Sonntag, 7. März 2010

Die Gefahren, die uns drohen

Reflexionen des Genossen Fidel: Die Gefahren, die uns drohen

Es handelt sich nicht um eine Frage der Ideologie in Bezug auf die unvermeidbare Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist und möglich sein muss.

Es ist bekannt, dass es den Homo sapiens seit circa 200.000 Jahren gibt, was einem sehr kurzen Zeitabschnitt im Vergleich zu jenem Moment entspricht, zu dem vor ungefähr drei Millionen Jahren die ersten Formen eines elementaren Lebens auf unserem Planeten entstanden sind.

Die Antworten auf die unergründlichen Rätsel des Lebens und der Natur trugen vorwiegend religiösen Charakter. Es wäre sinnlos zu erwarten, dass es anders wäre, und ich bin überzeugt, dass es niemals aufhören wird, so zu sein. Je weiter die Wissenschaft in der Deutung des Universums, von Raum und Zeit, von Materie und Energie, in der Deutung der unendlichen Galaxien und der Theorien über den Ursprung der Sternbilder und Sterne, der Atome und Bestandteile derselben, die im Ursprung des Lebens standen und der Kürze desselben, und der Abermillionen Kombinationen pro Sekunde, die seine Existenz bestimmen, fortschreitet, desto mehr Fragen wird sich der Mensch auf der Suche nach Erklärungen stellen, die immer vielschichtiger und schwieriger sein werden.

Je mehr sich die Menschen darin vertiefen, Antworten auf so tiefgehende und komplexe, im Zusammenhang mit der Intelligenz stehende Aufgaben zu suchen, desto mehr werden sich jene Bemühungen lohnen, sie aus ihrer kolossalen Ignoranz über die realen Möglichkeiten dessen, was unsere Gattung geschaffen hat und zu schaffen in der Lage ist, zu befreien. Zu leben und das zu ignorieren, das ist die totale Verneinung unseres menschlichen Naturells.

Eines ist jedoch vollkommen wahr – sehr Wenige ahnen, wie nahe das Aussterben unserer Gattung sein kann. Vor knapp 20 Jahren, auf einem Weltgipfeltreffen über die Umwelt in Rio de Janeiro, habe ich diese Gefahr vor einem ausgewählten Publikum von Staats- und Regierungschefs behandelt, welches respektvoll und interessiert zuhörte, wenn auch absolut nicht besorgt wegen dem Risiko, dass es Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende entfernt wähnte. Sie waren der Meinung, dass mit Sicherheit die Technik und die Wissenschaft und außerdem ein elementarer Sinn der politischen Verantwortung in der Lage sein würden, dem begegnen zu können. Mit einem großen Foto wichtiger Persönlichkeiten, darunter die mächtigsten und einflussreichsten, fand jener wichtige Gipfel seinen glücklichen Abschluss. Es war keinerlei Gefahr vorhanden.

Über den Klimawechsel wurde kaum gesprochen. George Bush senior und andere glänzende führende Persönlichkeiten des Atlantikpakts genossen den Sieg über das europäische sozialistische Lager. Die Sowjetunion war in ihre Bestandteile aufgelöst und ruiniert worden. Riesige Mengen russischer Währung wurden den westlichen Banken übertragen, die Wirtschaft der Sowjetunion wurde desintegriert und ihr Verteidigungsschild gegenüber den NATO-Stützpunkten war demontiert worden.

Der ehemaligen Supermacht - die über 25 Millionen ihrer Söhne und Töchter im Zweiten Weltkrieg gegeben hatte - verblieb nur die Fähigkeit zur strategischen Antwort als Atommacht. Macht, die sie sich zu schaffen gezwungen sah, nachdem die Vereinigten Staaten im Geheimen die Atomwaffe entwickelt hatten, die sie auf zwei japanische Städte abwarfen, als der durch den unaufhaltsamen Vormarsch der alliierten Truppen besiegte Gegner schon nicht mehr zu kämpfen in der Lage war.

So begann der Kalte Krieg und die Herstellung von tausenden von atomaren, immer zerstörerischeren und in höherem Grade genauen Waffen, die in der Lage sind, die Erdbevölkerung mehrfach zu beseitigen. Die atomare Konfrontation ging jedoch weiter, die produzierten Waffen hatten eine immer größere Genauigkeit und Zerstörungskraft. Russland findet sich nicht mit der unipolaren Welt ab, die Washington aufzwingen möchte. Andere Nationen wie China, Indien und Brasilien machen sich mit außergewöhnlicher Wirtschaftsstärke bemerkbar.

Zum ersten Male hat die menschliche Gattung – in einer globalisierten Welt voller Widersprüche – die Fähigkeit geschaffen, sich selbst zu zerstören. Hierzu kommen noch Waffen von nie da gewesener Grausamkeit hinzu, wie zum Beispiel die bakteriologischen und chemischen, Waffen mit Napalm und weißem Phosphor, die gegen die Zivilbevölkerung zur Anwendung kommen, was vollkommene Straflosigkeit genießt, die elektromagnetischen Waffen und andere Formen der Ausrottung. Kein Winkel in den Tiefen der Erde bzw. der Meere würde außer Reichweite der heutigen Kriegsmittel bleiben.

Es ist bekannt, dass auf diesen Wegen zehntausende atomare Vorrichtungen geschaffen worden sind, sogar tragbare.

Die größte Gefahr geht von der Entscheidung von Führungskräften mit Befugnissen zu solchen Entscheidungen aus, davon, dass die in der menschlichen Natur so häufigen Dinge wie der Irrtum und der Wahnsinn zu unglaublichen Katastrophen führen können.

Es sind knapp 65 Jahre vergangen, seitdem die ersten beiden atomaren Vorrichtungen durch die Entscheidung eines sehr mittelmäßigen Individuums, das nach dem Tod von Roosevelt das Kommando über die mächtige und reiche US-amerikanische Macht bekam, explodiert sind. Heute verfügen acht Länder über solche Waffen, die meisten durch die Unterstützung seitens der Vereinigten Staaten, und einige weitere verfügen über die Technologie und die Mittel, um diese in kurzer Zeit herstellen zu können. Terroristische, vor Hass verrückte Gruppen, könnten in der Lage sein, auf diese zurückzugreifen, ebenso wie terroristische und verantwortungslose Regierungen aufgrund ihrer völkermörderischen und unbeherrschbaren Verhaltensweise nicht davor zurückschrecken würden, diese anzuwenden.

Die Rüstungsindustrie ist die blühendste aller Industrien und die Vereinigten Staaten sind der größte Waffenexporteur.

Wenn sich unsere Gattung von all den genannten Gefahren befreit, dann besteht eine noch größere, oder zumindest in noch höherem Grade unvermeidbare: der Klimawechsel.

Die Menschheit zählt heute sieben Milliarden Menschen und wird bald, d. h. in 40 Jahren, die neun Milliarden erreichen, eine neun Mal größere Zahl als vor kaum 200 Jahren. Ich wage anzunehmen, dass es zu Zeiten des antiken Griechenlands circa 40 Mal weniger Menschen auf der Erde gab.

Das Erstaunliche unserer Zeitepoche ist der Widerspruch zwischen der imperialistischen bürgerlichen Ideologie und dem Überleben der Gattung. Es geht schon nicht mehr darum, dass es die Gerechtigkeit unter den Menschen geben soll, was heute mehr als möglich und unverzichtbar ist; sondern es geht um das Recht und die Möglichkeiten zum Überleben derselben.

Wenn der Kenntnishorizont sich bis zu jemals auch nur gedachten Endlosigkeiten erweitert, dann ist er dem Abgrund näher, zu dem die Menschheit geführt wird. Alle bis heute bekannten Leiden sind kaum ein Schatten dessen, was der Menschheit noch bevorstehen kann.

In nur 71 Tagen gab es drei Ereignisse, welche die Menschheit nicht übersehen kann.

Am 18. Dezember 2009 hat die internationale Staatengemeinschaft die größte Schlappe der Geschichte erlitten, und zwar bei ihrem Versuch, eine Lösung für das dringendste Problem zu finden, das die Welt in diesem Augenblick bedroht: Die Notwendigkeit, mit aller Dringlichkeit die Emissionen von Treibhaus-Gasen einzustellen, die gegenwärtig das schwerwiegendste Problem verursachen, dem die Menschheit bis heute gegenüber gestanden hat. Nach jahrelangen Vorbereitungen die auf das Kyoto-Protokoll folgten, dessen Ignorierung sich die US-amerikanische Regierung ― der größte Umweltverschmutzer auf der Erde ― leistete, waren alle Hoffnungen auf den Gipfel von Kopenhagen gesetzt worden. Der Rest der Weltgemeinschaft, 192 Länder, diesmal einschließlich der Vereinigten Staaten, hatten sich zum Abschluss einer neuen Vereinbarung verpflichtet. Der US-amerikanische Versuch, ihre hegemonischen Interessen aufzuzwingen, war dermaßen schändlich, dass sie unter Missachtung der elementarsten demokratischen Prinzipien versuchten, kraft bilateraler Vereinbarungen mit einer Gruppe der einflussreichsten Mitgliedsländer der Vereinten Nationen, auf nichtdemokratische Weise unannehmbare Bedingungen für die restliche Welt festzulegen.

Die Staaten, die diese internationale Organisation bilden, wurden zur Unterzeichnung eines Dokuments aufgefordert, welches eine Verspottung darstellt. In diesem Dokument wird über künftige, rein theoretische Beiträge zur Dämpfung des Klimawandels gesprochen.

Es waren noch keine drei Wochen vergangen, als am späten Nachmittag des 12. Januar Haiti, das ärmste Land der Hemisphäre und das erste, dass das verhasste Sklavereisystem abschaffte, die größte je bekannte Naturkatastrophe der Geschichte dieses Erdteiles erlitten hat: Ein Erdbeben von 7,3 Grad auf der Richter-Skala, in nur 10 Kilometer Tiefe und in sehr kurzer Entfernung seiner Küsten, suchte die Hauptstadt des Landes heim, in deren schwachen Lehm-Häuser die Mehrzahl jener Personen wohnten, die später tot aufgefunden bzw. vermisst wurden. Ein bergisches und erodiertes Land von 27 000 km2 Fläche, in dem das Brennholz praktisch der einzige Haushalt-Brennstoff für neun Millionen Menschen ist.

Wenn irgendwo auf dem Planeten eine Naturkatastrophe zu einer unermesslichen Tragödie wurde, dann in Haiti, einem Symbol von Armut und Unterentwicklung, wo die Nachkommen jener Menschen leben, die von den Kolonialisten aus Afrika gebracht wurden, um als Sklaven der weißen Herren zu arbeiten.

Dieses Ereignis erschütterte die Welt an allen Ecken und Enden des Planeten, der über das an das Unglaubliche grenzende, verbreitete Bildmaterial erschaudert ist. Die blutenden und schwer verletzten Verwundeten bewegten sich zwischen den Leichen und schrieen nach Hilfe. Unter den Trümmern lagen die leblosen Körper ihrer nahen Angehörigen. Die Zahl der Todesopfer überstieg laut amtlichen Berechnungen 200.000 Menschen.

Das Land war vorher schon von den MINUSTAH-Truppen interveniert worden, die von den Vereinten Nationen zur Wiederherstellung der von haitianischen Söldnertruppen zerrütteten Ordnung geschickt worden waren. Letztere hatten, ermuntert durch die Bush-Regierung, die vom haitianischen Volk gewählte Regierung angegriffen. Auch einige Gebäude, wo Soldaten und Befehlshaber der Friedenstruppen wohnten, sind eingestürzt, was schmerzhafte Opfer verursacht hat.

Laut amtlichen Meldungen wird geschätzt, dass außer den Toten etwa 400.000 Haitianer verletzt und mehrere Millionen, fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung, betroffen worden sind. Das war eine echte Prüfung für die Völkergemeinschaft, die nach dem beschämenden Gipfel in Dänemark die Pflicht hatte zu beweisen, dass die reichen Industrieländer in der Lage sein würden, den Bedrohungen für das Leben auf unserem Planet durch den Klimawandel die Stirn zu bieten. Haiti muss ein Vorbild dafür darstellen, was die reichen Länder für die Nationen der Dritten Welt gegenüber dem Klimawandel tun müssen.

Man kann es glauben oder nicht, und den meiner Meinung nach unwiderlegbaren Angaben der seriösesten Wissenschaftler des Planeten und der großen Mehrheit der sehr gebildeten und seriösesten Personen der Welt trotzen, die denken, dass beim aktuellen Erderwärmungsrhythmus die Treibhausgase die Temperatur nicht nur um 1,5 Grad sondern um bis zu 5 Grad erhöhen werden, und dass die durchschnittliche Temperatur bereits die höchste von den letzten 600 000 Jahren ist, einen Zeitpunkt, lange bevor die Menschen als Gattung auf dem Planeten existierten.

