können. Wir werden im Januar sogar ein bedeutendes Treffen in Kuba veranstalten, an dem zahlreiche renommierte Ökonomen aus unterschiedlichsten Ländern teilnehmen werden. Wir haben geplant, fünf Tage lang diese Probleme gemeinsam mit Referenten sämtlicher Wirtschaftsschulen zu erörtern, die von der Notwendigkeit überzeugt sind, dieses Thema zu vertiefen sowie Ideen zu entwickeln und zu verbreiten.

Natürlich hat die Bedrohung durch eine globalisierte Krise bereits zu einer Bewußtseinsänderung geführt, wobei die Erinnerung an das Jahr 1929 wie ein Geist wiederauferstanden ist. Alle Welt begann sich an jenes unheilvolle Datum zu erinnern und entdeckte, daß all das, was damals an der Börse geschah, beinahe genau dem entspricht, was heute geschieht: Die Werte stiegen und stiegen und stiegen und gleichzeitig fielen die Preise für die Grunderzeugnisse, wodurch die Bedingungen für eine Katastrophe geschaffen wurden. Obwohl es bereits die US-Bundesreserve gab, wurde ausgerechnet ihr die Schuld dafür gegeben, weil man ihr vor allem vorwarf, zuvor keine rechtzeitigen Maßnahmen ergriffen zu haben.

Nun gut, wir ziehen es vor, daß über die Probleme debattiert wird, daß sie vertieft, diskutiert und gelöst werden und es erst gar nicht zu Krisen kommt, die zu Katastrophen führen und schreckliche Folgen sowie unvorstellbare Opfer für Milliarden Menschen mit sich bringen, von denen viele - fast eine Milliarde - auch schon mitten im Weltwirtschaftsboom Hunger gelitten haben. Es ist absolut notwendig, daß der Mensch Gebrauch von seiner Intelligenz und seiner Vernunft macht, um Lösungen für solch dramatische Probleme zu finden.

Ich habe einige positive Anzeichen angesprochen, die sogar Risiken unmittelbar abwenden könnten.

Denken Sie etwa daran, daß die Veranstaltungsteilnehmer trotz der genannten Krisengefahr beschlossen, ihre Stände hier aufzubauen und an dieser Messe teilzunehmen. Ich glaube, daß sie es jetzt mehr denn je verdienen, wenn wir Ihnen sagen: Meine Herren, es gibt einige Nachrichten, die eher positiv sind und es gibt ein wenig Hoffnung. Der Zeitpunkt zu investieren und Geschäfte zu machen ist jetzt günstiger als noch vor einigen Monaten. Das ist Tatsache.

Natürlich kann man lediglich behaupten, daß es Hoffnungen und Möglichkeiten gibt, daß Vorstellungen und Grundeinstellungen geändert werden und daß es bestimmte Wahrnehmungsänderungen bei denjenigen gibt, die in ihren Händen den Schlüssel halten für die grundlegenden Ressourcen der Weltwirtschaft, und damit eine globale Krise bremsen, hinauszögern oder überstürzen können.

Sie haben Euch zu danken, Kalinin (zeigt auf den russischen Botschafter), und deswegen glaube ich, daß die Russen ein Recht darauf haben, bei den großen Beratern um Hilfe zu bitten, Hilfe einzufordern - keine Erpressung, darum geht es nicht - und ihnen zu sagen: Schaut nur, wir haben eure Ratschläge befolgt und das ist dabei herausgekommen. Verlangt jetzt nicht von uns, daß wir den Haushalt kürzen und die Löhne anstatt 6 Monate nun 12 Monate lang zurückhalten. Das hält niemand aus, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sie können an Rußland nicht die gleichen Forderungen stellen wie an den Rest der Welt.

Für mich ist der Fall klar. Trotz meiner geringen Erfahrung in Fragen politischer Taktik und Strategie weiß ich, daß ihr Euch genauso wie Brasilien in einer starken Position befindet, weil es jetzt nicht nur darum geht, anderen zu helfen und zu retten, sondern mehr als je zuvor, Hilfe zu leisten, um sich selbst zu retten - was Vorrang hat. Man kann den Russen nicht noch mehr Opfer abverlangen, das wäre völlig unmöglich.

Wir verfolgen genauestens jedes Wort, das dort fällt und all das, was täglich unternommen wird, und ich erkenne dabei wirklich Mut in der neuen russischen Regierungsspitze. Ich erkenne Standhaftigkeit, Vernunft, aber auch Flexibilität, denn es werden keine Lösungen ohne Alternativen vorgebracht: Wir sind dazu bereit, dies und das und jenes zu tun, weil man es machen kann, aber dies und das und jenes nicht, weil es unmöglich ist. In einer Meldung von gestern hieß es, Rußland habe 812 Millionen Dollar an Steuern für den Staatshaushalt eingenommen, was die Einnahmen vom Oktober überstiegen habe. Achthundertzwölf Millionen Dollar im größten Land der Welt, in dem 140 Millionen Menschen leben, dessen Industrie und Wissenschaft stark entwickelt ist, das Tausende von Atomwaffen besitzt, viele Grenzen hat, Züge, die Tausende Kilometer zurücklegen müssen, weil sie das Hauptverkehrsmittel im Inlandverkehr darstellen. In Anbetracht dessen wird jedermann verstehen, daß es nicht möglich ist, das Leben eines Landes mit 812 Millionen Dollar im Monat, oder mit 1 Milliarde Dollar im Monat an Steuereinnahmen aufrechtzuerhalten.

Portugal allein nimmt für seinen Staatshaushalt mehr als 1 Milliarde Dollar im Monat ein, vielleicht auch zwei oder drei Mal soviel. Rechnen Sie nun einmal, was man von einem so großen Land wie Rußland verlangen kann, das weniger als 1 Milliarde an Steuern einnimmt. Der Welt darf die Tragödie dieses großen Staates nicht gleichgültig sein. Mehr noch; man kann die Probleme der Welt nicht lösen, wenn nicht auch die Probleme Rußlands gelöst werden, denn es kann zu Ereignissen und politischen Katastrophen kommen, die schwerwiegende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die internationale Politik hätten. Für diese Beratung stelle ich Dir nichts in Rechnung, Kalinin (Gelächter). Mich hat niemand um Rat gefragt, aber ich kann Dir versichern, daß meine Ratschläge uneigennütziger und möglicherweise auch objektiver sind als die vom Währungsfonds und vieler anderer Experten aus den USA und dem Westen. Nun sind wir es nämlich, die dem Währungsfonds einen Rat erteilen: Macht ein bißchen Geld von diesen 90 Milliarden locker und überweist es nach Rußland. Wenn man will, sollen andere Dinge diskutiert werden, wie z.B. das Ende der Haushaltskürzungen und ähnliche Punkte. Es gibt Themen, über die diskutiert werden kann, wozu aber nicht die Art von Bedingungen zählt, die ruinöse, verheerende und destabilisierende Konsequenzen haben.