Absolut undenkbar ist, dass 9 Milliarden Menschen, die im Jahre 2050 die Welt bewohnen werden, solch eine Katastrophe überleben können. Es bleibt die Hoffnung, dass die Wissenschaft selbst eine Lösung für das Energieproblem findet, das heute dazu zwingt, in weiteren 100 Jahren den Rest der gasförmigen, flüssigen und festen Brennstoffe zu verbrauchen, für deren Erschaffung die Natur 400 Millionen Jahre gebraucht hat. Die Wissenschaft kann vielleicht eine Lösung für die notwendige Energie finden. Die Sache ist zu wissen, wie lange und zu welchen Kosten die Menschen das Problem meistern können, das nicht das einzige ist, denn viele andere nicht erneuerbare Mineralien und schwere Probleme bedürfen einer Lösung. Ausgehend von allen heute bekannten Begriffen können wir uns folgender Tatsache sicher sein: Wenn man mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometern pro Sekunde reisen würde, dann befindet sich der nächstgelegene Stern 4 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt. Ein Raumschiff braucht vielleicht tausende Jahre, um diese Entfernung zurückzulegen. Der Mensch hat keine andere Wahl, als auf diesem Planet zu leben.

Es würde unnötig erscheinen, das Thema zu behandeln, wenn nicht knapp 54 Tagen nach dem Erdbeben in Haiti ein unglaubliches Beben mit der Stärke von 8,8 Grad auf der Richterskala in Chile eine weitere menschliche Katastrophe hervorgerufen hätte. Das Epizentrum war 150 Km entfernt, lag in 47,4 km Tiefe und nordwestlich der Stadt Concepción. Es war nicht das größte Beben in der Geschichte dieses Bruderlandes, Überlieferungen zufolge gab es einmal eines mit der Stärke 9. Aber diesmal handelte es sich nicht nur um eine Erscheinung mit Erbebeneffekten. Während man in Haiti stundenlang ein Meeresbeben erwartet hat, das nicht stattgefunden hat, folgte auf das Erbeben in Chile ein großer Tsunami der in einer Zeitspanne von knapp 30 Minuten bis zu einer Stunde danach je nach der Distanz und laut Angaben die noch nicht detailliert bekannt sind, die chilenischen Küsten betroffen hat. Die großen Wellen erreichten Japan. Dank der fachlichen Erfahrungen der Chilenen auf dem Gebiet der Erdbebenangelegenheiten, ihrer solidereren Gebäude und größeren Mittel, hat die Naturkatastrophe nicht Zehn- oder sogar Hunderttausende Menschenleben gekostet. Offiziellen Angaben zufolge gab es dennoch ca. tausend Todesopfer und tausende Verletzte und vielleicht mehr als zwei Millionen Menschen haben materielle Schäden erlitten. Fast die gesamte Bevölkerung von 17.094.275 Einwohnern wurde vom Beben, das länger als zwei Minuten gedauert hat, sehr schwer betroffen und leidet immer noch unter seinen Auswirkungen, seinen wiederholten Nachbeben und den schrecklichen Szenen und Leiden, die der Tsunami an den tausenden Kilometern Küste hervorgerufen hat. Unser Land solidarisiert sich voll und ganz und unterstützt moralisch das materielle Bemühen, das die Internationale Gemeinschaft Chile zur Verfügung zu stellen verpflichtet ist. Falls es etwas gibt, das vom menschlichen Standpunkt aus gesehen in unserer Macht stünde, d.h. das wir für das chilenischen Brudervolk tun könnten, würde das kubanische Volk nicht zögern, das zu tun.

Ich denke, dass die Internationale Gemeinschaft verpflichtet ist, über die von beiden Völkern erlittene Tragödie sachlich zu berichten. Es wäre grausam, unfair und verantwortungslos die Völker der Welt nicht über die Gefahren, die uns bedrohen, zu belehren.

Die Wahrheit soll sich gegenüber der Gemeinheit und den Lügen durchsetzen, mit denen der Imperialismus die Völker betrügt und irreführt!


Fidel Castro Ruz

7. März 2010
21: 27 Uhr

Montag, 1. März 2010

Die jüngste Begegnung mit Lula

Reflexionen des Genossen Fidel: Die jüngste Begegnung mit Lula

Ich habe ihn im Juli 1980, vor dreißig Jahren, in Managua kennen gelernt, während der Feierlichkeiten anlässlich des ersten Jahrestages der Sandinistischen Revolution. Dies geschah dank meiner Kontakte zu den Anhängern der Befreiungstheologie, die ich während meines Besuchs bei Präsident Salvador Allende im Jahr 1971 in Chile aufzunehmen begonnen hatte.

Durch Frei Betto wusste ich, wer Lula war – ein Arbeiterführer, in den die linken Christen frühzeitig große Hoffnungen setzten.

Es handelte sich um einen einfachen Arbeiter der Metallindustrie, der sich durch seine Intelligenz und sein Prestige innerhalb der Gewerkschaften in jener großen Nation auszeichnete, welche aus der Finsternis der von dem Yankee-Imperium in den 60er Jahren aufgezwungenen Militärdiktatur emporstieg.

Die Beziehungen zwischen Brasilien und Kuba waren ausgezeichnet gewesen, bis die in der Hemisphäre herrschende Macht sie zum Erliegen brachte. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, bis sie langsam wieder zu dem wurden, was sie heute sind.

Jedes Land hat seine eigene Geschichte erlebt. In seinem Kampf gegenüber den Aggressionen des mächtigsten je in der Geschichte vorhandenen Imperiums hat unser Vaterland in den außergewöhnlichen, seit 1959 erlebten Etappen unglaublichen Druck ausgehalten.

Deshalb sind die gerade in Cancun stattgefundene Konferenz und die Entscheidung, eine Gemeinschaft der lateinamerikanischen Staaten und der Karibik zu schaffen, für uns von enormer Tragweite. Kein anderes institutionelles Ereignis des letzten Jahrhunderts in unserer Hemisphäre erreicht eine ähnliche Bedeutung.

Das Übereinkommen wurde inmitten der schwersten Wirtschaftskrise erreicht, die sich je in der globalisierten Welt ereignet hat, und fällt zusammen mit dem Zeitpunkt der größten Gefahr einer ökologischen Gefahr für unsere Gattung und zugleich mit dem Erdbeben, das Port-au-Prince, Hauptstadt von Haiti, zerstört hat, d.h. dem schmerzhaftesten menschlichen Desaster der Geschichte unserer Hemisphäre und in dem ärmsten Land des Kontinents, welches das erste war, das die Sklaverei abgeschafft hat.

Als ich diese Zeilen verfasste, nur sechs Wochen nach dem Tod gemäß offiziellen Angaben von über zweihunderttausend Menschen in jenem Land, erreichten uns dramatische Nachrichten der von einem weiteren Beben in Chile hervorgerufenen Schäden, wo die Zahl der Opfer offiziellen Angaben zufolge schon fast eintausend Menschen erreicht hat und riesige materielle Schäden verursacht wurden. Besonders bewegend waren die Bilder der Leiden von Millionen Chilenen, welche materiell und emotional durch diesen grausamen Schlag der Natur betroffen sind. Chile ist zum Glück ein Land mit mehr Erfahrung gegenüber solcher Art von Erscheinungen. Das Land ist wirtschaftlich viel besser entwickelt und verfügt über mehr Ressourcen. Wenn es nicht über solidere Infrastruktur und Gebäude verfügt hätte, dann wäre eine Unzahl von Menschen, vielleicht zehntausende oder sogar hunderttausende Chilenen, umgekommen. Man spricht von zwei Millionen Erdbebengeschädigten und von wahrscheinlichen Schäden zwischen 15 bis 30 Milliarden Dollar. Das Land kann ebenfalls mit der Solidarität und die Sympathien der Völker rechnen, darunter mit der unserer Bevölkerung, obwohl Kuba – dessen Regierung eine der ersten war, die Chile ihre Gefühle der Solidarität zum Ausdruck brachten, als die Nachrichtenverbindungen noch lahm lagen - aufgrund der Art der erforderlichen Kooperation wenig tun kann.

Das Land, das heute die Fähigkeit der Welt zur Bekämpfung des Klimawechsels und zur Absicherung des Überlebens der menschlichen Gattung auf die Probe stellt, ist ohne Zweifel Haiti, da es ein Symbol jener Armut darstellt, unter der heute Milliarden Menschen auf der Welt leiden, einschließlich ein bedeutender Anteil der Völker unseres Kontinents.

Das, was in Chile durch das Erdbeben mit der unglaublichen Stärke von 8,8 auf der Richterskala geschehen ist, - obwohl glücklicherweise in größerer Tiefe, als jenes Beben, das Port-au-Prince zerstört hat - zwingt mich, mit Nachdruck die Bedeutung und die Pflicht zu betonen, die in Cancún erreichten Schritte zur Einheit zu stimulieren. Obwohl ich mir keine Illusionen darüber mache, wie schwierig und komplex unser Kampf der Ideen gegenüber den Bemühungen des Imperiums und seiner Verbündeten innerhalb und außerhalb der Grenzen unserer Länder zur Vereitelung der Einheits- und Unabhängigkeitsaufgabe unserer Völker sein wird.

Ich möchte die Bedeutung und den Symbolgehalt, den der Besuch von Lula und die jüngste Begegnung mit ihm für mich vom persönlichen und revolutionären Standpunkt aus hatten, schriftlich festhalten. Er hat gesagt, dass er den Wunsch hatte, jetzt, kurz bevor seine Regierungszeit endet, seinen Freund Fidel zu besuchen – eine ehrenvolle Bezeichnung, die er mir gab. Ich bin der Meinung, ihn gut zu kennen. Wir haben uns nicht selten freundschaftlich unterhalten, sowohl in Kuba als auch außerhalb des Landes.

Einmal hatte ich die Ehre, ihn bei sich zu Hause zu besuchen, in einem einfachen Viertel von Sao Paulo, wo er mit seiner Familie lebte. Das war für mich eine bewegte Zusammenkunft mit ihm, seiner Ehefrau und seinen Kindern. Ich werde niemals die zwanglose und redliche Atmosphäre jenes Zuhauses vergessen, und die aufrichtige Zuneigung, mit der sich seine Nachbarn an ihn wendeten, als Lula schon ein angesehener Arbeiterführer und eine führende politische Persönlichkeit von Prestige war. Niemand wusste damals, ob er das Präsidentenamt von Brasilien erreichen würde oder nicht, da die sich ihm entgegenstellenden Interessen und Kräfte sehr bedeutend waren, aber mir gefiel es, mich mit ihm zu unterhalten. Lula hatte auch nicht sehr viel Interesse an dem Amt. Ihn befriedigte vor allem das Vergnügen zu kämpfen und er tat dies mit untadeliger Bescheidenheit. Dies bewies er zur Genüge als er, nachdem er dreimal von seinen mächtigen Gegnern besiegt worden war, nur auf starken Druck seiner aufrichtigsten Freunde einwilligte, sich zum vierten Mal von dem Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei) als Kandidat aufstellen zu lassen.

Ich werde nicht den Versuch unternehmen nachzuzählen, wie oft wir uns unterhalten haben, bevor man ihn zum Präsidenten wählte. Eines der ersten Male war Mitte der 80er Jahre, als wir in Havanna gegen die Auslandsschuld von Lateinamerika gekämpft haben, die damals 300 Milliarden Dollar betrug und mehr als einmal bezahlt worden war. Er ist ein geborener Kämpfer.

Dreimal haben ihn seine Gegner, gestützt auf ihre wirtschaftlichen Ressourcen und die Medien, an den Wahlurnen besiegt, wie ich schon erwähnte. Jedoch wir, seine engsten Mitarbeiter und Freunde, wussten, dass die Stunde gekommen war, dass jener einfache Arbeiter der Kandidat des Partido dos Trabalhadores und der linken Kräfte sei.

Mit Sicherheit haben seine Gegner ihn unterschätzt, sie dachten, dass er über keinerlei Mehrheit im gesetzgebenden Organ verfügen könnte. Die UdSSR gab es schon nicht mehr. Was würde Lula an der Spitze von Brasilien bedeuten können, einer Nation mit großen Reichtümern, aber mit einer geringen Entwicklung in Händen einer reichen und einflussreichen Bourgeoisie?

Jedoch, der Neoliberalismus begann, in Krise zu geraten, die Bolivarianische Revolution hatte in Venezuela gesiegt, Menem befand sich in steilen Absturz, Pinochet war von der Bühne verschwunden und Kuba hielt stand. Aber Lula wurde gewählt, als Bush betrügerisch in den Vereinigten Staaten die Wahlen gewann, indem er Al Gore seines Sieges beraubte.

Es begann eine schwierige Etappe. Die ersten Schritte des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten bestanden darin, dem Wettrüsten und damit der Rolle der Rüstungsindustrie Impulse zu verleihen und die Steuern für die reichen Sektoren zu verringern.

Unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Terrorismus begann er erneut die Eroberungskriege und institutionalisierte den Mord und die Folter als Instrumente der imperialistischen Herrschaft. Die Geschehnisse bezüglich der geheimen Gefängnisse, die die Beihilfe der Verbündeten der Vereinigten Staaten zu dieser Politik verrieten, sind nicht zur Veröffentlichung geeignet. Auf diese Art und Weise beschleunigte sich die schlimmste der Wirtschaftskrisen, die sich zyklisch und in zunehmendem Maße als Begleiterscheinungen des entwickelten Kapitalismus zeigen, aber dieses Mal mit den Privilegien von Bretton Woods und ohne alle von da ausgehenden Verpflichtungen.

Brasilien hat seinerseits in den letzten acht Jahren unter Führung von Lula Hindernisse überwunden, seine technologische Entwicklung gesteigert und der brasilianischen Wirtschaft größeres Gewicht verliehen. Der schwierigste Teil war seine erste Regierungszeit, aber er hatte Erfolg und gewann an Erfahrung. Mit seinem unermüdlichen Kämpfen, seiner Gelassenheit, seinem kühlen Gemüt und der zunehmenden Aufopferung in Erfüllung seiner Aufgabe erreicht Brasilien unter solch schwierigen internationalen Bedingungen ein BIP von fast zwei Billionen Dollar. Die Angaben sind je nach Quelle unterschiedlich, aber alle platzieren das Land unter den zehn größten Volkswirtschaften der Welt. Aber trotzdem erreicht Brasilien - mit einem Gebiet von 8,524 Millionen Quadratkilometern, gegenüber den Vereinigten Staaten, die kaum mehr Territorium besitzen - nur circa 12% des Bruttoinlandsprodukts jenes imperialistischen Landes, das die Welt ausplündert und seine Streitkräfte in mehr als tausend Militärstützpunkte auf der ganzen Erde ausschwärmen lässt.

Ich hatte das Privileg bei seinem Amtsantritt Ende 2002 anwesend zu sein. Hugo Chávez, der gerade dem verräterischen Staatsstreich vom 11. April desselben Jahres und später dem von Washington inszenierten Erdölputsch eine Schlacht geliefert hatte, war auch dort. Bush war bereits Präsident. Die Beziehungen zwischen Brasilien, der Bolivarianischen Republik und Kuba waren immer gut und auf gegenseitiger Achtung begründet.

Im Oktober 2004 hatte ich einen schweren Unfall, der meine Aktivitäten monatelang ernsthaft eingeschränkt hat und dann wurde ich Ende Juli 2006 schwer krank. Dementsprechend habe ich nicht gezögert, meine Funktionen an der Spitze der Partei und des Staates in der Bekanntmachung vom 31. Juli dieses Jahres provisorisch zu delegieren, wobei ich sie bald definitiv aufgegeben habe, als ich begriffen habe, dass ich nicht imstande sein würde, sie wieder zu übernehmen.

Sobald mein Gesundheitszustand es mir erlaubt hat, zu studieren und Überlegungen anzustellen, habe ich meine Zeit damit verbracht, und außerdem Materialien unserer Revolution überarbeitet und gelegentlich einige Reflexionen veröffentlicht.

Nach meiner Krankheit habe ich das Privileg gehabt, dass Lula immer bei mir zu Gast gewesen ist und sich ausführlich mit mir unterhalten hat, wenn er unser Vaterland besucht hat. Ich werde nicht sagen, dass ich immer mit seiner gesamten Politik einverstanden gewesen bin. Aus Prinzip bin ich gegen die Erzeugung von Bio-Kraftstoffen aus Produkten, die als Nahrungsmitteln genutzt werden können. Ich bin dessen bewusst, dass der Hunger eine große Tragödie für die Menschheit ist und immer mehr zu einer noch größeren werden könnte.

Das ist jedoch - ich sage das ganz offen - kein Problem, das von Brasilien, geschweige denn von Lula, geschaffen worden ist. Es ist ein fester Bestandteil der Weltwirtschaft, die vom Imperialismus und seinen reichen Verbündeten aufgezwungen wurde. Diese subventionieren ihre Agrarprodukte und dabei schützen sie ihre Binnenmärkte und konkurrieren auf dem Weltmarkt mit der Nahrungsmittelproduktion der Länder der Dritten Welt, wobei diese Länder gezwungen sind, die Industrieprodukte und die Energieressourcen zu importieren, die mit ihren eigenen Rohstoffen hergestellt wurden, was die Armut von mehreren Jahrhunderten Kolonialismus hinterlassen hat. Ich verstehe sehr gut, dass Brasilien in dem ungleichen Wettbewerb und gegenüber den Subventionen der USA und von Europa keine andere Alternative hatte, als die Produktion von Äthanol zu erhöhen.

Die Säuglingssterblichkeit liegt in Brasiliennoch bei 23,3 je tausend Lebendgeborene und die Müttersterblichkeit liegt bei 110 je Hunderttausend Geburten, während diese in den reichen Industrieländern jeweils unter 5 bzw. 15 liegen. Viele weitere ähnliche Beispiele könnten erwähnt werden.

Der Rübenzucker, von Europa subventioniert, hat unserem Land den Zuckermarkt entrissen, der auf dem Zuckerrohr basierte. Das war eine eventuelle Land- und Industriearbeit unter prekären Bedingungen, durch die die Zuckerindustriearbeiter lange Zeit arbeitslos waren. Die USA haben sich ihrerseits auch unserer besten Ländereien bemächtigt und die Industrie war im Besitz ihrer Unternehmen. Eines Tages haben sie uns jäh die Zuckerquote gestrichen und unser Land der Blockade unterworfen, um der Revolution und der Unabhängigkeit Kubas eine vernichtenden Schlag zu versetzen.

Heute hat Brasilien den Anbau von Zuckerrohr, Soja und Mais mit hochleistungsfähigen Landmaschinen entwickelt, die in diesen Pflanzungen mit hoher Produktivität genutzt werden können. Als ich einmal in einem Dokumentarfilm die vierzigtausend Hektar Land von Ciego de Avila gesehen habe, auf denen Soja in Rotation mit Mais angebaut wird, was man das ganze Jahr über zu tun beabsichtigt, habe ich gesagt: das ist das Ideal eines sozialistischen Agrarbetriebs, hochgradig mechanisiert und mit einer hohen Produktivität pro Mann und pro Hektar.

Die Landwirtschaft und deren Einrichtungen in der Karibik haben die meisten Problemen mit den Hurrikans, die in steigendem Masse ihre Ländereien zerstören.

Unser Land hat zusammen mit Brasilien auch die Finanzierung und den Bau einer sehr modernen Hafenanlage in Mariel erarbeitet und unterzeichnet, die von großer Bedeutung für unsere Wirtschaft sein wird.

In Venezuela werden die brasilianische Agrar- und Industrietechnologie zur Zuckerproduktion und die Bagasse als Wärmeenergiequelle angewendet. Es handelt sich um hochentwickelte Ausrüstungen, die in einem ebenfalls sozialistischen Betrieb funktionieren. In der Bolivarianischen Republik benutzt man Äthanol um den umweltschädlichen Effekt des Benzins zu vermindern.

Der Kapitalismus hat die Konsumgesellschaften entwickelt und ebenfalls die Verschwendung von Kraftstoffen, was das Risiko eines dramatischen Klimawechsels mit sich brachte. Die Natur hat 400 Millionen Jahre benötigt, um das zu schaffen, was unsere Gattung in knapp zwei Jahrhunderten verbraucht. Die Wissenschaft hat das Problem bezüglich jener Energie, die diejenige ersetzt, welche heute durch das Erdöl erzeugt wird, noch nicht gelöst; niemand weiß, wie viel Zeit dafür erforderlich ist und wie viel es kosten würde, das rechtzeitig zu lösen. Wird diese zur Verfügung stehen? Das war es, was in Kopenhagen diskutiert wurde und der Gipfel war ein vollkommenes Fiasko.

Lula hat mir erzählt, dass es kein Geschäft mehr ist, Äthanol zu erzeugen, wenn dieses 70% des Wertes des Benzins kostet. Er brachte zum Ausdruck, dass Brasilien, das über die größten Waldbestände des Planeten verfügt, nach und nach die jetzige Abholzung um 80 % vermindern wird.

Das Land besitzt heute die größte Technologie der Welt, um in Meeresgebieten zu bohren und kann Kraftstoffe aus Tiefen von siebentausend Metern Wassertiefe bzw. Tiefe des Meeresbodens fördern. Vor dreißig Jahren hätte das wie Sciencefiction geklungen.

Er erläuterte die Bildungsprogramme von hohem Niveau, die Brasilien zu verwirklichen beabsichtigt. Er weiß die Rolle von China auf Weltebene äußerst zu schätzen. Er erklärte stolz, dass der Handelsaustausch mit jenem Land 40 Milliarden Dollar beträgt.

Eine Tatsache ist unbestreitbar: Der Metallarbeiter ist inzwischen zu einem hervorragenden Staatsmann von Prestige geworden, dessen Stimme auf allen internationalen Treffen mit Achtung gehört wird.

Er ist stolz darauf, kraft des ausgezeichneten in Dänemark dargelegten Programms die Ehre der Olympischen Spiele des Jahres 2016 für Brasilien bekommen zu haben. Das Land wird ebenfalls Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft 2014 sein. All dies ist Ergebnis der von Brasilien vorgelegten Programme, welche die seiner Mitbewerber übertroffen haben.

Ein großer Beweis seiner Uneigennützigkeit war der Verzicht auf eine Aufstellung zur Wiederwahl, und er vertraut darauf, dass der Partido dos Trabalhadores Brasilien weiter regieren wird.

Einige, die ihn um sein Prestige und seinen Ruhm beneiden, und schlimmer noch, diejenigen, die im Dienste des Imperiums stehen, haben ihn kritisiert, weil er Kuba besucht. Sie haben dafür die niederträchtigen Verleumdungen verwendet, die seit einem halben Jahrhundert gegen Kuba verwendet werden.

Lula weiß seit vielen Jahren, dass in unserem Land niemals jemand gefoltert wurde, niemals die Ermordung eines Gegners angeordnet wurde, niemals das Volk belogen wurde. Er ist sicher, dass die Wahrheit untrennbare Gefährtin seiner kubanischen Freunde ist.

Von Kuba aus ist er nach Haiti, unserem Nachbarn, abgereist. Wir haben ihn über unsere Ideen zu unserem Vorhaben bezüglich eines nachhaltigen, effizienten Programms für Haiti dargelegt, das besonders wichtig und ökonomisch ist. Ihm ist bekannt, dass nach dem Erdbeben über einhunderttausend Haitianer von unseren Ärzten und den Abgängern der Lateinamerikanischen Medizinschule behandelt worden sind. Wir haben ernsthafte Dinge besprochen und mir ist sein leidenschaftlicher Wunsch bekannt, jenem edlen und ergebenen Volk zu helfen.

Ich werde eine unauslöschliche Erinnerung an mein jüngstes Treffen mit dem Präsidenten von Brasilien bewahren und zögere nicht, dies zu verkünden.


Fidel Castro Ruz

1. März 2010
12:15 Uhr

Sonntag, 7. Februar 2010

Die Bolivarische Revolution und die Antillen

Reflexionen des Genossen Fidel: Die Bolivarische Revolution und die Antillen

Wie fast alle Kinder mochte ich Geschichte. Ebenfalls die Kriege, da die Gesellschaft bei den Jungen jene Kultur verbreitete. Alle uns gebotenen Spielzeuge waren Waffen.

In meiner Kindheit wurde ich in eine Stadt geschickt, wo man niemals mit mir ins Kino ging. Damals gab es noch kein Fernsehen und in jenem Haus, wo ich lebte, gab es kein Radio. Ich musste meine Vorstellungskraft nutzen.

In der ersten Schule, in der ich als Internatsschüler lernte, las ich mit Verwunderung über die biblische Sintflut und die Arche Noah. Später zog ich in Betracht, dass dies eventuell eine Spur ist, welche die Menschheit von dem letzten Klimawechsel in der Geschichte unserer Gattung bewahrt. Es handelt sich möglicherweise um das Ende der letzten Eiszeit, von der anzunehmen ist, dass sie vor vielen tausend Jahren stattgefunden hat.

Wie zu vermuten ist, habe ich später mit Begierde die Geschichten über Alexander den Großen, Cäsar, Hannibal, Bonaparte und natürlich jedes Buch über Maceo, Gómez, Agramonte und die anderen großen Soldaten, die um unsere Unabhängigkeit gekämpft haben, gelesen, das in meine Hände fiel. Ich besaß nicht genügend Bildung, um zu verstehen, was im Hintergrund der Geschichte verborgen war.

Zu einem späteren Zeitpunkt konzentrierte ich mein Interesse auf Martí. Ihm habe ich in Wirklichkeit meine patriotischen Gefühle zu verdanken und die Auffassung „Vaterland ist die Menschheit“. Die Kühnheit, die Schönheit, der Mut und die Ethik seines Gedankenguts haben mir geholfen, zu dem zu werden, was ich meines Erachtens bin, ein Revolutionär. Man kann nicht Anhänger der Ideen von Bolivar sein, ohne Anhänger der Ideen von Martí zu sein; ohne Marti- und Bolivar-Anhänger zu sein, kann man nicht Marxist sein; und ohne Marti- und Bolivar-Anhänger und Marxist zu sein, ist es nicht möglich, Antiimperialist zu sein. Wenn man nicht alle drei Eigenschaften in sich vereinte, hätte man in unserer Zeit keine Revolution in Kuba planen können.

Vor knapp zwei Jahrhunderten wollte Bolívar eine Expedition zur Befreiung von Kuba unter dem Kommando von Sucre schicken, da das Land dies als spanische Zuckerrohr- und Kaffee-Kolonie mit 300.000 für ihre weißen Sklavenhalter arbeitenden Sklaven in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts sehr benötigte.