Es bildet sich gerade eine Regierungsspitze heraus, die jetzt über eine breite Unterstützung in der Duma verfügt. Es gibt eine Reihe von Umständen, die nach gesundem Menschenverstand jetzt die USA, den Währungsfonds und die ganze Welt veranlassen sollten, einen Teil dieser Fonds Rußland zukommen zu lassen. Man darf Rußland nicht vergessen - diesen Luxus darf man sich nicht leisten.

Heute habe ich die Nachricht gehört, daß man sich zu einer Lebensmittelhilfe entschlossen habe. Also Kalinin, falls Du die Meldungen noch nicht durchgegangen bist, verrate ich Dir schon mal, daß es sich um 4 bis 6 Millionen Tonnen Weizen handelt, und das zu einem Darlehen mit Zahlungserleichterungen. Da habt Ihr Glück; uns verkaufen sie kein einziges Kilo an Nahrungsmitteln, ganz zu schweigen davon, daß man uns etwa ein Darlehen anböte, egal ob es einen Hurrikan gibt, eine Dürre oder auch nicht. Aber das ist eine gute Nachricht für Euch: 4 bis 6 Millionen Tonnen Weizen. Wir haben nur die eine Sorge, daß die Menge so groß sein könnte, daß in der Folge der Preis für Weizen, den wir importieren müssen, in die Höhe getrieben wird und wir dann unsere wenigen Devisen für einen viel teureren Weltmarktpreis für Weizen aufwenden müßten. Zwei Umstände erschrecken uns: Den ersten habe ich gerade genannt. Die andere Befürchtung ist, daß aufgrund der Überschwemmungen in China dort jetzt selbst Bohnen, Reis und andere Dinge importiert werden müssen, was uns als Länder der Dritten Welt Kopfzerbrechen bereiten könnte, denn wir importieren heute viele dieser Erzeugnisse aus diesem Land, weil wir sie selbst nicht herstellen können.

Es heißt außerdem, daß ein Teil dieser 4 bis 6 Millionen an Hilfeleistung für Euch humanitären Charakter haben werde, das heißt kostenlos sein wird - wieviel genau wurde nicht gesagt. Sie sind wirklich "sehr gut". Sie müssen es tun, aber diese Hilfe reicht nicht im geringsten aus.

Ich sage hier ganz offen, wie ich immer spreche, daß sie Rußland nicht vergessen dürfen. Natürlich dürfen sie auch Brasilien nicht vergessen. Natürlich werden sie das nicht tun, es ist klar, daß sie das nicht tun werden. Das steht bereits fest, weil es der letzte Schützengraben ist, von dem aus es gilt, den Vormarsch der Krise zu verhindern, bevor sie die Auswirkungen unmittelbar an den Wertpapierbörsen der Vereingten Staaten zu spüren bekommen. Nach Lateinamerika geht ein Drittel ihrer Ausfuhren und hier haben sie einen Großteil ihrer Bankkredite und Investitionen angelegt. Das gilt nicht für Rußland.

Sie haben logischerweise Brasilien priorisiert. Die Lage der brasilianischen Wirtschaft ist weitaus weniger kritisch als die russische. Sie glauben, die Probleme mit 30 Milliarden Dollar lösen zu können, was sich noch herausstellen wird. Mexiko hat seinerzeit 50 Milliarden benötigt, Süd-Korea 100 Milliarden. Es kann durchaus sein, daß Brasilien die G-7-Staaten um 90 Milliarden und mehr bitten muß. Brasilien verfügt aus demselben Grund, den ich eben erwähnt habe, über eine starke Verhandlungsposition, denn Brasilien zu unterstützen bedeutet den Rest Lateinamerikas vor der Krise zu schützen. Brasilien zu unterstützen bedeutet für die USA, sich selbst zu unterstützen, und bedeutet für den gesamten Westen, sich selbst zu unterstützen. Daher ist die Position Brasiliens so stark. Wenn man eine starke Verhandlungsposition hat, muß man verantwortlich handeln.

Damit will ich sagen, daß eine strategisch privilegierte Position nicht dazu mißbraucht werden darf, verantwortungslos zu handeln oder nicht mehr selbst auch größte ernsthafte und wirksame Anstrengungen zu unternehmen. Aber in solch einer Lage stark zu sein, erlaubt es, über akzeptable Konditionen zu verhandeln, die das Land nicht destabilisieren.

Der brasilianische Präsident ist gerade mit über 50% der Stimmen wiedergewählt worden. Die Lage im Land selbst ist gut, aber die jetzigen Umstände können zu ernsthaften politischen Schwierigkeiten, zu einem großen Widerstand im Parlament, in den Regierungen der einzelnen Bundesstaaten, in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen und in allen anderen Bereichen führen. Die Probleme, denen Brasilien gegenübersteht, sind nicht einfach. Aber ich sage noch einmal, Rußland und Brasilien verfügen über eine starke Verhandlungsposition.

So ist es unserer Meinung nach, und damit werde ich schließen, Sie müssen ja bestimmt schon müde sein vom Stehen (Gelächter)... Die Nachrichten sind für Sie, nicht für mich. Ich bitte Sie um nichts. Ich versuche lediglich eine Prognose zu wagen und einige Geheimnisse zu lüften, die einfach zu entdecken sind. Ich rede dabei freizügig, sehr freizügig. Ich glaube, da wir als Land, über das eine Blockade verhängt ist, als Land, das nichts von irgendeinem dieser Organismen erhält, die von den Vereinigten Staaten kontrolliert werden, das Land sind, das in der Welt die größte Freiheit besitzt, um in klaren Worten über das zu sprechen, was z.Zt. geschieht. Und da auf dieser Welt alles bekannt ist - sogar der Klatsch, der am Frühstückstisch zwischen den großen Herren aus der Finanzwelt ausgetauscht wird, wird überall auf der Welt bekannt, was dieser und was jener denkt. Spione braucht man schon gar keine mehr, denn es gibt Mitarbeiter und Experten, die beteiligt sind. Alle haben überall viele Freunde und erzählen also den Journalisten, Experten, Ökonomen und den Kollegen, was am Frühstückstisch, beim Mittagessen und sonstwo besprochen wurde und was Greenspan denkt, was Rubin gesagt hat, was Summer, der Unterstaatssekretär des Finanzministeriums meint und wie die Meinung von Ficher ist, dem zweiten Mann des Internationalen Währungsfonds, wenn ich mich nicht irre, und welche Sorgen sie haben - all das weiß man.

Wir können völlig frei reden, Erklärungen abgeben und Überlegungen anstellen. Ich schwöre Ihnen, das ist eine Freiheit, die wir für das ganze Leben erhalten möchten. Viele Länder sind abhängig von diesem und von jenem Kredit und können sich nicht die Freiheit nehmen, so offen über diese Fragen zu reden.

Ich versuche Cabrisas zu helfen, der möchte, daß Sie investieren. Daher sage ich Ihnen: Sie werden auf alle Fälle investieren, wenn wir das tun, was wir zu tun haben, denn sie sind begierig danach zu investieren. Und es gibt jetzt vielleicht eine Chance, die Weltwirtschaftskrise abzudämpfen, vielleicht zumindest im lateinamerikanischen und karibischen Raum. Das ist nicht nur eine Hoffnung für diejenigen, die hier investieren möchten, sondern auch für diejenigen, die Investitionen in anderen Teilen Lateinamerikas getätigt haben, verstehen Sie? Wer in Brasilien, in Argentinien oder in ein anderes Land investiert hat, muß sich darüber freuen, daß die Möglichkeit besteht, daß es hier nicht zu einer Katastrophe oder zu einem Crash wie in Südostasien kommt. Ich weiß, daß viele von Ihnen Geschäfte in zahlreichen Ländern unseres Kontinents zu tätigen haben. Das Bild, was sich z.Zt. abzeichnet, ist für Investoren aus aller Welt positiv, und es ist auch positiv für Deine Investoren, Fraga, und für die Hunderttausenden Deiner Landsleute, die in ganz Lateinamerika verstreut sind. Diese Hoffnung wird ihnen gut tun.

Was wir wirklich unternehmen müssen ist, zu versuchen, die Rahmenbedingungen zu ändern und die Veranstaltung ein wenig komfortabler zu machen. Man wird neue Lösungen suchen müssen. Außerdem muß das Gelände ausgebaut werden.

Ich erinnere mich noch gut, es war vor einigen Jahren - jetzt werden es bereits 10 Jahre sein - da gab es Unverständnis und Kritik wegen der Kosten, die wirklich nicht zu hoch waren, als wir dieses Zentrum mit der begeisterten Unterstützung freiwilliger Arbeiter als ständiges Ausstellungszentrum für die Binnenwirtschaft bauten. Das Gelände dient auch weiterhin dieser Funktion, aber unmittlbar nach seiner Fertigstellung begann man es auch für internationale Ausstellungen zu nutzen. Die ersten Handelsmessen wurden noch im Kongreßpalast und auf dem umliegenden Gelände veranstaltet, dabei wurde gerade mal ein Bulldozer und ein Kran rund um den Kongreßpalast gezeigt. Von dort sind wir dann nach hier umgezogen und jetzt ist auch hier schon der Platz zu eng geworden. Was bedeutet das? Das bedeutet, daß wir dieses Messezentrum ausbauen müssen, das außerdem Jahr für Jahr von Hunderttausenden von Mitbürgern besucht wird, und dessen Gesamtinvestition sich in kurzer Zeit amortisiert hat. Das bedeutet, angesichts der höheren internationalen Nachfrage eine größere Ausstellungsfläche zu erschließen. Die Fläche für die Erweiterung dieses Zentrums ist glücklicherweise vorhanden, aber jedes Jahr steigt die Anzahl der Länder und Unternehmen, die hier ihre Produkte ausstellen möchten. Ich bin mir sicher, daß die Nachfrage auch weiterhin steigen wird - dies hängt von uns ab.

Wir sind unser eigener Internationaler Währungsfonds, unsere eigene Weltbank, unsere eigene Interamerikanische Entwicklungsbank. Auf diese Weise haben wir unter großer Anstrengung und mit vielen Schwierigkeiten gelernt, wo es nur geht zu sparen, gegen alles zu kämpfen, was diesem Sparprogramm entgegensteht. Wir haben einen unermüdlichen Kampf gegen Ineffizienz sowie gegen Verschwendung oder Entwendung von Mitteln geführt und natürlich eine immer striktere Kontrolle dieser Mittel und Preisvergünstigungen für unsere Anschaffungen oder Importe erreicht.

Sie werden Jahr für Jahr mit immer besser geschulten und erfahrenen Kadern diskutieren können, die immer stärker um jeden Pfennig verhandeln, egal ob es sich nun um den Erwerb einer Maschine oder eine Ware handelt. Sie werden verstehen, daß wir die Pflicht haben, dies zu tun, damit unsere Wirtschaft sich weiterentwickeln kann und die Investitionen in Wirtschaft und Gesellschaft, sei es nun durch rein kubanische Unternehmen, Joint-ventures oder Investitionen mit ausschließlich ausländischem Kapital, wachsen können. Aus unseren Anstrengungen und unseren Opfern stellen wir die Mittel bereit, die wir für diese Entwicklung beitragen, wobei wir immer noch den größten Teil stellen.

Das es jetzt zu keinen Katstrophen kommt, liegt auch in unserem Sinne, und das nicht nur aus ethischen Gründen - was ich bereits erklärt habe. Außerdem, glaube ich, sind wir auf die eine oder andere Weise besser gerüstet als jedes andere Land, uns mit Schwierigkeiten auseinanderzusetzen, weil wir daran gewöhnt sind, gegen große Schwierigkeiten anzukämpfen. Deswegen konnten wir und werden auch weiterhin diese bescheidenen Früchte unserer Anstrengungen ernten und einen, wenn auch bescheidenen, Zuwachs verzeichnen. Ich glaube, daß man bereits qualitative Veränderungen, eine sehr augenscheinliche Steigerung der Leistungsfähigkeit unserer Kader beobachten kann - Fortschritte bei unseren Erfahrungswerten, eine absolute und umfassende Sicherheit für die Investoren, die unserem Land Vertrauen entgegengebracht haben.

Wir haben es nicht nötig, daß der Währungsfonds uns sagt, was wir mit der Rückführung der Gewinne zu tun haben, weil wir das schon entschieden hatten, als wir den Plan faßten, ausländische Investitionen für unsere Entwicklung als Ergänzung unserer Wirtschaft zuzulassen - und das war noch vor dem Zusammenbruch der UdSSR. Unsere Wirtschaft stützte sich zum Teil auf Technologien, Kredite und Lieferungen aus der Sowjetunion. Trotzdem haben wir im Laufe der Revolution immer dann, wenn wir es für sinnvoll erachteten und es möglich war, Technologien, Maschinen, Geräte und Betriebsmittel für unsere nationalen Unternehmen aus dem Westen erworben. Und bis heute sind wir zufrieden mit der Erfahrung der Beteiligung ausländischen Kapitals an den Investitionen, die in unserem Land getätigt werden. Wir sind zufrieden mit der Kooperation und der Erfahrung, die ausländische Unternehmen zum Management von Wirtschaftseinrichtungen sowie zur Produktion und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen beigetragen haben. Wir brauchen keine Ratschläge in bezug auf die Rückführung von Gewinnen, weil sie automatisch und völlig frei rückgeführt werden.

Die Frage der Rückführung oder Nicht-Rückführung, die z.Zt. diskutiert wird, ob Maßnahmen zu ergreifen sind, ob die Gewinne eine Zeit lang zurückgehalten oder eingefroren werden sollen, haben wir bereits am ersten Tag gelöst. Die Rückführung der Gewinne ist und wird auch in Zukunft in Kuba absolut automatisch und frei geschehen. Deswegen haben wir nicht aufgehört zu denken, wie wir nun einmal denken; wir haben deswegen nicht aufgehört, uns als Sozialisten zu bezeichnen. Für uns bedeutet Sozialismus die Entwicklung des Landes, d.h. die Entwicklung der Wirtschaft, der Gesellschaft, eine gleiche und gerechte Verteilung der Reichtümer des Landes.