Nachdem die Unabhängigkeit misslungen und das Land zu einer Neokolonie geworden war, hätte die volle Würde in Kuba nicht erreicht werden können, ohne eine Revolution durchzuführen, die Schluss mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen machen würde.

„…Ich wünsche mir, dass das erste Gesetz unserer Republik die Ehrfurcht der Kubaner vor der vollen menschlichen Würde sei."


Martí hat uns mit seinem Gedankengut den Mut und die Überzeugung gegeben, die unsere Bewegung zum Angriff auf die Moncada-Kaserne geführt hat, was uns ohne die Ideen der anderen großen Denker wie Marx und Lenin niemals in den Sinn gekommen wäre, welche uns dazu führten, die so anders gearteten Realitäten der neuen Ära zu sehen und zu verstehen, in der wir lebten.

Über Jahrhunderte wurden in Kuba im Namen des Fortschritts und der Entwicklung der verhasste Großgrundbesitz und die Sklavenarbeit gerechtfertigt, denen die Ausrottung der ursprünglichen Einwohner dieser Inseln vorangegangen war.

Martí hat über Bolívar etwas Wunderbares gesagt, das seinem ruhmreichen Leben Ehre macht:

„…was er unerledigt hinterlassen hat, ist noch bis heute so geblieben – denn Bolívar hat noch zu tun in Amerika.“

„Sage Venezuela mir, womit ich dem Land dienen kann – es hat in mir einen Sohn.“


In Venezuela hat die Kolonialmacht, wie es andere in den Antillen getan haben, Zuckerrohr, Kaffee und Kakao angebaut und ebenfalls Männer und Frauen aus Afrika als Sklaven hingebracht. Der heldenhafte Widerstand seiner Indigenen, die sich auf die Natur und die ausgedehnte Fläche des venezolanischen Gebiets stützten, hat die Vernichtung der Ureinwohner verhindert.

Mit Ausnahme eines Teils im Norden der Hemisphäre verblieb das immense Territorium Unseres Amerika in den Händen von zwei Königen der Iberischen Halbinsel.

Es kann ohne Zweifel behauptet werden, dass unsere Länder und die Arbeitsergebnisse seiner Völker über Jahrhunderte geplündert worden sind und dies geschieht weiterhin durch die großen transnationalen Unternehmen und die in ihren Diensten stehenden Oligarchien.

Während dem gesamten 19. und 20. Jahrhundert, das heißt über knapp 200 Jahre nach der formellen Unabhängigkeit des Iberischen Amerika, hat sich essentiell kaum etwas geändert. Die Vereinigten Staaten haben sich ausgehend von den 13 Kolonien, die sich aufgelehnt hatten, Richtung Westen und Süden ausgebreitet. Sie haben Louisiana und Florida gekauft, Mexiko die Hälfte seines Gebiets entrissen, in Mittelamerika interveniert und sich des Gebiets vom zukünftigen Kanal von Panama bemächtigt, welcher die großen Ozeane im Osten und Westen des Kontinents an jenem Punkt verbinden würde, wo Bolívar die Hauptstadt der größten Republik gründen wollte, die der Unabhängigkeit der Nationen von Amerika entspringen würde.

Zu jener Zeit wurden Erdöl und Äthanol auf der Welt noch nicht gehandelt und auch die WTO gab es noch nicht. Zuckerrohr, Baumwolle und Mais wurden von Sklaven angebaut. Die Maschinen waren noch nicht erfunden. Die auf der Kohle basierende Industrialisierung machte Fortschritte.

Die Kriege trieben die Zivilisation voran und die Zivilisation trieb die Kriege voran. Diese veränderten ihren Charakter und wurden schrecklicher. Schließlich wurden sie zu weltweiten Konflikten.

Endlich waren wir eine zivilisierte Welt. Das glauben wir sogar wie eine Grundsatzfrage.

Aber wir wissen nicht, was mit der erreichten Zivilisation gemacht werden soll. Der Mensch hat sich mit Atomwaffen von unglaublicher Genauigkeit und zerstörerischer Macht ausgerüstet, während er vom moralischen und politischen Gesichtspunkt aus gesehen beschämend rückwärts gegangen ist. Politisch und gesellschaftlich sind wir in höherem Maße unterentwickelt denn je. Die Roboter sind dabei, die Soldaten zu ersetzen, die Massenmedien die Lehrer und Erzieher und die Regierungen werden von den Geschehnissen überrollt, ohne zu wissen, was sie tun sollen. In der Verzweiflung vieler führender politischer Persönlichkeiten auf der Welt wird die Ohnmacht gegenüber jenen, sich in ihren Amtsräumen anhäufenden Problemen und den immer häufigeren internationalen Zusammenkünften erkenntlich.

Unter diesen Umständen ereignete sich in Haiti eine nie da gewesene Katastrophe, während auf der Gegenseite des Planeten drei Kriege und eine Aufrüstung weiterhin vonstatten gehen, und alles inmitten der Weltwirtschaftskrise und zunehmender Konflikte. All dies verbraucht über 2,5% des BIP der Welt und stellt eine Menge dar, durch die in kurzer Zeit alle Länder der Dritten Welt entwickelt und vielleicht der Klimawandel verhindert werden könnten, indem die hierfür notwendigen finanziellen und wissenschaftlichen Ressourcen diesem Ziel gewidmet würden.

Die Glaubwürdigkeit der Internationalen Gemeinschaft hat in Kopenhagen gerade einen harten Schlag erhalten und unsere Gattung beweist nicht ihre Fähigkeit zum Überleben.

Die Tragödie von Haiti ermöglicht es mir, diesen Standpunkt davon ausgehend darzulegen, was Venezuela bezüglich der Karibikstaaten getan hat. Während die großen Geldinstitute in Montreal darüber unschlüssig sind, was sie bezüglich Haiti tun sollen, hat Venezuela keinen Augenblick gezögert, dem Land die Auslandsschuld in Höhe von 167 Millionen Dollar zu erlassen.

Knapp ein Jahrhundert lang haben die größten transnationalen Unternehmen das venezolanische Erdöl zu geringsten Preisen aus dem Land geholt und exportiert. Venezuela war jahrzehntelang zum größten Erdöl-Exporteur der Welt geworden.

Es ist bekannt, dass die Vereinigten Staaten, als sie hunderttausende Millionen Dollar in ihrem völkermörderischen Krieg in Vietnam ausgegeben haben, wo sie Millionen Menschen jenes heldenhaften Volkes getötet und zu Invaliden gemacht haben, ebenfalls einseitig das Bretton-Woods-Abkommen gebrochen haben, indem sie die vom Abkommen vorgesehene Konvertierung des Dollar in Gold aufgehoben und der Weltwirtschaft die Kosten dieses schmutzigen Krieges aufgehalst haben. Die US-amerikanische Währung wurde abgewertet und die Deviseneinnahmen der Karibikländer reichten nicht aus, um das Erdöl zu bezahlen. Ihre Volkswirtschaften gründen sich auf den Fremdenverkehr und den Export von Zucker, Kaffee, Kakao und anderer landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Ein vernichtender Schlag bedrohte die Volkswirtschaften der Karibikstaaten, ausgenommen zwei von ihnen, die Energieexporteure sind.

Andere entwickelte Länder beseitigten die Zollbegünstigungen für solche landwirtschaftlichen Exporte der Karibik wie Bananen. Venezuela hat mittels einer beispiellosen Geste der Mehrheit jener Länder die sichere Belieferung mit Erdöl und besondere Zahlungserleichterungen gesichert.

Jedoch hat sich niemand weiter um das Schicksal jener Völker gesorgt. Wenn die Bolivarische Republik und deren Geste nicht gewesen wären, dann hätte eine schlimme Krise die unabhängigen Länder der Karibik betroffen, ausgenommen Trinidad-Tobago und Barbados. Im Fall von Kuba hat die Bolivarische Regierung, nachdem die UdSSR zusammengestürzt war, einem außerordentlichen Wachstum des Handels zwischen beiden Ländern Impulse gegeben, was den Austausch von Gütern und Dienstleistungen einschloss und es uns erlaubte, eine der härtesten Zeiten unserer ruhmreichen revolutionären Geschichte zu meistern.

Der beste Verbündete der Vereinigten Staaten und gleichzeitig der gemeinste und niederträchtigste Feind des Volkes, war der Heuchler und Simulant Rómulo Betancourt, gewählter Präsident von Venezuela zum Zeitpunkt des Revolutionssieges in Kuba im Jahr 1959.

Er war der wichtigste Helfershelfer bei den Piratenangriffen, den Terrorakten, den Aggressionen auf unser Land und der ihm auferlegten Wirtschaftsblockade.

Als Unser Amerika es am meisten brauchte, brach schließlich die Bolivarische Revolution aus.

Die auf Einladung von Hugo Chávez in Caracas zusammengekommenen Mitglieder des Bündnisses ALBA haben sich zur größtmöglichen Unterstützung der haitianischen Bevölkerung verpflichtet, und zwar im traurigsten Augenblick der Geschichte dieses legendären Volkes, das die erste siegreiche soziale Revolution in der Weltgeschichte durchgeführt hat, als sich hunderttausende Afrikaner aufgelehnt und tausende Meilen von ihrer Heimat entfernt in Haiti eine Republik geschaffen haben. Sie haben eine der ruhmreichsten revolutionären Aktionen dieser Hemisphäre verwirklicht. In Haiti gibt es Blut von Schwarzen, Indios und Weißen; die Republik wurde auf der Grundlage der Begriffe Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen ins Leben gerufen.

Vor zehn Jahren, als in der Karibik und Mittelamerika während der Tragödie des Hurrikan Mitch zehntausende Menschen umgekommen sind, wurde in Kuba die Medizinschule ELAM geschaffen, um lateinamerikanische und karibische Ärzte auszubilden, die eines Tages Millionen Menschenleben retten, aber besonders und über alles als Beispiel in der edlen ärztlichen Berufsausübung dienen würden. Zusammen mit den Kubanern werden in Haiti Dutzende junge Venezolaner und andere Lateinamerikaner sein, die Absolventen der ELAM sind. Aus allen Winkeln des Kontinents sind Mitteilungen von vielen Compañeros eingegangen, die in der ELAM studiert haben und zusammen mit ihnen an der noblen Aufgabe zur Lebensrettung von Kindern, Frauen und Männern, jungen und greisen Menschen mitarbeiten wollen.

Es werden Dutzende Feldkrankenhäuser, Reha-Zentren und Krankenhäuser vorhanden sein, in denen über eintausend Ärzte und Medizinstudenten der letzten Studienjahre aus Haiti, Venezuela, Santo Domingo, Bolivien, Nicaragua, Ecuador, Brasilien, Chile und den anderen Bruderländern ihren Dienst tun werden. Es ist uns eine Ehre, dass es schon eine bestimmte Anzahl von US-amerikanischen Ärzten gibt, die ebenfalls in der ELAM studiert haben. Wir sind bereit, mit jenen Ländern und Institutionen zusammenzuarbeiten, die diese Bemühungen der medizinischen Dienstleistungen in Haiti mit uns teilen möchten.

Venezuela hat schon mit Zelten, medizinischen Ausrüstungen, Arzneien und Nahrungsmitteln einen Beitrag geleistet. Die Regierung von Haiti hat ihre Zusammenarbeit und volle Unterstützung für diese Bemühungen, um die medizinischen Dienstleistungen kostenlos der größtmöglichen Anzahl von Haitianern zukommen zu lassen, geboten. Das wird für alle ein Trost inmitten der größten Tragödie sein, welche sich in unserer Hemisphäre ereignet hat.


Fidel Castro Ruz

7. Februar 2010
20:46 Uhr

Samstag, 23. Januar 2010

Wir schickten Ärzte und nicht Soldaten

Reflexionen des Genossen Fidel: Wir schickten Ärzte und nicht Soldaten

In der am 14. Januar verfassten Reflexion - zwei Tage nach der Katastrophe von Haiti, die jenes benachbarte Bruderland zerstört hat - habe ich Folgendes geschrieben: „Im Gesundheitswesen und auf anderen Gebieten leistet Kuba – trotzdem es ein armes und unter Blockade stehendes Land ist - seit Jahren dem haitianischen Volk Hilfe. Circa 400 Ärzte und Fachleute im Gesundheitswesen leisten dem haitianischen Volk kostenlos Hilfe. In 127 der 137 Gemeinden des Landes arbeiten täglich unsere Ärzte. Andererseits wurden mindestens 400 junge Haitianer in unserem Vaterland zu Ärzten ausgebildet. Sie werden jetzt zusammen mit der gestern dorthin gereisten Verstärkung arbeiten, um in dieser so kritischen Situation Leben zu retten. Sodass bis zu eintausend Ärzte und Fachleute im Gesundheitswesen mobilisiert werden können, die schon fast alle dort und bereit sind, mit jeglichem anderen Staat zusammenzuarbeiten, der Leben von Haitianern retten und Verletzte rehabilitieren möchte.“

„Die Leiterin unserer Ärztebrigade hat informiert: ,Die Situation ist schwierig, aber wir haben schon begonnen, Leben zu retten.'“

Die Mitarbeiter des kubanischen Gesundheitswesens haben begonnen Stunde für Stunde, fortwährend und ununterbrochen zu arbeiten, sowohl in den wenigen nicht zerstörten Einrichtungen als in Zelten oder in Parks und auf offenen Plätzen, da die Bevölkerung Angst vor neuen Erdbeben hatte.