Wir freuen uns darüber, so gute Kampfgefährten wie den jetzigen Weltbankdirektor Wolfensohn zu haben, wenn auch das letzte Wort in der Tat diejenigen sprechen sollten, die in dieser Institution absolutes Vetorecht besitzen - die Vereinigten Staaten. Lesen Sie einmal seine Rede vom 6. Oktober, in der er - erschrecken Sie nicht - beinahe ein Glaubensbekenntnis zum Marxismus-Leninismus abgelegt hätte. Vieles von dem, was er an diesem Tag sagte, können wir so unterschreiben.

Kurz gesagt gibt es innerhalb unserer revolutionären und wahrhaft sozialistischen Grundeinstellung durchaus einen Platz für die Idee ausländischer Investitionen sowie für ein Maximum an Möglichkeiten, Garantien und Sicherheit für den, der in unser Land investiert.

Was wir Ihnen versprechen können ist Aufrichtigkeit; was wir Ihnen versprechen können ist, daß es keinen Minister, keinen hohen Machthaber unseres Landes gibt, der sich an Sie wendet oder mit Ihnen verhandelt, um Sie um eine Provision zu bitten oder Schmiergeld zu nehmen. Das behaupte ich kategorisch. Wenn dies doch einmal vorkommen sollte, so möchte ich Sie darum bitten, dies direkt denjenigen mitzuteilen, die die größte Verantwortung dafür tragen. Natürlich kann ich nicht absolut für alle meine Landsleute garantieren, aber wir garantieren für jene, in deren Händen die wichtigsten Entscheidungen liegen.

Wir haben bestimmte Bereiche dezentralisiert, was unausweichlich war. Es gibt viele Menschen in sehr unterschiedlichen Bereichen, sogar im Privat- oder beinahe Privatsektor, die Kontakt mit diesen grünen Scheinen haben, die das verheerendste Gift, den größten Überträger von Lastern und moralischen Krankheiten darstellen, das die Welt je gekannt hat. Früher war es das Gold, aber das Gold war sehr schwer und man konnte es kaum transportieren. Die Geldscheine sollten nun den Gegenwert für eine bestimmte Menge Gold darstellen. Jetzt stellen sie gar nichts dar, es handelt sich einfach nur um in der Druckerei bedrucktes Papier. Aber es hat Kaufkraft erlangt aufgrund von historischen Umständen und dem Bedürfnis der herrschenden Wirtschaft, über ein Tauschinstrument zu verfügen, das von der Weltmacht, das es druckt, mißbraucht worden ist und weiterhin bis ins Absurde mißbraucht wird.

Es gibt viele, die Geld verwalten, aber wir sind uns bewußt, daß immer ein Risiko besteht bei vielen Leuten, die Geld verwalten. Trotzdem kann ich Ihnen versichern, daß die wichtigsten Entscheidungen in der Wirtschaftspolitik, die wichtigsten Entscheidungen, die es zu treffen gilt, auf einem Niveau fallen, auf dem Sie niemals jemanden finden werden, der sich bestechen läßt. Wir wissen, daß es einen weltweiten Aufschrei und Protest gibt gegen etwas, was sich Korruption nennt, die sich stärker auf der Welt ausgebreitet hat als Malaria, Tuberkulose, AIDS und andere Krankheiten zusammen, und gegen die kein Land immun ist. Die Revolution hat hart um den Begriff und das Prinzip der Aufrichtigkeit gekämpft und wird auch weiterhin darum kämpfen. Das ist das, was ich Ihnen versprechen kann.

Ich habe Ihnen gesagt, was ich Ihnen sagen wollte. Auf diese Weise können Sie besser die Worte von Cabrisas interpretieren. Zwingen Sie ihn nicht, jedes Jahr hierherzukommen, um stets die gleiche Rede zu halten, die außerdem noch über fünf Seiten lang ist. Jahr für Jahr muß er davon sprechen, wie sich der Fremdenverkehr entwickelt, wie stark der Zuwachs der Nickelproduktion ist. Jeder weiß ja, daß die Produktion erhöht wurde, aber die Preise gefallen sind, und daß alle Grunderzeugnisse an Preis verloren haben. Der Preisindex steht sehr schlecht. Das gilt für Kupfer, Aluminium und Zinn. Sogar der Goldpreis, meine Herren, ist gefallen.

Das gefällt den Kanadiern nun überhaupt nicht (Erneuter Blick in Richtung des kanadischen Botschafters), die viele Goldgeschäfte in verschiedenen Ländern tätigen; dazu gehören Goldschürfung sowie Goldverträge, da Gold kaum noch verwendet wird, nicht einmal als Währungsreserve. Es ist heute praktisch nur noch ein Metall, das man in der Schmuckherstellung und zu einigen anderen Verwendungszwecken benutzt. Täglich werden es immer weniger Regierungen, die noch ein wenig Gold als Währungsreserve aufbewahren. Viele haben es verkauft oder seine Menge in den Zentralbanken verringert, worunter die Preise deutlich gelitten haben.

So fallen nun also die Produktpreise, aber wenn es zu einem neuen Wirtschaftsaufschwung kommt, dann, Cabrisas, muß man die Nickelproduktion, die trotz allem, bei einem Preis zwischen 3.900 und für weniger als 3.800 Dollar die Tonne, wirtschaftlich geblieben ist, nicht stoppen. Obwohl manchmal schon Preise zwischen 8.000 und 9.000 Dollar erzielt wurden, ist die Nickelproduktion selbst bei den momentanen sehr niedrigen Preisen immer noch rentabel oder wenigstens bezahlbar. Wenn es mit der Weltwirtschaft aufwärts geht, geht es zweifellos auch mit den Nickelpreisen und mit den Preisen für andere Exportgüter aufwärts.

Bereiten wir uns auf das nächste Jahr vor. Laßt Euch was einfallen, besorgt Euch Stühle. Fraga dort drüben muß stehen, wenn er auch sehr stark ist. Glauben Sie nicht, daß er sich etwa um die Jahre geschert hätte. Er hat unglaubliche Arbeitsprogramme. Es scheint so, als mögen die Organisatoren, die für ihn die Programme erstellen, ihn nicht besonders. Vielleicht ist es aber auch so, daß sie ihn manchmal aus lauter Zuneigung beinahe umbringen.

Zwei Vorschläge hätte ich zu machen: Die Organisation von bequemeren Veranstaltungen für die Teilnehmer, so daß man die Themen vertiefen und den Inhalt der Eröffnungsveranstaltung variieren kann und gleichzeitig unverzichtbare Kennziffern und Daten miteinbeziehen und schon damit beginnen kann, den Ausbau dieses Messezentrums zu planen. Sie brauchen Raum, Sie brauchen mehr Parkflächen. Wenn das so weitergeht, werden Sie Ihre Wagen noch an der 100. Straße abstellen und durch einen Fahrraddienst von dort hierher radeln müssen, weil ich überall entlang der Zufahrtsstraße Autos gesehen habe, was ja bei einer Beteiligung von mehr als 3.000 Ausstellern und Teilnehmern auch nicht weiter verwundert.

Das ist das, was ich Ihnen sagen kann.

Ich möchte Sie um Verzeihung bitten. Ich wiederhole Ihnen, daß ich die guten Nachrichten und die Ratschläge nicht in Rechnung stelle, und daß mein Standpunkt von Optimismus geprägt ist und auf eine solide Grundlage zurückgreift. Hoffentlich geschieht bei so vielen möglichen Ereignissen, möglichen politischen und wirtschaftlichen Fehlern nichts, was eine günstige und wünschenswerte Entwicklung der Weltwirtschaft in der unmittelbaren Zukunft verhindern könnte.

Vielen Dank (Längerer Beifall).

Dienstag, 19. Mai 1998

Rede des Comandate en Jefe Fidel Castro Ruz vor der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf am 19.05.1998

Exzellenzen, WTO-Vertreter, verehrte Delegierte,
im letzten März hat die US-Regierung öffentlich ihre Pläne enthüllt, in denen sie
klarmacht, dass sie in aggressiver und direkter Art und Weise handeln wird, und zwar
auf globaler Ebene für alle Regionen der Welt, und dass die Vereinigten Staaten - als
die wichtigste und erfolgreichste Ökonomie im Welthandelssystem - in einer starken
Position sind, um ihre Kräfte der Überzeugung und ihren Einfluss zu benutzen, um
dieses Programm voranzutreiben, und dass trotz der grundlegenden Öffnung der
Märkte, welche in den letzten Jahren erreicht wurde, immer noch zu viele Schranken
für den Export von Gütern und Dienstleistungen aus den USA in die ganze Welt
bestehen. Dies ist eine erschreckende Sprache.
Darüber hinaus begannen im September 1995 auf Initiative der USA, trotz der
Existenz der WTO - die aus 132 Ländern in verschiedenen Stadien der Entwicklung
besteht -, Diskussionen in den OECD - einem exklusiven Erste-Welt-Club -, um ein
multilaterales Investitionsabkommen zu entwickeln.
Aus Gründen, die klar verbunden sind mit der nationalen Souveränität, wurde der
zugrunde liegenden Idee, dieses Abkommen in der WTO zu diskutieren, mit heftiger
Opposition von vielen Mitgliedern der Organisation bei der Ministerkonferenz in
Singapur im Dezember 1996 begegnet.
Die Übereinstimmung, die bei dieser Konferenz erreicht wurde, hielten die OECD
(wie gesagt: zusammengesetzt aus hochentwickelten Ländern) nicht davon ab, mit
den Verhandlungen über das multilaterale Investitionsabkommen fortzufahren. Von
dem Moment an, in dem die Vereinigten Staaten begannen, grundlegende Aspekte
des Helms-Burton-Gesetzes in das Abkommen einzuführen, kamen die
Verhandlungen zu einem Stillstand, es waren nur noch die USA und Europa mit
einbezogen, die verbleibenden 13 Nationen der OECD waren marginalisiert.

Dieses Gesetz illustriert die Massnahmen, die die USA in ihrem Wirtschafiskrieg
gegen Kuba ergriffen haben. Die exterritoriale Natur dieser und anderer
Massnahmen gaben Anlass für eine Situation, in der die Europäische Union die
Schaffüng einer speziellen Abteilung innerhalb der WTO beantragte, was am
20.11.1996 angenommen wurde. In der Folge wurde am 11.4.1997 eine Übereinkunfi
auf der Grundlage der speziellen Verpflichtung der Vereinigten Staaten bezüglich der
Ergänzung und Modifikation des Helms-Burton-Gesetzes erzielt. Die Europäische
Union, die die WTO nicht schwächen wollte, setzte die Aktivitäten für die Eröffnung
einer speziellen Abteilung provisorisch aus.
In einem überraschenden und ausgeklügelten Manöver wechselten die USA die
Position, vom selbst unter Nachforschung stehenden zu einer, von der aus sie selbst
neue Regeln des Internationalen Rechts innerhalb der WTO aufzwingen, und
versuchen, im MAI rückwirkend die - ihrer Meinung nach - illegale Natur der in den
1950ern durchgeführten Verstaatlichungen festzuschreiben.
Dieses Datum stimmt zufällig überein mit dem Sieg der Revolution in Kuba, und das
Prinzip ist auch anwendbar auf jede Verstaatlichung, die in anderen Ländern nach
1959 stattgefunden hat. Auf diese Art und Weise versuchen sie, die Grundsätze des
Helms-Burton-Gesetzes zu internationalisieren, unter dem Schirm eines
multilateralen Abkommens. Dieses Gesetz, das in keiner Weise geändert wurde,
transformiert willkürlich Menschen, die zur Zeit der Enteignung kubanische Bürger
waren, in US-Bürger, die Enteignungen erlitten haben.
Die Blockade war ihrer Natur nach seit bedenkenswerter Zeit exterritorial, sogar vor
der Inkraftsetzung dieses beschämenden Gesetzes. Jeder US-Firma, mit Firmensitz
in irgendeinem Land, wird von der US-Regierung der Handel mit Kuba verboten. Das
ist eine Verletzung der Souveränität und dadurch exterritorialer Natur.
Die Welt hat gute Gründe, sich herabgesetzt zu fühlen und betroffen, und die WTO
sollte in der Lage sein, wirtschaftlichen Genozid zu verhindern. Jede Differenz, die
möglicherweise zwischen den USA und der EU wegen dieses Gesetzes besteht,
sollte nicht zu Lasten Kubas bereinigt werden. Das wäre eine unvorstellbare
Entehrung für Europa.

Die Übereinkünfte von London gestern sind verwirrend, widersprüchlich, eine Bedrohung für viele Länder und komplett unethisch. Die Wirtschaftsblockade hat Kuba bereits $60 Mrd. gekostet.
In den letzten Jahren haben die USA mehr als 40 Gesetze und Durchführungsverordnungen verabschiedet, um unilateral wirtschaftliche Sanktionen gegen 75 Nationen, die 42% der Weltbevölkerung repräsentieren, zu verhängen. Die USA haben beinahe alles erreicht, was sie durch die Abkommen, die die WTO aufwerten, erreichen wollten, insbesondere durch die Allgemeine Übereinkunft über Dienstleistungen, ein lang gehegter Traum von ihnen. Desgleichen in den Abkommen über geistiges Eigentum in Bezug auf den Handel, ein Gebiet, auf dem sie eine privilegierte Position innehaben dank ihrer technologischen Entwicklung und ihrem systematischen Zugriff auf die besten Gehirne der Welt. Einige ihrer Patente haben Exklusivrechte für 50 Jahre festgeschrieben. Nun haben sie bereits weitere Übereinkünfte, die von weiterem grossen Nutzen für die USA sind, erreicht.
Darüber hinaus haben die USA das bemerkenswerte Privileg, das Geld zu drucken,
in dem die meisten ausländischen Wahrungsreserven in Zentralbanken und
Handelsbankdepots in der Welt gehalten werden. Während sie das Land sind,
dessen Bürger am wenigsten sparen, kaufen ihre Transnationalen Konzerne die
Reichtümer der Welt mit Geld, das von den Bürgern anderer Länder gespart wurde,
und mit Banknoten, die ohne die in Bretton-Woods vereinbarte Gold-Deckung, die
1971 unilateral eliminiert wurde, gedruckt werden.
Und daher: Wenn der EURO als starke und angesehene Wähung etabliert wird, wird
er willkommen geheissen, denn er wird der Weltwirtschaft zum Guten dienen.
Neue Themen, die von reichen Ländern in die Diskussion in der WTO eingeführt
werden, bedrohen die Wettbewerbschancen von Entwicklungsländern unter
Bedingungen, die bereits so schwierig und ungleich sind, dass sie zweifellos als
perfekte Vorbereitung dienen werden für die Einführung von Zollfreiheitsgrenzen,
oder den Zugang von Produkten aus Entwicklungsländern zum Markt verhindern
werden.
Drittweltländer haben schrittweise alles verloren: Zölle, die sich entwickelnde
Industrien schützten und Einkommen schufen, Übereinkünfte über Basisprodukte,