Die Situation war schlimmer, als anfänglich gedacht worden war. Zehntausende Verletzte flehten um Hilfe auf den Straßen von Port-au-Prince und eine unbezifferbare Anzahl von Menschen lag tot oder lebend unter den Ruinen aus Lehm bzw. Luftziegeln, aus denen die Wohnungen der größten Mehrheit der Bevölkerung gebaut waren. Sogar solidere Gebäude waren zusammengefallen. Außerdem war es notwendig, inmitten der zerstörten Wohnviertel die haitianischen Ärzte, Abgänger der Lateinamerikanischen Medizinschule (ELAM), ausfindig zu machen, von denen viele direkt oder indirekt durch die Tragödie betroffen waren.

Funktionäre der Vereinten Nationen waren in verschiedenen ihrer Unterkünfte verschüttet worden und es waren mehrere Dutzend Menschenleben zu bedauern, einschließlich die einiger Befehlshaber der MINUSTAH, einer Streitkraft der Vereinten Nationen, und das Schicksal von hunderten weiteren Mitglieder ihres Personals war unbekannt.

Der Präsidentenpalast von Haiti war zusammengefallen. Viele öffentliche Einrichtungen, einschließlich einigen des Gesundheitswesens, waren zu Ruinen geworden.

Die Katastrophe hat die Welt bewegt, die über die wichtigsten internationalen Fernsehkanäle bildlich miterleben konnte, was geschah. Von überall her kündigten die Regierungen die Entsendung von qualifizierten Rettungstrupps, Nahrungsmitteln, Arzneien, Geräten und anderen Ressourcen an.

In Übereinstimmung mit der öffentlich von Kuba formulierten Haltung haben medizinische Fachkräfte aus anderen Nationen in den von uns improvisierten Einrichtungen an der Seite unserer Ärzte hart gearbeitet, zum Beispiel Spanier, Mexikaner, Kolumbianer und aus anderen Ländern. Solche Organisationen wie die Panamerikanische Gesundheitsorganisation und befreundete Länder wie Venezuela und andere haben uns mit Medikamenten und verschiedenartigen Mitteln versorgt. Völliges Fehlen von Geltungssucht und Chauvinismus kennzeichnete das untadelige Verhalten der kubanischen Fachleute und ihrer Leiter.

Kuba hat so gehandelt, wie es das Land bei ähnlichen Situationen immer getan hat, wie zum Beispiel, als der Hurrikan Katrina große Schäden in der Stadt New Orleans angerichtet hatte und das Leben von tausenden US-Amerikanern gefährdet war, und Kuba die Entsendung einer kompletten Ärztebrigade zur Hilfe für das Volk der Vereinten Staaten anbot, einem Land, das wie bekannt über immense Mittel verfügt, aber was in jenem Augenblick benötigt wurde, waren Ärzte, die dafür ausgebildet und ausgerüstet waren, Leben zu retten. Aufgrund der geographischen Lage des Landes waren über eintausend Ärzte der Brigade „Henry Reeve“, ausgerüstet mit den entsprechenden Medikamenten und Ausrüstungen, vorbereitet und bereit, jederzeit, bei Tag oder bei Nacht, in jene US-amerikanische Stadt loszufahren. Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass der Präsident jener Nation das Angebot zurückweisen und zulassen würde, dass eine Anzahl von US-Amerikanern umkäme, die hätte gerettet werden können. Der Irrtum jener Regierung bestand vielleicht in ihrer Unfähigkeit zu begreifen, dass das kubanische Volk im US-amerikanischen Volk weder einen Feind sieht, noch diesem die Schuld an den Aggressionen gibt, die unser Vaterland erlitten hat.

Jene Regierung war ebenfalls nicht in der Lage zu begreifen, dass es unser Land auch nicht nötig hat, bei jenem Land um Hilfe zu betteln, das ein halbes Jahrhundert lang erfolglos versucht hat, uns auf die Knie zu zwingen.

Unser Land hat im Fall Haiti ebenfalls sofort den Anträgen zum Überfliegen von Kuba im Ostteil entsprochen und anderen Erleichterungen zugestimmt, um welche die US-Behörden ersuchten, um so schnell als möglich den vom Erdbeben betroffenen US-amerikanischen und haitianischen Bürgern Hilfe zu leisten.

Diese Regeln haben das ethische Verhalten unseres Volkes gekennzeichnet, was zusammen mit seiner Gelassenheit und Standhaftigkeit die ständigen Merkmale unserer Außenpolitik waren. Das wissen diejenigen sehr gut, die auf internationaler Ebene unsere Gegner gewesen sind.

Kuba wird standhaft die Meinung vertreten, dass die in Haiti, der ärmsten Nation der westlichen Hemisphäre, stattgefundene Tragödie eine Herausforderung für die reichsten und mächtigsten Länder der internationalen Gemeinschaft darstellt.

Haiti ist ein reines Ergebnis des kapitalistisch-imperialistischen Kolonialsystems, das der Welt auferlegt wurde. Sowohl die Sklaverei in Haiti als auch die darauf folgende Armut wurden vom Ausland her aufgezwungen. Das schreckliche Erdbeben geschah nach dem Gipfel von Kopenhagen, wo die elementarsten Rechte der 192 UNO-Mitgliedsstaaten mit den Füßen getreten wurden.

Nach der Tragödie hat sich in Haiti ein Wettstreit um die voreilige und illegale Adoption von Jungen und Mädchen entfesselt, was die UNICEF dazu gezwungen hat, Vorbeugungsmaßnahmen gegen die Entwurzelung vieler Kinder zu treffen, welche nahe Verwandte von ihnen solcher Rechte berauben würde.

Die Zahl der Todesopfer übersteigt schon einhunderttausend. Eine sehr hohe Anzahl von Bürgern hat Arme bzw. Beine verloren, oder Brüche erlitten, die einer Rehabilitierung zur Arbeitsaufnahme oder zum Zurechtkommen im Leben bedürfen.

80% des Landes muss neu aufgebaut werden und es muss eine Wirtschaft geschaffen werden, die ausreichend entwickelt ist, um die Bedürfnisse gemäß ihrer Produktionskapazitäten zu befriedigen. Der Wiederaufbau in Europa oder Japan war ausgehend von der Produktionskapazität und der fachlichen Qualifizierung der Bevölkerung eine relativ einfache Aufgabe im Vergleich zu den in Haiti zu unternehmenden Anstrengungen. Dort ist es - wie in vielen Teilen Afrikas und in anderen Gebieten der Dritten Welt - unerlässlich, die Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen. In nur 40 Jahren wird die Menschheit aus über 9 Milliarden Erdbewohnern bestehen und sie steht vor der Herausforderung eines Klimawechsels, den die Wissenschaftler als eine unvermeidbare Realität akzeptieren.

Inmitten der haitianischen Tragödie, ohne dass irgendjemandem das Wie und Warum bekannt ist, haben tausende Soldaten der Marineinfanterie-Einheiten der Vereinigten Staaten, lufttransportierte Truppen der 82. Division und andere militärische Kräfte das Gebiet von Haiti besetzt. Schlimmer noch, weder die Organisation der Vereinten Nationen noch die Regierung der Vereinigten Staaten haben der Weltöffentlichkeit eine Erklärung über diese Streitkräfteentfaltung abgegeben.

Mehrere Regierungen beschweren sich, dass ihre Luftfahrzeuge die nach Haiti geschickten menschlichen und technischen Ressourcen nicht landen und befördern konnten.

Verschiedene Länder kündigen ihrerseits die zusätzliche Entsendung von Soldaten und militärischen Ausrüstungen an. Solche Tatsachen würden, meiner Meinung nach, dazu beitragen, die internationale Hilfe chaotischer und schwieriger zu machen, welche an sich schon recht schwierig ist. Es ist notwendig, das Thema ernsthaft zu diskutieren und der Organisation der Vereinten Nationen die führende Rolle zuzuweisen, die ihr bei dieser heiklen Angelegenheit zukommt.

Unser Land erfüllt eine strikt humanitäre Aufgabe. Im Maße seiner Möglichkeiten wird es mit ihm zur Verfügung stehenden Humanressourcen und Materialien seinen Beitrag leisten. Der Wille unseres Volkes - stolz auf seine Ärzte und Entwicklungshelfer bei vitalen Tätigkeiten – ist groß und es wird den Umständen gewachsen sein.

Jegliche wichtige Zusammenarbeit, die unserem Land angeboten wird, wird nicht zurückgewiesen werden, aber ihre Billigung wird vollkommen der Wichtigkeit und Transzendenz der von den Humanressourcen unseres Landes geforderten Hilfe untergeordnet sein.

Es ist gerecht festzuhalten, dass bis zum jetzigen Augenblick unsere bescheidenen Luftfahrzeuge und die bedeutenden Humanressourcen, die Kuba dem haitianischen Volk zur Verfügung gestellt hat, auf keinerlei Schwierigkeiten gestoßen sind, ihr Ziel zu erreichen.

Wir schickten Ärzte und nicht Soldaten!



Fidel Castro Ruz

23. Januar 2010
17:30 Uhr

Samstag, 16. Januar 2010

Haiti: Kooperationsbereitschaft auf dem Prüfstand

Reflexionen des Genossen Fidel: Haiti: Kooperationsbereitschaft auf dem Prüfstand

Die Nachrichtenberichterstattung aus Haiti schildert das große Chaos, mit dem - angesichts der Ausnahmesituation - in den Nachwehen dieser Katastrophe zu rechnen gewesen war.

Zuerst war man erstaunt, überrascht, erschüttert und hatte den Wunsch, Soforthilfe anzubieten. Selbst aus den entlegendsten Orten der Welt trafen Hilfsangebote ein. Aber welche Hilfe sollte man schicken? Und wie sollte man dieses Land in der Karibik erreichen - von China, Indien, Vietnam und anderen Ländern aus, die zehntausende von Kilometern entfernt liegen? Die Stärke des Erdbebens und die Armut auf Haiti ließen zunächst gewisse Vorstellungen entstehen, was wohl benötigt würde. So kam es zu allen möglichen Versprechungen über (die Versendung) von Ressourcen; später wurde auf alle möglichen Arten versucht, diese vor Ort zu bringen.

Wir Kubaner hatten begriffen: Das Wichtigste im Moment ist die Rettung von Leben. Wir sind trainiert - nicht nur im Umgang mit Katastrophen dieser Art sondern auch mit anderen Naturkatastrophen, bei denen es um die Gesundheit der Menschen geht.

Hunderte kubanische Ärzte arbeiten auf Haiti - gemeinsam mit jungen Haitianern, die ursprünglich aus armen Verhältnissen stammen und eine gute Ausbildung in Gesundheitsberufen erhalten haben. Auf diesem Gebiet kooperieren wir seit vielen Jahren mit unserer Nachbarinsel, unser Schwesterinsel (Haiti). Einige unserer Landsleute befanden sich gerade auf Heimaturlaub, und einige Haitianer studierten oder lernten auf Kuba, als sich das Unglück ereignete.

Die Zerstörungen, die das Erdbeben mit sich brachte, übersteigen jedes kalkulierbare Maß:

Die bescheidenen Lehmhäuser aus ungebrannten Lehmziegeln konnten nicht standhalten - in einer Stadt, in der zwei Millionen Menschen leben. Selbst die soliden Regierungsgebäude stürzten ein. Ganze Häuserblocks stürzten über ihren Bewohnern zusammen, die sich zu dieser Tageszeit (kurz vor der Abenddämmerung) fast alle in ihren Häusern befanden. Sie wurden - tot oder lebendig - unter den Trümmern begraben. Die Straßen füllten sich mit Menschen, die um Hilfe riefen. Das UNO-Kontingent (MINUSTAH), die Regierung und die Polizei waren führerlos. Ihre Hauptquartiere existierten nicht mehr. Unmittelbar nach dem Erdbeben wäre es die Hauptaufgabe dieser Institutionen, die tausende von Mitarbeitern haben, gewesen, festzustellen, wer noch lebte und wo sich die Menschen befanden.

Die unmittelbare Aufgabe für die engagierten kubanischen Ärzte, die auf Haiti arbeiten und die jungen, professionellen haitianischen Gesundheitsmitarbeiter, die in Kuba ihren Abschluss gemacht haben, bestand darin, miteinander in Kontakt zu treten und herauszufinden, wie es den anderen ging. Außerdem mussten sie feststellen, welche Ressourcen ihnen zur Verfügung standen, um dem haitianischen Volk, angesichts dieser Tragödie, zu helfen.

Kubanische Ärzte, die auf Heimaturlaub waren und haitianische Ärzte, die auf Weiterbildung in Kuba waren, machten sich sofort bereit, nach Haiti aufzubrechen. Kubanische Spezialisten - Chirurgen - die sich bereits in schwierigen Missionen bewährt hatten, begleiteten sie.