Zusammenschlüsse der Produzenten, Preisbindungen, bevorzugte Behandlung oder
irgendeinen anderen Mechanismus, um den Wert ihrer Exporte zu schützen und
Entwicklung zu ermutigen.
Was wird uns angeboten? Warum werden die ungerechten und ungleichen
Handelsbedingungen nicht benannt? Warum erwähnen wir nicht langer die
unerträgliche Last der Auslandsschulden? Warum wird die Entwicklungshilfe
gekappt?
Wenn alle entwickelten Länder das Gleiche täten wie Norwegen, könnten die Länder
der Dritten Welt $200 Mrd. für die Entwicklung erwarten. Norwegens Beispiel sollte
gefolgt werden. Wie werden wir leben? Welche Güter und Dienstleistungen werden
wir exportieren? Welche Industrieprodukte werden sie uns lassen? Nur Niedrig-
Technologie und arbeitsintensive und abgasintensive Produktion? Wird ein Versuch
gemacht, den grössten Teil der Dritten Welt in eine Freihandelszone zu verwandeln,
voll mit maquiladoras, die noch nicht einmal Steuern zahlen? Warum verhindert die
grösste wirtschaftliche Macht der Welt den Beitritt von China, das 1/5 der Bewohner
dieses Planeten hat? Warum verhindern sie den Beitritt von Russland und anderen
Ländern? Kein Land, gross oder klein, kann oder darf ausgeschlossen werden von
dieser wichtigen Institution oder den Beitritt nur zu herabwürdigenden Bedingungen
gestattet bekommen.
Wir Entwicklungsländer können uns nicht erlauben, gespalten zu sein. Einheit ist die
einzige Waffe, die wir haben, die einzige Garantie für unsere legitimen Ansprüche.
Die von uns, die bis gestern Kolonien waren und heute immer noch unter den Folgen
dieser Vergangenheit, Armut und Unterentwicklung, leiden, sind die Mehrheit in
dieser Organisation. Jeder von uns hat eine Stimme, und die müssen wir verwandeln
in ein Instrument des Kampfes für eine bessere und gerechtere Welt. Wir müssen
uns ausserdem verlassen auf verantwortungsbewusste Staatsmänner, die ohne
Zweifel in vielen entwickelten Ländern existieren und die sensibel sind für unsere
Situation.
In der Mitte von so viel Euphorie kann niemand für den Bestand des US-Wirtschaftssystems, das von den blinden Gesetzen des Marktes regiert wird, garantieren. Niemand kann verhindern, dass die Finanzluftblase platzt.

Es gibt keine ökonomischen Wunder. Das ist zur Genüge gezeigt worden. Die absurd
aufgeblähten Aktienpreise auf dem US-Aktienmarkt - obwohl sie zweifellos die
stärkste Ökonomie der Welt sind - können nicht aufrechterhalten werden. In solchen
Situationen hat die Geschichte keine Ausnahmen aufgezeigt, aber jetzt wird jede
grosse Krise eine globale sein und undenkbare Konsequenzen haben, sogar für die
von uns, die Gegner des etablierten Wirtschaftssystems sind. Es wäre gut für die
Welthandelsorganisation, diese Risiken einzuschätzen und aufzunehmen unter ihre
sogenannten neuen Diskussionsthemen: Was ist zu tun im Fall einer weiteren
Weltwirtschaftskrise?
Vielen Dank.

Freitag, 17. Oktober 1997

Rede von Fidel Castro bei der Ankunft der sterblichen Überreste von Ernesto Che Guevara und weiterer compañeros am Mausoleum in Santa Clara

Rede von Fidel Castro bei der Ankunft der sterblichen Überreste von Ernesto Che Guevara und weiterer compañeros am Mausoleum in Santa Clara, Cuba, 17. Oktober 1997

Werte Hinterbliebene, werte Angehörige der Compañeros!
Sehr geehrte Gäste!
Liebe Einwohner von Villa Clara!
Liebe Landsleute!
Tief bewegt durchleben wir gemeinsam einen einmaligen Augenblick.
Wir sind nicht gekommen, um uns von Che und seinen heroischen compañeros zu
verabschieden.
Wir sind gekommen, um sie zu begrüßen, sie zu begrüßen als Avantgarde
unbesiegbarer Kämpfer, die nicht nur Kubaner sind, sondern Lateinamerikaner, die
gekommen sind, um an unserer Seite zu kämpfen und neue Kapitel der Geschichte
und des Glanzes zu schreiben.
Ches Rolle als Streiter für die Revolution wächst täglich und unaufhörlich, und er
wirkt als Vorbild in vielfacher Weise. Er ist ein moralischer Gigant.
Wie könnte er sich je für uns in ein Denkmal verwandeln?
Wie könnte er je auf diesem Platz begraben sein?
Wie könnte er lediglich auf unserer geliebten, aber kleinen Insel verehrt werden?
Nur in der Welt, von der er geträumt hat, für die er gelebt hat und für die er gekämpft hat, gibt es einen entsprechenden Platz für ihn.
Seine Person wird noch bedeutsamer werden, je mehr Ungerechtigkeit, je mehr
Ausbeutung, je mehr Ungleichheit, je mehr Arbeitslosigkeit, je mehr Armut, Hunger
und Not in der Gesellschaft herrschen werden.
Die Werte, für die er kämpfte, werden noch kostbarer, je mehr das Streben des
Imperialismus nach Vorherrschaft und Macht anwächst, zum Nachteil der Rechte,
insbesondere der unterentwickelten und armen Völker, die Jahrhunderte lang
Kolonien und Sklaven des Westens gewesen sind.
Sein tiefes humanistisches Streben wird um so stärker im Kontrast stehen zu
wachsendem Mißbrauch, Egoismus, Entfremdung und Diskriminierung der Indios,
der ethnischen Minderheiten, der Frauen und der Einwanderer, je mehr Kinder
millionenfach Opfer des Sextourismus oder der erzwungenen Kinderarbeit werden, je
mehr Ignoranz, Umweltbelastung, Unsicherheit und Schutzlosigkeit es geben wird.
Je korrupter, demagogischer und heuchlerischer Politiker auf dieser Welt sind, desto
herausragender wird sein klarer, revolutionärer und konsequenter Charakter
hervortreten.
Seine Tapferkeit und revolutionäre Integrität wird noch mehr bewundert werden, je
mehr Feiglinge, Opportunisten und Verräter auf der Bildfläche erscheinen; sein
unbeugsamer Wille wird noch offensichtlicher, je mehr skrupellose Menschen
auftreten. Sein Ehrgefühl und seine Würde werden noch mehr hervortreten, je mehr
Leute ihre Integrität verlieren. Noch mehr wird sein Glaube an die Menschheit im
Gegensatz zu den anwachsenden Skeptikern beeindrucken. Noch mehr wird sich
sein Optimismus gegenüber den Pessimisten verdeutlichen. Noch mehr wird seine
Kühnheit sichtbar gegenüber der wachsenden Zahl von Unschlüssigen; noch mehr
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seine Strenge, sein Wissensdrang und seine Arbeitsmoral im Vergleich zu den
Ausbeutern, die durch Luxus und Müßiggang die Produkte der Arbeit anderer
verschwenden.
Che war ein echter Kommunist und ist heute ein Vorbild für jeden Revolutionär und
Kommunisten.
Che war ein Lehrer und Leitbild für Männer von seinesgleichen. Konsequent in
seinen Handlungen, hat er immer das getan, was er sagte, und nie aufgehört von
sich selbst mehr zu verlangen als von den anderen.
Immer wenn ein Freiwilliger für eine schwierige Aufgabe gebraucht wurde, meldete er
sich als erster, sowohl im Krieg als auch im Frieden. Seine großen Ideale hat er
immer der Bereitschaft geopfert, sein Leben zu verlieren. Für ihn schien nichts
unerreichbar, und er war fähig, das Unmögliche möglich zu machen.
Die Invasion von der Sierra Maestra über weite und ungeschützte Täler und die
Einnahme der Stadt Santa Clara mit nur wenigen Männern zeugen davon, zu
welchen heroischen Taten er fähig war.
Seine Pläne, die Revolution aus ihrem Ursprungsland in andere Länder Südamerikas
zu tragen, waren trotz der enormen Schwierigkeiten nicht unmöglich. Wenn sie
gelungen wären, wäre die Welt vielleicht heute anders. Vietnam hat gezeigt, daß
man gegen die Kriegmaschinerie des Imperialismus kämpfen und siegen konnte. Die
Sandinisten haben gegen eine der mächtigsten Marionetten der Vereinigten Staaten
gesiegt. Die salvadorianischen Revolutionäre hätten beinahe den Sieg erreicht.In
Afrika wurde die Apartheid besiegt, obwohl sie über Atomwaffen verfügte. China ist
heute, Dank des aufopferungsvollen Kampfes seiner Bauern und Arbeiter, eines der
Länder mit den weitreichendsten Perspektiven in der Welt. Hongkong, größter
Drogenumschlagplatz der Welt, mußte nach 150 Jahren Besatzung wieder seinem
Mutterland zurückgegeben werden.
Nicht jede Epoche und Etappen des Kampfes erfordert dieselbe Strategie und Taktik.
Aber nichts kann den Verlauf der Geschichte aufhalten. Ihre objektiven Gesetze sind
ewig gültig. Che hat sich auf diese Gesetze berufen und hatte einen absoluten
Glauben an die Menschheit. Oft haben die Kämpfer und Revolutionäre der
Menschheit nicht das Privileg, ihre Träume sofort Realität werden zu lassen. Aber
früher oder später haben sie gesiegt.
Ein Kämpfer kann sterben, aber seine Ideen nicht. Was suchte ein Mann der
Regierung der Vereinigten Staaten dort, wo Che verwundet und gefangen war?
Warum dachten sie, daß sie seinen Ruf töten können, wenn sie ihn als Kämpfer
töten? Jetzt ist er nicht mehr in La Higuera. Doch er ist überall, überall dort, wo es eine gerechte Sache zu verteidigen gilt. Diejenigen, die daran interessiert waren, ihn zu vernichten und vergessen zu machen, waren dazu nicht in der Lage. Sie hatten
nicht verstanden, daß er schon zum unauslöschbaren Kämpfer der Geschichte und
— mit seinem leuchtenden, weitsichtigen Blick — zum Symbol für Tausende Arme
dieser Welt geworden war. Alle, die von ihm wußten, alle ehrlichen Leute in der
ganzen Welt — Kinder, Jugendliche, Alte, Männer und Frauen — bewunderten ihn
unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.
Che kämpft und gewinnt jetzt noch mehr Schlachten als je zuvor.
Danke Che, für deine Taten, für dein Leben und für dein Vorbild!
Danke, daß du heute zur Verstärkung unseres schwierigsten Kampfes, um die Rettung deiner Ideen, gekommen bist; zur Rettung der Revolution, des Vaterlands und der Errungenschaften des Sozialismus, die ein Teil der großen Träume sind, die
du hattest! Um diese Heldentat zu vollbringen, um die imperialistischen Pläne gegen
Kuba zu vernichten, um der Blockade standzuhalten, um den Sieg zu erlangen,
zählen wir auf dich.
Wie du siehst, dieses Land, das auch dein Land ist, dieses Volk, das dein Volk ist,
diese Revolution, die auch deine Revolution ist, hißt immer noch mit Stolz und Ehre
die Flagge des Sozialismus.
Willkommen compañeros! Heroische Kämpfer! Die Schützengräben des Ideen und
der Gerechtigkeit, die ihr zusammen mit unserem Volk verteidigen werdet, wird der
Feind niemals erobern! Und zusammen werden wir weiter für eine bessere Welt
kämpfen!

Wir kämpfen weiter bis zum Sieg! - Hasta la victoria siempre!

Samstag, 16. November 1996

Rede des Comandante en Jefe Fidel Castro Ruz vor dem Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen in Rom am 16.11.1996