Es genügt, darauf hinzuweisen, dass unsere Ärzte in weniger als 24 Stunden vor Ort bereits Hunderten von Patienten helfen konnten. Heute ist der 16. Januar. Seit der Katastrophe, am Dienstag, sind dreieinhalb Tage vergangen. Tausende Verletzte sind von ihnen versorgt worden. Heute, am Samstag, gegen Mittag, berichtete uns der Leiter der medizinischen Brigade unter anderem Folgendes:

"... die Arbeit, die unsere Genossen leisten, ist wirklich bemerkenswert. Allgemein herrscht die Auffassung, dass dieses Erdbeben das Beben (damals) in Pakistan noch in den Schatten stellt. Es war ein immenses Erdbeben - einige der Ärzte waren in Pakistan gewesen, um zu helfen. In Pakistan hatten die Ärzte häufig helfen müssen, wenn gebrochene Beine nicht richtig gekittet worden waren oder wenn sie zerquetscht waren. Aber hier (auf Haiti) übersteigt die Wirklichkeit das Maß des Vorstellbaren: Amputationen im Freien, chirurgische Eingriffe praktisch in der Öffentlichkeit. Sie fanden ein Bild vor, wie man es in einem Krieg erwarten würde".

"Das 'Deimas 33 Hospital' ist bereits betriebsbereit. Es verfügt über 3 Operationssäle und eigene Generatoren. Es gibt Räumlichkeiten, in denen Arztvisiten durchgeführt werden können usw.. Aber das Krankenhaus ist absolut voll".

"Die 12 chilenischen Ärzte sind angekommen. Einer ist Anästhesist. Auch 8 venezolanische Ärzte und 9 spanische Nonnen sind angekommen. Jeden Moment wird mit der Ankunft von 18 Spaniern gerechnet, denen die UNO und das Gesundheitsministerium von Haiti die Leitung des Hospitals übertragen haben. Da ihnen noch einige Notfallutensilien fehlen, die noch nicht eingetroffen sind, haben sie beschlossen, sich uns anzuschließen und sofort mit der Arbeit zu beginnen".

"32 haitianische Ärzte, die hier leben, wurden (uns) geschickt; 6 sind umgehend nach Carrefour aufgebrochen. Der Ort Carrefour ist völlig zerstört. Sie reisen in Begleitung von 3 kubanischen Chirurgenteams, die gestern hier eingetroffen sind".

".... wir operieren in folgenden medizinischen Einrichtungen in Port-au-Prince:

* 'La Renaissance' (Hospital)
* 'The Social Insurance Hospital'
* 'The Peace Hospital'."
* "Vier Zentren für umfassende Diagnostik sind bereits in Betrieb".

Diese Informationen vermitteln eine kleine Vorstellung von der Arbeit, die von den medizinischen Teams aus Kuba und den Teams aus anderen Ländern, die mit ihnen zusammenarbeiten, geleistet wird. Sie waren unter den Ersten, die auf Haiti eingetroffen sind. Unser medizinisches Personal ist bereit, mit allen anderen medizinischen Spezialisten zusammenzuarbeiten, die in unsere Schwester-Nation geschickt werden, um Leben zu retten. Haiti könnte zu einem Beispiel werden, wie die Menschheit sich selbst hilft. Die Möglichkeiten und Mittel sind vorhanden - was fehlt, ist die Bereitschaft.

Je länger es dauert, die Toten zu begraben oder zu verbrennen, je länger es dauert, Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter zu verteilen, desto größer ist das Risiko, dass Epidemien und soziale Unruhen ausbrechen.

Haiti wird zum Testfall werden. Hier wird sich zeigen, ob der Geist der Kooperation zäher ist als Egoismus, Chauvinismus, Eigennützigkeit und Verachtung für andere Nationen, (es wird sich zeigen), ob der Geist der Kooperation sich durchsetzen kann.

Ein Klimawandel bedroht die gesamte Menschheit. Das Erdbeben von Port-au-Prince ereignete sich keine drei Wochen nach der Konferenz von Kopenhagen und erinnert uns erneut daran, wie selbstsüchtig und arrogant wir uns in Kopenhagen verhalten haben.

Alle Staaten sehen sehr genau auf das, was auf Haiti geschieht. Die öffentliche Meinung der Welt und die Kritik der Völker werden noch härter und gnadenloser ausfallen (als in Kopenhagen).


Fidel Castro Ruz

16. Januar 2010
19:46 Uhr

Donnerstag, 14. Januar 2010

Die Lehre von Haiti

Reflexionen des Genossen Fidel: Die Lehre von Haiti


Vor zwei Tagen, es war spät am Nachmittag nach kubanischer Zeit und aufgrund der geografischen Lage in Haiti dort schon abends, strahlten die Fernsehsender erste Nachrichten über ein gewaltiges Erdbeben mit einer Stärke von 7,3 auf der Richter-Skala aus, das Port-au-Prince schwer getroffen hat. Das seismische Phänomen rührte aus einer tektonischen Verwerfung unter dem Meer her, nur 15 Kilometern von der haitianischen Kapitale entfernt, einer Stadt in der 80 Prozent der Bevölkerung labile Behausungen aus Lehmziegeln und Stampflehm bewohnen.

Die Meldungen setzten sich fast ohne Unterbrechung über Stunden hinweg fort. Es gab keine Bilder, aber es wurde berichtet, dass viele öffentliche Gebäude – Krankenhäuser, Schulen und weitere solide gebaute Einrichtungen – eingestürzt seien. Ich habe gelesen, dass ein Erdbeben einer Größenordnung von 7,3 der Energie entspricht, die bei der Explosion von 400 Tausend Tonnen TNT freigesetzt wird.

Es wurden tragische Berichte publik. Die Verletzten in den Straßen riefen inmitten von Ruinen, unter denen ganze Familien begraben waren, nach medizinischer Hilfe. Unterdessen hatte es viele Stunden lang niemand vermocht, auch nur ein Bild zu übertragen.

Die Nachricht hat uns alle überrascht. Wir hatten häufig Informationen über Hurrikans und große Überschwemmungen in Haiti erhalten, wussten aber nicht, dass dem Nachbarland die Gefahr eines großen Erdbebens drohte. Nun wurde bekannt, dass sich bereits vor 200 Jahren ein großes Beben in dieser Stadt ereignet hatte, die damals sicherlich nur ein paar Tausend Einwohner beherbergte.

Um Mitternacht wurden immer noch keine ungefähren Opferzahlen genannt. Hochrangige Vertreter der Vereinten Nationen und verschiedene Regierungschefs sprachen von bewegenden Geschehnissen und kündigten die Entsendung von Rettungsbrigaden an. Weil vor Ort Truppen der MINUSTAH (Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen für Haiti), also UNO-Kräfte aus verschiedenen Ländern, stationiert sind, sprachen einige Verteidigungsminister von möglichen Verlusten unter ihrem Personal.

Es war tatsächlich erst am gestrigen Mittwochmorgen, als erste traurige Meldungen über enorme Opferzahlen eintrafen und sogar Institutionen wie die Vereinten Nationen mitteilten, dass einige ihrer Gebäude im Land eingestürzt waren. Ein Wort, das für sich genommen nichts aussagt, zugleich aber so viel bedeuten kann.

Viele Stunden lang trafen stetig immer traumatischere Meldungen über die Situation in diesem Bruderland ein. Es wurden Zahlen von Todesopfern erörtert, die, je nach Version, zwischen 30.000 und 100.000 schwanken. Die Bilder sind erschütternd. Offenkundig hat das verheerende Ereignis weltweit große Verbreitung gefunden und viele Regierungen unternehmen, aufrichtig berührt, Bemühungen, um gemäß der ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ihren Beitrag zu leisten.

Die Tragödie bewegt auf ehrliche Weise eine große Zahl von Menschen. Aber vielleicht nur sehr wenige halten sich mit dem Gedanken darüber auf, warum Haiti ein so armes Land ist. Warum ist seine Bevölkerung zu fast 50 Prozent von den Überweisungen Verwandter abhängig, die im Ausland leben? Warum analysiert man nicht auch die realen Umstände, die zur aktuellen Lage Haitis und zu seinen enormen Leiden geführt haben?

Das merkwürdigste an dieser Geschichte ist, dass niemand auch nur in einem Wort daran erinnert, dass Haiti das erste Land gewesen ist, in dem sich 400.000 von den Europäern versklavte und verschacherte Afrikaner gegen 30.000 weiße Eigentümer von Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen erhoben und damit die erste große soziale Revolution unserer Hemisphäre durchgeführt haben. Dort wurden Kapitel von unübertrefflichem Ruhm geschrieben. Der namhafteste General Napoleons wurde vernichtend geschlagen. Haiti ist ein reines Produkt des Kolonialismus und des Imperialismus, ein Produkt des Jahrhunderte währenden Missbrauchs seiner Menschen für die härtesten Arbeiten, ein Produkt von Militärinterventionen und der Ausbeutung seiner Reichtümer.

Dieses historische Vergessen wäre nicht so schwerwiegend wie die reale Tatsache, dass Haiti eine Schande für unsere Epoche darstellt – in einer Welt, in der die Ausbeutung und Ausplünderung über die immense Mehrheit der Bewohner des Planeten herrscht.

Milliarden von Menschen in Lateinamerika, Afrika und Asien leiden unter ähnlichem Mangel, auch wenn dies vielleicht nicht alle in einem solchen Maß betrifft wie in Haiti.

Situationen wie in diesem Land dürften an keinem Ort der Erde existieren, wo es aufgrund einer aufgezwungenen, ungerechten internationalen wirtschaftlichen und politischen Ordnung zehntausende von Städten und Ortschaften mit ähnlichen und manchmal noch schlimmeren Bedingungen gibt. Die Weltbevölkerung ist nicht nur von Naturkatastrophen wie in Haiti bedroht, die nur ein bleicher Schatten sind von dem, was auf dem Planeten im Zuge des Klimawandels geschehen kann, der in Kopenhagen Ziel von Hohn, Spott und Täuschung geworden ist.

Es ist nur gerecht gegenüber allen Ländern und Institutionen, die aus Anlass der Naturkatastrophe in Haiti Staatsbürger oder Mitglieder verloren haben, folgendes erklären: Wir hegen keinen Zweifel daran, dass sie in diesem Augenblick die größten Anstrengungen unternehmen werden, um Menschenleben zu retten und um den Schmerz dieses leidgeprüften Volkes zu lindern. Wir können sie nicht für das Naturphänomen verantwortlich machen, doch wir sind auch nicht mit der Politik einverstanden, die gegenüber Haiti verfolgt wurde.

Dabei ist es höchste Zeit, reale und wahrhaftige Lösungen für dieses Brudervolk zu suchen.

Auf dem Gebiet der Gesundheit und in anderen Bereichen arbeitet Kuba, obwohl es ein armes Land unter einer Blockade ist, seit Jahren mit dem haitianischen Volk zusammen. Rund 400 Ärzte und Spezialisten aus dem Gesundheitswesen offerieren dem haitianischen Volk unentgeltliche Dienste. In 227 der 337 Gemeinden des Landes arbeiten Tag für Tag unsere Ärzte. Zugleich sind nicht weniger als 400 junge Haitianer in unserer Heimat als Ärzte ausgebildet worden. Sie werden jetzt mit den Verstärkungskräften zusammenarbeiten, die gestern aufbrachen, um in dieser kritischen Situation Leben zu retten. Infolge dessen können ohne besonderen Aufwand bis zu Tausend Ärzte und Gesundheitsspezialisten mobilisiert werden, die bereits fast alle vor Ort und dazu bereit sind, mit jedem anderen Staat zusammen zu arbeiten, der haitianische Leben retten und Verletzte behandeln möchte.

Eine weitere nennenswerte Zahl von jungen Haitianern befindet sich zum Medizinstudium in Kuba.

Außerdem arbeiten wir mit dem haitianischen Volk auch in anderen Bereichen zusammen, die in unseren Möglichkeiten stehen. Trotzdem wird es, wenn man es so nennen will, darüber hinaus keine würdigere Form der Zusammenarbeit geben als mit Ideen und politischem Handeln für ein Ende der grenzenlosen Tragödie zu kämpfen, unter der eine große Zahl von Nationen ebenso wie Haiti leidet.

Die Leiterin unserer Ärztebrigade hat vermeldet: "Die Situation ist schwierig, aber wir haben bereits damit begonnen, Leben zu retten". Sie tat dies in einer knappen Botschaft, wenige Stunden nachdem sie gestern mit zusätzlichen ärztlichen Verstärkungskräften in Port-au-Prince angekommen ist.

Spät am Abend teilte sie dann mit, dass die kubanischen Ärzte und die an der ELAM (Lateinamerikanische Medizinhochschule) in Havanna ausgebildeten Haitianer in alle Teile des Landes aufbrechen. Sie hatten in Port-au-Prince bereits mehr als Tausend Patienten behandelt, nachdem sie ein Hospital, das nicht eingestürzt war, als Notkrankenhaus in Funktion gesetzt und Zelte aufgebaut hatten, wo dies nötig war. Sie waren auch dabei, rasch weitere Notfallzentren einzurichten.

So empfinden wir einen gesunden Stolz auf die Hilfe, die die kubanischen Ärzte und die jungen in Kuba ausgebildeten haitianischen Ärzte ihren Brüdern in Haiti leisten!


Fidel Castro Ruz

14.Januar 2010
20.25 Uhr

Übersetzung von amerika21.de

Sonntag, 3. Januar 2010

Die Welt fünfzig Jahre später

Reflexionen des Genossen Fidel: Die Welt fünfzig Jahre später

Vor zwei Tagen, zum 51. Jahrestag des Siegs der Revolution, kamen in mein Gedächtnis die Erinnerungen an den 1. Januar 1959. Keiner von uns hatte niemals die eigenartige Idee gehabt, dass wir uns nach einem halben Jahrhundert, das sehr schnell vergangen ist, daran erinnern würden, als wäre es gestern gewesen.

Während des Treffens am 28. Dezember 1958 in der Zuckerfabrik Oriente mit dem Oberbefehlshaber der feindlichen Truppe, deren Eliteeinheiten einkesselt und ohne Möglichkeit zu entkommen waren, erkannte dieser seine Niederlage an und berief sich auf unseren Edelmut, um eine ehrenvolle Lösung für den Rest der Truppe zu finden. Er wusste, dass wir die Gefangenen und Verletzten ohne Ausnahme menschlich behandeln.Er akzeptierte die von mir vorgeschlagene Vereinbarung, obwohl ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass wir die begonnenen Operationen fortsetzen würden. Aber er fuhr in die Hauptstadt und von der US-Botschaft angestiftet veranlasste er einen Staatsstreich.

Wir bereiteten uns für die Schlachten an jenem 1. Januar vor, als wir in der Nacht die Nachricht von der Flucht des Tyrannen bekamen. Der Rebellenarmee wurde befohlen, den Waffenstillstand nicht zu akzeptieren und die Schlachten an allen Fronten weiterzuführen. Über Radio Rebelde wurden die Arbeiter zu einem revolutionären Generalstreik aufgerufen, der von der gesamten Nation unverzüglich unterstützt wurde. Der Staatsputschversuch wurde geschlagen und am Nachmittag des selben Tages marschierte unsere siegreiche Truppe in Santiago de Cuba ein.

Che und Camilo bekamen Anweisungen, entlang der Landstraße mit ihren abgehärteten Truppen in Kraftfahrzeugen in Richtung von La Cabaña und dem militärischen Lager Columbia schnell vorzurücken. Die Gegnerarmee, angeschlagen an allen Fronten, hätte so keine Widerstandsmöglichkeit. Das aufständische Volk besetzte selbst die Unterdrückungszentren und die Polizeistationen. Am 2. Nachmittag traf ich mich, begleitet von einer kleinen Eskorte, im Stadion von Bayamo mit mehr als zwei tausend Soldaten der Panzer und der motorisierten Artillerie und Infanterie, gegen die wir bis zum Tag vorher gekämpft hatten. Sie trugen noch ihre Waffen. Wir hatten den Respekt des Gegners mit unseren verwegenen aber menschlichen Methoden eines irregulären Krieges gewonnen. Auf diese Art und Weise fielen in nur vier Tagen – nach 25 Monate eines Krieges, den wir mit nur einigen Gewehren begannen – ungefähr hundert Tausend Luft-, Meer- und Landwaffen und die gesamte Staatsmacht in Revolutionshände. In nur wenigen Worten werde ich erzählen, was an diesen Tagen vor 51 Jahren geschah.

Es begann damals die Hauptschlacht: Die Unabhängigkeit Kubas vor dem mächtigsten Imperium, das je existiert hat, zu bewahren, und diese Schlacht wurde von unserem Volk würdevoll geliefert. Es freut mich jetzt sehr, diese Personen zu beobachten, die trotz der unglaublichen Hindernisse, Opfer und Risiken fähig waren unser Vaterland zu verteidigen und heute die Freude und Herrlichkeit jedes neuen Jahres zusammen mit ihren Kindern, Eltern und Verwandten genießen.

Aber die heutigen Tage sind ganz verschieden von den gestrigen. Wir leben in einer neuen Epoche, die keiner anderen in der Geschichte ähnelt. Damals kämpften die Völker, und sie kämpfen immer noch, ehrenvoll für eine bessere und gerechtere Welt, aber heutzutage müssen sie, außerdem, und ohne eine mögliche Alternative, für das Überleben der eigenen Spezies kämpfen. Wir wissen überhaupt nichts, falls wir das nicht wissen wollen. Kuba ist zweifellos eins der politisch gebildetsten Länder der Welt. Wir sind von einem beschämenden Analphabetismus ausgegangen und noch schlimmer, unsere Herren, die Yankees und die mit den ausländischen Eigentümern assoziierte Bourgeoisie waren die Eigentümer des Bodens, der Zuckerfabriken, der Konsumgüter-Betriebe, der Lagerhallen, des Handels, der Elektrizität, der Telefonzentrale, der Banken, der Bergwerke, der Versicherung, der Häfen, der Bars, der Hotels, der Büros, der Wohnhäusern, der Kinos, der Druckereien, der Zeitschriften, der Zeitungen, des Rundfunks, des aufkommenden Fernsehens und von allem was Wert hatte.

Die Yankees hatten sich, nachdem die leidenschaftliche Flamme unseres Freiheitskampfes erloschen war, angemaßt, an Stelle eines Volks zu denken, das so viel gekämpft hatte, um Eigentümer seiner Unabhängigkeit, seines Reichtums und seines Schicksals zu sein. Überhaupt nichts hatten wir, nicht einmal die Aufgabe politisch zu denken. Wie viele konnten lesen und schreiben? Wie viele hatten mindestens die sechste Klasse erreicht? Ich erinnere mich daran besonders an einem Tag wie heute, denn dieses war das Land, von dem man annahm, dass es den Kubanern gehörte. Ich werde nichts Anderes erwähnen, sonst müsste ich viel mehr einschließen, darunter die besten Schulen, die besten Krankenhäuser, die besten Wohnhäuser, die besten Ärzte, die besten Rechtsanwälte. Wie viele hatten Zugang dazu? Wie viele hatten mit einigen Ausnahmen, das selbstverständliche und göttliche Recht, Verwalter oder Chefs zu sein?

Alle Millionäre oder Reichen, ohne Ausnahme, waren Parteileiter, Senator, Abgeordneter oder ein wichtiger Funktionär. Diese war die parlamentarische und pure Demokratie, die in unserem Vaterland herrschte. Die einzige Ausnahme war, dass die Yankees, nach ihrem Gutdünken, schonungslose und grausame Kleintyrannen ihren Interessen entsprechend auferlegte, um ihr Eigentum vor den landlosen Bauern und den Arbeitern, mit oder ohne Arbeit, besser zu verteidigen. Da niemand mehr darüber spricht, wage ich mich, daran zu erinnern. Unser Land gehört zu den mehr als 150 Ländern der Dritten Welt. Sie werden die ersten aber nicht die einzigen sein, die unter den unglaublichen Folgen leiden werden, falls die Menschheit nicht ein klares, wahres und schnelleres Bewusstsein erreicht, als wir ahnen bezüglich der Wirklichkeit und der Folgen des von den Menschen verursachten Klimawandels und wenn wir nicht in der Lage sind, ihn rechtzeitig zu verhindern.

Unsere Massenmedien haben über die Folgen des Klimawandels geschrieben. Die immer heftigeren Hurrikans, die Dürren und andere Naturkatastrophen haben auch zur Bildung unseres Volkes in diesem Thema beigetragen. Ein eigenartiges Ereignis war beim Kopenhagener Gipfel gelieferte Schlacht um den Klimawandel, die zur Kenntnis über die imminente Gefahr beigetragen hat. Es handelt sich nicht um ein fernliegendes Risiko für das 22. Jahrhundert, sondern für das 21. Jahrhundert. Es ist auch nicht ein Risiko für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts, sondern für die nächsten Jahrzehnte, in denen wir unter den peinlichen Folgen leiden werden.

Es handelt es sich auch nicht um eine einfache Aktion gegen das Imperium und seine Anhänger, die in diesem Thema wie in allen anderen versuchen, ihre dummen und egoistischen Interessen aufzuzwingen. Es handelt sich um eine Schlacht der Weltöffentlichkeit, die man nicht der Spontaneität oder der Laune der Mehrheit der Medien überlassen darf. Millionen ehrlicher und tapferer Menschen in der Welt kennen zum Glück diese Situation. Diese Schlacht muss man mit den Massen und im Schoß der Massenorganisationen sowie in wissenschaftlichen, kulturellen, humanitären und andere internationalen Einrichtungen liefern, vor allem im Schoß der Vereinten Nationen, wo die US-Regierung, ihre Alliierten der NATO und die reichsten Länder versucht haben, in Dänemark einen betrügerischen und antidemokratischen Anschlag gegen die Schwellenländer und die armen Länder der Dritten Welt zu verüben.

In Kopenhagen hat die kubanische Delegation neben anderen Delegationen der ALBA-Gruppe und der Länder der Dritten Welt teilgenommen. Sie musste energisch gegen die unglaublichen Ereignisse, die durch die Rede des Yankee-Präsidenten Barack Obama und die reichsten Staaten der Welt verursacht wurden, kämpfen. Diese waren entschlossen, die verbindlichen Verpflichtungen von Kyoto aufzuheben, wo vor zwölf Jahre über dieses schwierige Problem diskutiert wurde. Sie wollten, dass die Schwellenländer und die unterentwickelten Länder das größte Opfer leisten. Diese sind die ärmsten Länder und gleichzeitig die Hauptzulieferer der Rohstoffe und nicht erneuerungsfähigen Ressourcen der Welt in die entwickelsten und reichsten Länder.

Nach Kopenhagen ist Obama am letzten Tag der am 7. Dezember begonnenen Konferenz gekommen. Das schlimmste seines Verhaltens war, dass er nach Oslo zum Empfangen des Friedensnobelpreises geflogen ist, als er schon entschieden hatte, 30 Tausend Soldaten zur Metzelei von Afghanistan zu senden, einem Land mit einer starken Unabhängigkeitstradition, das nicht einmal die Engländer in ihren besten und grausamsten Zeiten unterwerfen konnten. Er kam am 10. Dezember in der norwegischen Hauptstadt und hielt dort eine leere, demagogische und rechtfertigende Rede. Am 18., dem Tag der letzten Gipfelsitzung, erschien er in Kopenhagen, wo er anfänglich acht Stunden bleiben wollte. Am Tag vorher war die Staatssekretärin und eine ausgewählte Gruppe ihrer besten Strategen angekommen.

Das erste, was Obama machte, war, eine Teilnehmergruppe auszuwählen, die die Ehre bekam, ihn bei seiner Gipfelrede zu begleiten. Der dänische Premierminister, der den Gipfel leitete, gab dieser Gruppe von ca. 15 Personen gefällig und schmeichlerisch das Wort. Der Imperiumschef verdiente besondere Ehren. Seine Rede war eine Mischung von süßen Worten gewürzt mit Theatergestik, die Personen wie mich langweilen, die sich die Aufgabe geben, ihm zu zuhören, um zu versuchen, bei der Bewertung seiner politischen Eigenschaften und Absichten objektiv zu sein. Obama hat seinem fügsamen dänischen Gastgeber aufgedrängt, dass nur seine Gäste das Wort ergreifen konnten, obwohl er nach seiner Rede durch der Hintertür „abgegangen ist“, wie ein Kobold, der vor seiner Zuhörerschaft entflieht, die ihm interessiert zugehört hatte.

Nachdem die aufgestellte Rednerliste erschöpft war, forderte ein waschechter Aymara-Indianer, der bolivianische Präsident Evo Morales, der vor kurzem mit 65% der Stimmen wiedergewählt wurde, sein Recht, sich zu Wort zu melden. Angesichts des stürmischen Beifalls wurde ihm das Wort erteilt. In nur neun Minuten hat er tiefe und angemessene Auffassungen zum Ausdruck gebracht, die auf die Worte des abwesenden Präsidenten der Vereinigten Staaten antworteten. Gleich darauf stand Hugo Chávez auf, um zu bitten, im Namen der Bolivarischen Republik Venezuela zu sprechen; Dem Sitzungsvorsitzenden blieb keine andere Wahl als auch ihm das Wort zu erteilen, was er genutzt hat, um eine der brillantesten Reden, die ich von ihm gehört habe, zu improvisieren. Schließlich setzte ein Hammerschlag der ungewöhnlichen Sitzung ein Ende.

Der äußerst beschäftigte Obama und sein Gefolge hatten jedoch keine Minute zu verlieren. Seine Gruppe hatte einen Erklärungsentwurf voller vagem Gerede erarbeitet, der die Negation des Kyoto-Protokolls war. Nachdem er vorschnell aus der Plenarsitzung gegangen war, traf er sich mit anderen Gruppen von Gästen, die keine 30 Personen waren. Er verhandelte im privaten Kreis und in Gruppen; Er drang, sprach über ganz riesige Summen von grünen Scheinen ohne Golddeckung, die ständig abgewertet werden. Er drohte sogar damit, das Treffen zu verlassen, wenn man in seine Forderungen nicht einwilligen würde. Das Schlimmste daran war, dass es sich um ein Treffen von Superreichen handelte, zu dem mehrere der wichtigsten Schwellenländern und zwei oder drei arme Länder eingeladen wurden, denen er das Dokument so vorlegte wie jemand der vorschlägt: Du machst mit oder nicht!