Der Hunger, unzertrennlicher Wegbegleiter der Armen, ist ein Produkt der ungleichen
Verteilung des Reichtums und der Ungerechtigkeiten auf dieser Welt. Die Reichen kennen keinen Hunger.
Der Kolonialismus ist einhergegangen mit Unterentwicklung und Armut, unter denen heute ein Grossteil der Menschheit zu leiden hat. Ebenso geht er einher mit himmelschreiendem Überfluss und Verschwendung in den Konsumgesellschaften der alten Metropolen, die einen Grossteil der Länder dieser Erde ausgeplündert haben.
Für den Kampf gegen Hunger und Ungerechtigkeit sind weltweit Millionen von Menschen gestorben. Welche Heilpflästerchen werden wir einsetzen, damit es in 20 Jahren 400 Millionen anstatt 800 Millionen Hungernde gibt? Eine solche Zielmarke ist allein aufgrund ihrer Bescheidenheit eine Schande. Wenn Tag für Tag 35000 Menschen verhungern, die Hälfte davon Kinder, warum werden dann in den entwickelten Ländern ganze Haine von Olivenbäumen abgeholzt, Viehherden geschlachtet und riesige Summen ausgegeben, um die Ackerböden brachliegen zu lassen?
Wenn die Welt sich mit Recht über Unglücke, Natur- oder Sozialkatastrophen empört, durch die Hunderte oder Tausende von Menschen ums Leben kommen, warum empört sie sich nicht über diesen Völkermord, der tagtäglich vor unseren Augen geschieht? Es werden Interventionstruppen aufgestellt, um den Tod Hunderttausender von Menschen im Osten Zaires zu verhindern. Was tun wir, um zu verhindern, dass Monat für Monat eine Million Menschen in der übrigen Welt sterben?
Kapitalismus, Neoliberalismus, die Gesetze eines ungezügelten Marktes, Auslandsverschuldung, Unterentwicklung, ungerechte Austauschverhältnisse sind verantwortlich für den Tod so vieler Menschen auf der Welt. Warum werden jährlich 700 Milliarden Dollar für Militärausgaben eingesetzt und nicht ein Teil dieser Ressourcen darauf verwendet, um den Hunger zu bekämpfen und gegen die Verschlechterung der Böden, die Versteppung und Abholzung von Millionen von Hektar Wald pro Jahr, die Erwärmung der Erdatmosphäre und den Treibhauseffekt vorzugehen, der zu einem gehäuften Auftreten von Wirbelstürmen führt und Regenfälle entweder ausbleiben oder zu stark werden lässt, um die Zerstörung der Ozonschicht und weitere Naturereignisse zu verhindern, die die Nahrungsmittelproduktion und das Leben der Menschen auf der Erde gefährden?
Die Gewässer werden verschmutzt, die Atmosphäre wird vergiftet, die Natur wird zerstört. Es geht nicht nur um mangelnde Investitionen, fehlende Bildung und Technologie oder um das rasche Bevölkerungswachstum. Es geht darum, dass sich die Umweltbedingungen ständig weiter verschlechtern und die Zukunft zunehmend weiter aufs Spiel gesetzt wird.
Warum werden nach dem Ende des Kalten Krieges immer ausgeklügeltere Waffen produziert? Wozu will man diese Waffen überhaupt, wenn nicht , um die Welt zu beherrschen? Wozu diese gnadenlose Konkurrenz um den Verkauf von Rüstungsgütern an unterentwickelte Länder, die dadurch nicht mehr Macht zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit erhalten und in denen Hunger das einzige ist, das es aus dem Weg zu räumen gilt?
Warum wird diese verbrecherische Politik ausserdem noch durch absurde Blockaden ergänzt, die sogar Nahrungsmittel und Medikamente einschliessen, um so ganze Völker durch Hunger und Krankheit zu töten? Wo bleibt die Ethik, die Rechtfertigung, die Achtung der elementaren Menschenrechte, der Sinn einer solchen Politik?
Möge die Wahrheit herrschen und nicht Heuchelei und Lüge. Machen wir uns bewusst, dass in dieser Welt Hegemoniebestrebungen, Arroganz und Egoismus ein Ende haben müssen.
Heute schlägt die Stunde denen, die Tag für Tag an Hunger sterben. Morgen wird sie der gesamten Menschheit schlagen, wenn sie nicht willens, fähig oder in der Lage ist,
weise genug zu sein, um sich selbst zu retten.

Freitag, 12. Juni 1992

Fidel Castro auf der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro

Rede des Comandante en Jefe, Fidel Castro Ruz, erster Sekretär des Zentralkomitees der kommunistischen Partei Kubas und Präsident des Staats- und Ministerrats, auf der UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung, gehalten am 12. Juni 1992, "Jahr 34 der Revolution", in Rio de Janeiro, Brasilien

Geehrter Präsident Brasiliens, Herr Fernando Collor de Mello;
Geehrter Generalsekretär der UNO, Herr Butros Ghali;

Exzellenzen:
Eine bedeutende biologische Gattung ist aufgrund der schnellen und progressiven Beseitigung ihrer natürlichen Lebensbedingungen vom Aussterben bedroht: der Mensch.
Wir werden uns jetzt dieses Problems bewusst, wo es fast zu spät ist, es zu verhindern. Es muss darauf verwiesen werden, dass die Konsumgesellschaften die Hauptverantwortlichen für die grausame Vernichtung der Umwelt sind. Sie entstanden aus den ehemaligen Kolonialmetropolen und der imperialen Politik, die die Rückständigkeit und die Armut verursachte, welche heute die immense Mehrheit der Menschheit geißeln. Obwohl nur 20 Prozent der Weltbevölkerung in ihnen leben, verbrauchen sie zwei Drittel des Metalls und drei Viertel der Energie, die auf der Welt erzeugt wird. Sie haben die Meere und Flüsse vergiftet, die Luft verschmutzt, die Ozonschicht geschwächt und Löcher in ihr entstehen lassen, haben die Atmosphäre mit Gasen angereichert, die die klimatischen Bedingungen beeinträchtigen, was katastrophale Auswirkungen hat, die wir schon zu spüren beginnen.
Die Wälder verschwinden, die Wüsten weiten sich aus, Milliarden Tonnen fruchtbarer Erde enden jährlich im Meer. Zahlreiche Arten sterben aus. Der aus dem Bevölkerungszuwachs resultierende Druck und die Armut führten zu verzweifelten Maßnahmen, um selbst auf Kosten der Natur das Überleben zu sichern. Man kann dafür nicht die Länder der Dritten Welt beschuldigen, die gestern Kolonien waren und heute durch die ungerechte Weltwirtschaftsordnung ausgebeutete und ausgeplünderte Nationen sind.
Die Lösung kann nicht sein, die Entwicklung jener zu verhindern, die sie am meisten brauchen. Wahr ist, dass alles, was heute zur Unterentwicklung und zur Armut beiträgt, offenkundig die Ökologie beeinträchtigt. Zig Millionen Männer, Frauen und Kinder sterben jährlich in der Dritten Welt infolge dessen, mehr als in den beiden Weltkriegen. Der ungleiche Austausch, der Protektionismus und die Auslandsverschuldung greifen die Ökologie an und fördern die Zerstörung der Umwelt.
Wenn man die Menschheit vor der Selbstzerstörung retten will, müssen die Reichtümer und die verfügbaren Technologien des Planeten besser verteilt werden. Weniger Luxus und weniger Verschwendung in einigen wenigen Ländern, damit weniger Armut und weniger Hunger in großen Teilen der Erde herrscht. Kein Transfer von umweltzerstörenden Lebensstilen und Konsumgewohnheiten mehr in die Dritte Welt. Das menschliche Leben muss rationaler werden. Eine gerechte internationale Wirtschaftsordnung muss durchgesetzt werden. Alle notwendigen wissenschaftlichen Forschungen sollen für eine nachhaltige Entwicklung ohne Umweltverschmutzung eingesetzt werden. Es soll der Hunger verschwinden und nicht der Mensch.
Jetzt ist die angebliche Bedrohung durch den Kommunismus nicht mehr da, und es bleiben keine Vorwände für kalten Krieg, Wettrüsten und Militärausgaben. Was hindert daran, diese Mittel sofort einzusetzen, um die Entwicklung der Dritten Welt zu fördern und die Gefahr der ökologischen Zerstörung des Planeten zu bekämpfen? Schluss mit dem Egoismus, Schluss mit dem Vorherrschaftsbestreben, Schluss mit der Gefühllosigkeit, der Unverantwortlichkeit und dem Betrug. Morgen wird es zu spät sein für das, was wir schon lange gemacht haben müssten.

Danke.

(OVATION)