Diese verworrene mehrdeutige und widersprüchliche Erklärung – an deren Diskussion die Organisation der Vereinten Nationen gar nicht teilgenommen hatte – versuchte der dänische Ministerpräsident als Abkommen des Gipfels vorzulegen. Die Sitzungsperiode des Gipfels war bereits zu Ende, fast alle Staats-, Regierungschefs und Außenminister waren in ihre entsprechenden Länder zurückgereist, und um drei Uhr nachts legte der angesehene dänische Ministerpräsident es der Plenarsitzung vor, wo hunderte geduldige Beamte, die seit drei Tagen nicht geschlafen hatten, das umständliche Dokument bekamen. Ihnen gab er nur eine Stunde, um es zu beurteilen und über dessen Gutheißung zu entscheiden.

Dort entzündete sich das Treffen. Die Delegierten hatten kaum Zeit gehabt, es zu lesen. Mehrere baten ums Wort. Der erste war der aus Tuvalu, dessen Inseln überschwemmt werden würden, wenn in das eingewilligt würde, was da vorgeschlagen war. Ihm folgten die aus Bolivien, Kuba und Nicaragua. Es ist wert, dass die dialektische Konfrontation um 3 Uhr jener Nacht vom 19. Dezember, in die Geschichte eingeht, wenn die Geschichte noch viel länger nach dem Klimawandel fortdauert.

Da ein großer Teil der Geschehnisse in Kuba bekannt ist, oder in den Webseiten im Internet steht, werde ich mich darauf beschränken, die zwei Widerreden des kubanischen Außenministers Bruno Rodríguez nur zum Teil zu zitieren, weil sie es wert sind, genannt zu werden, um die letzten Teile der Seifenoper von Kopenhagen zu kennen, sowie die Elemente des letzten Kapitels, die in unserem Land noch nicht veröffentlicht worden sind.

„Herr Vorsitzender (Ministerpräsident ¨von Dänemark)… nun ist das Dokument aufgetaucht, von dem Sie mehrmals behauptet haben, dass es nicht existiere. Wir alle haben Fassungen gesehen, die heimlich verbreitet und in kleinen geheimen Versammlungen diskutiert werden, außerhalb der Säle, in denen die Völkergemeinschaft durch ihre Vertreter transparent verhandelt.“

„Ich schließe meine Stimme der von den Vertretern aus Tuvalu, Venezuela und Bolivien an. Kuba hält den Text dieses vermeintlichen Entwurfes für äußerst unzureichend und unannehmbar…“

„Das Dokument, das Sie unglücklicherweise vorlegen, enthält keine Verpflichtung zur Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen.

„Ich kenne die vorherigen Fassungen, welche auch mittels fraglicher und geheimer Prozeduren in geschlossenen Cliquen verhandelt worden sind, die zumindest über eine Reduzierung von 50% für das Jahr 2050 sprachen…“

„Das Dokument, das Sie jetzt vorlegen, lässt gerade die bereits mageren und unzureichenden Schlüsselworte jener Fassung aus. Dieses Dokument gewährleistet auf keinen Fall das Ergreifen von Mindestmaßnahmen, die eine höchst ernste Katastrophe für den Planeten und die menschliche Gattung vermeiden können.“

„Dieses schändliche Dokument, das Sie bringen, ist auch nachlässig und mehrdeutig bezüglich der spezifischen Verpflichtung zur Reduzierung der Emissionen seitens der entwickelten Länder, die für die globale Erwärmung verantwortlich sind und zwar aufgrund der historischen und aktuellen Werte ihrer Emissionen, von denen man ab sofort substanzielle Reduzierungen fordern muss. Dieses Papier enthält kein einziges Wort zur Verpflichtung seitens der entwickelten Länder."

„… Ihr Papier, Herr Vorsitzender, ist die Sterburkunde des Protokolls von Kyoto, welche meine Delegation nicht annimmt.“

"Die kubanische Delegation möchte Nachdruck auf das Vorrecht über „gemeinsame aber unterschiedliche Verantwortlichkeiten“ legen, als zentraler Begriff des zukünftigen Verhandlungsprozesses. In Ihrem Papier steht kein Wort davon.”

„Die kubanische Delegation wiederholt ihren Protest wegen den ernsten Verfahrensverletzungen, die während der antidemokratischen Leitung des Prozesses dieser Konferenz zustande gekommen sind, besonders durch die Anwendung von willkürlichen, ausschließenden und diskriminierenden Diskussions- und Verhandlungsformen…“

„Herr Vorsitzender, ich beantrage förmlich, diese Erklärung in den Abschlussbericht über die Arbeiten dieser bedauerlichen und beschämenden 15. Konferenz der Parteien aufzunehmen.”


Was sich niemand vorstellen konnte, war die Tatsache, dass nach einer anderen langen Pause und als alle bereits dachten, dass nur die formellen Formalitäten fehlten, um den Gipfel als abgeschlossen zu erklären, der Ministerpräsident des Gastlandes, angestiftet von den Yankees, nochmals versuchen würde, das Dokument für einen Konsens des Gipfels halten zu lassen, als nicht einmal die Außenminister in der Plenarsitzung blieben. Delegierte aus Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Kuba, die wachsam und schlaflos bis zur letzten Minute blieben, zerschlugen das letzte Manöver in Kopenhagen.

Das Problem war allerdings noch nicht zu Ende gehen. Die Mächtigen sind weder an Widerstand gewöhnt noch lassen ihn zu. Am 30. Dezember teilte die Dänische Ständige Vertretung vor den Vereinten Nationen in New York unserer Vertretung in jener Stadt höflich mit, dass sie die Kopenhagen-Vereinbarung vom 18. Dezember 2009 zur Kenntnis genommen hätte und eine Kopie dieser Entscheidung im Voraus schicke. Sie enthält wortwörtlich folgendes: „…die dänische Regierung in ihrer Eigenschaft als Vorsitzender der COP 15, lädt die Parteien der Konvention ein, dem Sekretariat der UNFCCC so früh wie möglich schriftlich, ihren Wille, sich dem Abkommen von Kopenhagen anzuschließen, mitzuteilen."

Diese unerwartete Mitteilung veranlasste die Antwort der Kubanischen Ständigen Vertretung vor den Vereinten Nationen, in der sie „das Vorhaben durchaus ablehnt, auf indirektem Weg in einen Text einzuwilligen zu lassen, der Gegenstand der Ablehnung von mehreren Delegationen gewesen ist, und zwar nicht nur aufgrund seiner Unzulänglichkeiten hinsichtlich der ernsten Folgen des Klimawandels, sondern auch weil er ausschließlich den Interessen einer kleinen Staatengruppe entspricht.“

Ebenfalls hat er einen Brief des Ersten Vizeministers vom Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Umwelt der Republik Kuba an Herrn Yvo de Boer, Exekutivsekretär der Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zum Klimawandel ausgelöst. Einige dieser Absätze lauten wie folgt:

„Wir haben unerwartet und mit Sorge die Mitteilung erhalten, die von der dänischen Regierung an die Ständigen Vertretungen der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in New York geschickt wurde, die Sie gewiss kennen, mittels der, die Teilnehmerstaaten der Rahmenkonvention der Vereinten Nationen zum Klimawandel eingeladen werden, dem Exekutivsekretariat schriftlich und bei baldigster Gelegenheit ihren Wunsch mitzuteilen, sich dem sogenannten Abkommen von Kopenhagen anzuschließen.“

„Wir haben mit zusätzlicher Sorge beobachtet, dass die Regierung Dänemarks mitteilt, dass das Exekutivsekretariat der Konvention in den Bericht der in Kopenhagen stattgefundenen Konferenz der Parteien eine Liste derjenigen Teilnehmerstaaten aufnehmen wird, die ihren Willen geäußert hätten, sich dem erwähnten Abkommen anzuschließen."

„Nach Erachten der Republik Kuba stellt diese Handelsart eine plumpe und verwerfliche Verletzung der Entscheidung von Kopenhagen dar, wo aufgrund des offensichtlichen Konsensmangels die Teilnehmerstaaten sich darauf beschränkt haben, das Vorhandensein eines solchen Dokuments nur zur Kenntnis zu nehmen."

Keine der Vereinbarungen in der 15. COP ermächtigt die Regierung Dänemarks diese Aktion durchzuführen und auf keinen Fall das Exekutivsekretariat in Abschlussbericht eine Liste der Teilnehmerstaaten aufzunehmen, wofür es keine Vollmacht hat"

„Ich muss Sie darauf hinweisen, dass die Regierung der Republik Kuba auf nachdrücklichste Weise diesen neuen Versuch ablehnt, auf indirektem Wege ein unechtes Dokument zu legitimieren und außerdem Ihnen immer wieder betonen, dass diese Handelsart das Ergebnis zukünftiger Verhandlungen aufs Spiel setzt, einen gefährlichen Präzedenzfall für die Arbeiten der Konvention schafft und besonders die ehrliche Absicht verletzt, mit der die Delegationen den Verhandlungsprozess im nächsten Jahr fortsetzen müssen“
, beendete der Erste Vizeminister für Wissenschaft, Technologie und Umwelt aus Kuba.

Viele, besonders die sozialen Bewegungen und die besser informierten Personen aus den humanitären, kulturellen und wissenschaftlichen Einrichtungen, wissen, dass das von den Vereinigten Staaten angestiftete Dokument einen Rückschlag in der von denjenigen erreichten Lage darstellt, die sich bemühen, eine kolossale Katastrophe für unsere Gattung zu vermeiden. Es wäre überflüssig hier Zahlen und Tatsachen zu wiederholen, die das mathematisch beweisen. Die Angaben stehen auf den Webseiten im Internet und sind der wachsenden Anzahl von Personen zugänglich, die sich für dieses Thema interessieren.

Die Theorie, mit der man das Anschließen an das Dokument gerechtfertigt, ist haltlos und bedeutet einen Rückschlag. Angeführt wird die betrügerische Idee, nach der die reichen Länder eine knickerige Summe in Höhe von 30 Milliarden Dollar in drei Jahren für die armen Länder beitragen würden, um die Kosten zur Bekämpfung des Klimawandels zu bestreiten, das ist eine Zahl, die im Jahr 2020 um 100 Milliarden pro Jahr steigen könnte, was vor diesem äußerst ernsten Problem bedeuten würde, auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu warten. Die Fachleute wissen, dass diese Zahlen aufgrund des zu beanspruchenden Investitionsumsatzes lächerlich und unannehmbar sind. Die Herkunft solcher Summen ist vage und konfus, sodass sie niemanden verantwortlich machen.

Was ist ein Dollar wert? Was bedeuten 30 Milliarden? Wir alle wissen, dass seit Bretton Woods im Jahr 1944 bis zum Befehl von Präsidenten Nixon im Jahr 1971 – erteilt, damit die Weltwirtschaft die Kosten des völkermörderischen Krieges gegen Vietnam deckt -, der Wert eines Dollars, umgerechnet in Gold, so gesunken ist, dass er heute 32 mal weniger wert ist als damals; 30 Milliarden bedeuten weniger als 1 Milliarde, und 100 Milliarde geteilt durch 32 sind gleich 3.125, die heutzutage nicht einmal zum Bau einer Erdölraffinerie mittlerer Kapazität ausreichen.

Würden die Industrieländer gelegentlich die Versprechung erfüllen, den Entwicklungsländern 0,7 Prozent des BIP beizutragen –etwas, das sie niemals getan haben, bis auf seltene Ausnahmen – würde die Zahl die 250 Milliarden Dollar im Jahr übersteigen.

Um die Banken zu retten hat die Regierung der Vereinigten Staaten 800 Milliarden ausgegeben; wie viel wäre sie bereit auszugeben, um die 9 Milliarden Personen zu retten, die im Jahr 2050 den Planeten bewohnen werden, wenn es vorher keine großen Dürren und Überschwemmungen gibt, die vom Meer aufgrund des Abschmelzens von Gletschern und großer Mengen gefrorenen Wasser in Grönland und der Antarktis verursacht werden?

Lassen wir uns nicht täuschen. Was die Vereinigten Staaten mit ihren Manövern versucht haben, ist, die Dritte Welt zu teilen, mehr als 150 unterentwickelte Länder von China, Indien, Brasilien, Südafrika und anderen zu trennen, mit denen wir zusammen kämpfen müssen, um in Bonn, Mexiko oder auf irgendeiner anderen internationalen Konferenz neben den sozialen, wissenschaftlichen und humanitären Organisationen echte Abkommen zu verteidigen, die alle Länder begünstigen und die Menschheit vor einer Katastrophe schützen, die zum Aussterben unserer Gattung führen kann.

Die Welt verfügt über immer mehr Information, aber die Politiker über immer weniger Zeit, zu denken.

Die reichen Nationen und deren Führer, und auch der Kongress der Vereinigten Staaten scheinen zu diskutieren, wer zuletzt verschwinden wird.

Wenn Obama die 28 Partys hinter sich hat, mit denen er beabsichtigte, Weihnachten zu feiern, wenn da die Party der Heiligen Drei Königen eingeschlossen ist, werden ihm Caspar, Melchior und Balthasar vielleicht raten, was er zu tun hat.

Ich bitte darum, mich wegen der Länge zu entschuldigen. Ich wollte diese Reflexion nicht in zwei Teilen trennen. Ich bitte die geduldigen Leser um Entschuldigung.



Fidel Castro Ruz

3. Januar 2010
15:16 Uhr